Fotokunst Der koreanische Stamm-Gast

Er fotografiert seit 25 Jahren Kiefern - und kreierte eine eigene Baumschule des Sehens: Der Künstler Bien-U Bae hat die in Korea heilige Baumsorte zum faszinierenden Objekt seines Werks gemacht.

Von Nora Reinhardt


Es gibt wenig dankbarere Motive für einen Hobbyfotografen als ein alter, schön gewachsener Baum: Rindenstruktur, Baumkronen und Astwerk sehen von Natur aus interessant aus. Auch von Vorteil, vor allem bei Anfängern: Das Objekt kann nicht weglaufen - es bleibt genügend Zeit, ein Stativ aufzubauen.

Für den südkoreanischen Fotografen Bien-U Bae sind Bäume aber mehr als nur ein dankbares Motiv - auf seinen Bildern haben sie eine fast königliche Würde. Der 58-jährige Bae fotografiert seit 25 Jahren die Kiefern in dem berühmten alten Wald rund um den Schrein der Könige der Shilla-Dynastie in Kyongju, im Südosten Koreas. Bae ist gewissermaßen Stammgast in dem Kiefernwald. Seine vornehmliche Schwarz-Weiß-Fotografie ist ansprechend, aber nie gewöhnlich oder kitschig.

Bien-U Bae gilt als einer der bekanntesten zeitgenössischen Fotokünstler Koreas und hatte Einzelausstellungen mit seinen ruhigen Landschaftsaufnahmen von Seen, Bergen, Wäldern im In- und Ausland. Seit 1981 lehrt er als Professor für Fotografie am Seoul Institute of the Arts und hat durch seine lange Lehrtätigkeit eine Generation von Studenten mit seiner Bildsprache geprägt. Seine populärsten Aufnahmen aber sind die Kiefernwälder aus Kyongju.

Baumschule des Sehens

Der Bildband "Sacred Wood" zeigt die ganze Palette seiner Kiefernkunst: Ensembles, einzelne Bäume, Lichtungen, Hügellandschaften, Blick in Baumkronen, Nahaufnahmen von Stämmen, Rinden, Ästen, Wipfeln. Schiefe dicke Stämme genauso wie filigrane Stämmchen. Viele Tausende Aufnahmen sind mit seiner analogen Mittelformatkamera über die Jahrzehnte entstanden.

Prächtig sind seine Kiefern nie, eher schlicht. Bien-U Bae fotografiert den Wald so, dass er den Look einer Grafitzeichnung haben kann. Ist das wirklich ein Foto? Baumwipfel wie aus dem Tuschkasten hingetupft, Bäume wie mit der Kalligrafiefeder übers Blatt gemalt, ein schattengetigerter Stamm: Die Kiefern von Bae sind grafische Arbeiten mit dem Fotoapparat.

Baes meditative Bilder lassen Raum zum Abschweifen: Die Unbekümmertheit eines Waldspaziergangs, die Ruhe, das Streifen des Windes und die Sonnenstrahlen in den Ästen - all das ist plötzlich da, beim Betrachten der Bilder.

Trotzdem: "Ein Kiefernwald ist ein Kiefernwald ist ein Kiefernwald…was sonst?", wie der Kunstkritiker Thomas Wagner im Vorwort zu "Sacred Wood" schreibt - oder? "Für Koreaner sind Kiefern die Grundmauern ihrer Seele", antwortet ihm Bien-U Bae. In Korea und Japan haben Kiefern eine spezielle symbolische Bedeutung für die Bevölkerung. Deshalb hat die Kiefer in der asiatischen Kunst, Literatur und Musik eine lange Tradition.

Die Koreaner begleitet der Baum von der Wiege bis ins Grab. Zur Geburt eines koreanischen Babys etwa flechten die Eltern Kiefernäste und hängen sie an die Tür, um Unheil abzuwenden, zu Festtagen werden Gerichte mit Nadeln, Rinde und Pollen der Kiefer gekocht. Stirbt ein Koreaner, wird er in einen Kiefernsarg gebettet und in einem Kiefernwald begraben; ein Drittel der Fläche Koreas ist mit Kiefern bedeckt.

Da kann es nicht wundern, dass es in Korea sogar einen Ort gibt, in dem die immergrüne Kiefer als göttliches Wesen verehrt und angebetet wird. Bien-U Bae geht einen ähnlichen Weg: Er verehrt die alten, verwachsenen Kiefern des Königgrabmals mit seiner Kamera.


Buch Bien-U Bae: "Sacred Wood". Hatje Cantz, Ostfildern; 120 Seiten; 58 Euro.

Ausstellung Bien-U Bae "Sacred Wood". Zürich, Galerie Stockeregg, bis 20. Juni 2009.



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tapferes_schneiderlein 21.04.2009
1. Tolle Fotos!
das sind wirklich tolle fotos! ich selbst bin hobbyfotograf und verbringe meine wochenenden oft damit, bäume abzulichten. aber diese billder haben wirklich eine andere qualität...interessant, dass die kiefer für den koreaner anscheinend das ist, was dem deutschen die eiche ist.... :o)
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