Fotokünstler Elger Esser Sehnsucht nach dem verlorenen Ort

Für seine großformatigen Fotografien von Landschaften und Orten lässt sich Elger Esser von der Malerei des 19. Jahrhunderts, der Literatur und alten Postkarten inspirieren. Seen.by sprach mit dem Fotokünstler über Schönheit, Raum und Zeit.


Frage: Herr Esser, wie sind Sie von der Fotografie zur Fotokunst gekommen?

Elger Esser: Ich habe schon in meiner Adoleszenz angefangen zu fotografieren. Meine Mutter war Pressefotografin in Rom. Ich bin im Künstlermilieu groß geworden. Nach dem Abitur bin ich bei Düsseldorfer Fotografen in die freie Assistenz gegangen. Hier in Düsseldorf haben wir neben Werbung sehr viele Repros für Künstler gemacht. Daneben habe ich immer für mich selber fotografiert. Es lag dann irgendwann auf der Hand, in die Kunst zu gehen.

Frage: War das Thema Landschaft schon immer Ihr Thema?

Esser: Es war hauptsächlich Architektur, ging aber schon in die Landschaft hinein. Ich hatte mich damals an der Akademie in Düsseldorf mit Themen beworben, die mir heute noch nahe sind. Zum Beispiel Strandbauten in Italien, die zum Fangen von Krebsen benutzt werden oder Menhire in Frankreich. Es waren immer menschliche Hinterlassenschaften und sehr archaische Konstruktionen.

Frage: Sie gehörten zu den letzten Becher-Schülern an der Kunstakademie. Was haben Sie von dem berühmten Fotografenehepaar gelernt, das so ganz andere Themen verfolgte?

Esser: Ich habe versucht, so systematisch wie sie zu arbeiten, aber dann hat sich meine Biografie immer mehr durchgedrückt. Dennoch haben sie mich in meiner Arbeit bestärkt. Sie haben in mir jemanden gesehen, der aus sich heraus arbeitet und seinen Erzählstrang findet. Das war ihnen am wichtigsten. Bernd Becher hat einmal gesagt: "Esser, man muss einfach eine Geschichte zu erzählen haben." Damals habe ich noch nicht so richtig begriffen, was er damit meinte, aber heute weiß ich das sehr genau.

Frage: Trotzdem sind Sie weit entfernt vom Dokumentieren alter Industriebauten.

Esser: Die Bechers waren sicherlich nicht immer einverstanden mit dem was ich mache und was ich in den Bildern wieder habe aufkeimen lassen, nämlich diese Stimmung, Emotionen und Erinnerungen. Dagegen haben sie sich aufgelehnt, weil sie sich an die Moderne angebunden fühlten. Doch fühle ich mich ihnen zwar unter bestimmten formalen Aspekten fern, doch unter inhaltlichen sehr nahe. So eine Nähe zum 19. Jahrhundert wie sie die Bechers hatten, hat kein anderer Schüler übernommen außer mir.

Frage: Bei der aktuellen Ausstellung werden ausschließlich Bilder aus Frankreich gezeigt. Woher kommt Ihr Interesse an Frankreich?

Esser: Meine Mutter war Französin, ich bin auch französischer Staatsbürger und habe in Frankreich oft meine Sommerferien verbracht. Zu Frankreich verbindet mich die Suche nach der eigenen Herkunft.

Frage: Haben Ihre Bilder - wie es bei Landschaftsbildern früher oft der Fall war - auch dokumentarische Bedeutung?

Esser: Ich würde sagen, sie erfüllen gleich mehrere Aspekte. Man könnte sie auch als dokumentarische Bilder sehen, wenn man die ganzen Arbeiten jetzt mal schwarzweiß drucken würde. Durch diese Farbe, die ich ihnen gebe kommt jedoch noch hinzu, dass es um Schönheit geht, um Emotion, Erinnerung.

Frage: Was ist Schönheit für Sie?

Esser: Ich habe mit dem Begriff Schönheit nie auf Kriegsfuß gestanden. Mir ist wichtig, dass sich die Schönheit meiner Bilder nicht so schnell verbraucht. Ich wollte immer das Gefühl haben, die Dinge altern gut und in Würde. Dies steht auch im Gegensatz zu der stereotypen Weise, in der man heute mit Schönheit umgeht - ohne dass ich jetzt einen gesellschaftskritischen Ansatz verfolge.

Frage: Und Kunst?

Esser: In Deutschland - und ich fühle mich nicht als Deutscher, auch wenn in mir eine deutsche Seele wohnt - müssen Künstler und die Kunst immer gebrochen sein und die Kunst muss immer etwas problematisieren. Mir war das immer fern. Künstler wird man nicht aus Behagen, sondern aus Unbehagen. So viel Ruhe meine Bilder auch ausstrahlen, so viel Unruhe steht auf der anderen Seite.

Frage: Woher rührt Ihre Unruhe?

Esser: Wie hat Hemingway gesagt: Was braucht man, um ein erfolgreicher Schriftsteller zu werden? Ein bisschen Talent und eine unglückliche Kindheit. Die Unruhe ist immer der erste Pol, weshalb man Künstler wird. Deshalb funktioniert es ja auch nicht, wenn ein 40-jähriger, erfolgreicher Werbefotograf, der schon alles erreicht hat, sagt, jetzt widme ich mich mal wieder mir selbst und werde Künstler. Der weiß schon zu viel.

Frage: Die Titel der gedruckten Schwarzweißbilder, Ihrer Heliogravüren, beziehen sich auf den Ort Combray aus Prousts Roman "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit." Wonach suchen Sie?

Esser: Auf meinen Fahrten komme ich häufig durch Orte in Frankreich, wo ich wunderbare Sachen sehe, die ich aber nie in das Konzept meiner Landschaften integrieren konnte. Dafür musste ich eine neue Sprache finden. Bei der Lektüre von Proust ging mir dann auf, dass Combray ja ein konstruierter Ort ist, sozusagen das ewige Dorf unserer Jugend und Kindheit.

Frage: Die Heliogravüren-Technik steht im Gegensatz zur digitalen Welt. Ist ihre Verwendung nicht ein Anachronismus?

Esser: Es ist ein phantastisches Verfahren, das auszusterben droht. Ich dachte, es ist einfach eine Gelegenheit, diese ganze Technik gebührend zu ehren, weil es letztlich auch durch die Arbeit über die ganzen Postkarten, die ich gemacht habe, genau dahin wieder zurückführt.

Frage: Bei den Postkarten wird das Verfahren umgekehrt. Sie entnehmen hier Motive aus der Vergangenheit und verarbeiten sie mit modernen Techniken.

Esser: Genau. Diese Bögen durch die Zeit mache ich sehr gerne. Sie ermöglichen es mir, meine Arbeiten der Zeit zu entheben. Das Verfahren ist, immer wieder zurück zu gehen und darin die Gegenwart zu spiegeln.

Frage: Können Sie den Ausstellungstitel "Eigenzeit" erläutern?

Esser: Das Wort Zeit kommt in so vielen Titeln vor. Ich habe dann einfach noch mal bei Einstein geforscht und gemerkt dass es den wunderbaren Begriff der Eigenzeit gibt, den man zweifach lesen kann. Einmal als physikalischen Begriff, der auf die Arbeit passt, weil nämlich jeder seine relative Zeit hat und das künstlerisch auch umsetzen kann, und dann noch das mit der eigenen Geschichte, das Künstler-Ego. Das fand ich ganz passend.


Ausstellung: "Eigenzeit", Kunstmuseum Stuttgart, 28.11.2009 - 11.4.2010

Buch: Elger Esser, "Wrecks", Monographie, Selbstverlag, Düsseldorf 2009 (Limitierte Auflage: 1.000, davon 250 mit Signatur), über schaden.com

Das Interview führte Anna Wander, seen.by

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insgesamt 2 Beiträge
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Mulharste, 24.02.2010
1. -
Zitat von sysopFür seine großformatigen Fotografien von Landschaften und Orten lässt sich Elger Esser von der Malerei des 19. Jahrhunderts, der Literatur und alten Postkarten inspirieren. Seen.by sprach mit dem Fotokünstler über Schönheit, Raum und Zeit. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,679496,00.html
ich finde die Arbeiten ehrlich gesagt jetzt nicht so spektakulär.
neejah 25.02.2010
2. dito
Zitat von Mulharsteich finde die Arbeiten ehrlich gesagt jetzt nicht so spektakulär.
dem stimme ich größtenteils zu, mein Fall ist das auch nicht wirklich! Allerdings machen die stilisierten Meeresaufnahmen schon ein bisschen was her... dem Rest konnte ich nichts abgewinnen, jede Aufnahme vom Sonntagsspaziergang hat mehr Spannung.
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