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Fotokunst: Shirin Neshat in der Hamburger Kunsthalle

Von Gabriele Himmelmann

Fotos von verschleierten, dunkeläugigen Schönheiten, die wahlweise Waffen oder Blumen präsentieren, machten die Iranerin Shirin Neshat zum Shootingstar der Kunstszene. Jetzt sind ihre Bilder erstmals in Deutschland zu sehen.

Rätselhaft für westliche Betrachter: "Die Frauen Allahs"
Margarete Neunddlinger / Kunsthalle Wien

Rätselhaft für westliche Betrachter: "Die Frauen Allahs"

Die dick schwarz umrandeten dunklen Augen fixieren den Betrachter. Undurchdringlich blicken "Die Frauen Allahs" hinter ihrem Schleier hervor. Shirin Neshat führt die unterschiedlichen Lebenswelten von Männern und Frauen im Islam vor. Nach den Stationen Wien und London zeigt nun auch die Hamburger Kunsthalle Fotoarbeiten und Videos der in New York lebenden Iranerin.

Shirin Neshat gehört zu den gefragtesten und meistdiskutierten Künstlerinnen der Gegenwart. In der europäisch-amerikanischen Kunstszene gilt sie als feministische Multikulti-Künstlerin. Kaum eine der großen Kunstschauen verzichtet auf die Präsentation ihrer eindringlichen Schwarz-Weiß-Fotografien und Videos.

In der Fotoserie "Frauen Allahs" beispielsweise stattet sie ihre - verschleierten - Frauen immer wieder mit Gewehren und Dolchen aus. Beginn der islamischen Weltrevolution oder Protest gegen die Unterdrückung der Frau in der muslimischen Welt, ein Signal zum Aufbruch? Shirin Neshat lässt diese Frage offen. Die künstlerische Strategie der Uneindeutigkeit wird noch weitergeführt: Ihren Fotografien sind Gedichte von zeitgenössischen iranischen Lyrikerinnen in der Landessprache Farsi eingeschrieben. Da sich Neshats Fotoarbeiten vorrangig an ein westliches Publikum wenden, kann man davon ausgehen, dass kaum jemand das Geschriebene verstehen kann. Die Sprache büßt ihre Funktion, Inhalte zu vermitteln, vollständig ein. Sie präsentiert sich als kalligrafisch reizvoll, bleibt aber unentschlüsselbar. Das im Rätselhaften Belassene entzieht sich dem analytischen Zugriff. "Vielleicht geht es einfach darum, die Existenz einer Kultur sichtbar zu machen, ohne sich gleichzeitig dem inkorporativen westlichen Blick auszuliefern, der alles wissen will und nichts versteht", bringt es Ruth Noack im Katalog zur Ausstellung auf den Punkt.

Shootingstar aus New York: Shirin Neshat
DPA

Shootingstar aus New York: Shirin Neshat

Genau an dieser Stelle entwickeln Neshats Fotos und Videoarbeiten ihr widersprüchliches wie diskurskritisches Potenzial. Sie bildet ab und inszeniert, spielt mit Strategien des Zeigens und Verbergens, aber sie enthält uns auch Informationen vor. Was bleibt, ist, das Fremde als Fremdes zu akzeptieren. Ein Blick auf Shirin Neshats Biografie zeigt allerdings, dass der Hintergrund, vor dem die Künstlerin ihre Fotos und Videos entstehen lässt, äußerst spannungsvoll ist. Künstlerisch reflektiert wird eine höchst komplexe persönliche und politische Situation.

Bilder aus dem Iran: "Rebellierende Stille"
Courtesy Barbara Gladstone

Bilder aus dem Iran: "Rebellierende Stille"

Neshat selbst ist eine Grenzgängerin zwischen den Welten, eine Heimatlose. Mit siebzehn Jahren, 1975, ging sie zum Kunststudium in die USA. Vier Jahre später wurde Persien nach dem Sturz des absolutistischen Schah-Regimes zur Islamischen Republik Iran. Erst 1990 sah Neshat, inzwischen "tough Lady" aus New York mit Erinnerungen an das Persien ihrer Kindheit und Jugend, ihre Familie im Iran wieder - was sie vorfand, war eine radikal veränderte Welt. Eine Welt, die sich ihr vollständig entfremdet hatte, die sie zugleich fesselte und verstörte. Auf der Suche nach ihrer Identität zwischen westlichen Maßstäben, ihrer eigenen - persischen - Kultur und dem zeitgenössischen Iran entwickelte sie über Fotografie und Film ein eigenes und neues künstlerisches Selbstverständnis. Ihre eindringlichen wie uneindeutigen Fotos und Filmarbeiten entstehen durch ihren Blick als "leidenschaftliche Forscherin."

Neshat beschreibt ihre Erfahrungen als Fremde im eigenen Land: "Es ging los mit einem Schock. Ich war fasziniert, wie sich das Land verändert hatte - von Persien, wie ich es kannte, zur islamischen Republik. Es ist ein drastischer Wandel: Die persische Kultur basiert auf ganz anderen Werten als die muslimische, sie ist weniger rigide, viel poetischer, viel literarischer, es ist eine sehr alte Tradition. Die neue Regierung brachte eine strenge, pure Form des Islam ins Land; sie haben versucht, die persische Geschichte auszuradieren und durch eine allgemeine, islamische Kultur zu ersetzen."

"Die Frauen Allahs": 26. Januar bis 8. April 2001, Hamburger Kunsthalle, Tel.: 040 - 42 85 4 26 12

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