Fotoprojekt über queere Muslime "Einige fühlen sich schuldig"

Schwule Imame gründen Moscheen, Transgender-Frauen gehen zum Freitagsgebet: Die Fotografin Lia Darjes hat queere Muslime in Europa und Amerika porträtiert.

Joey, Los Angeles:  Bin ich haram?
Lia Darjes

Joey, Los Angeles: Bin ich haram?

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Es gab diesen Moment, an dem sich in ganz Frankreich kein Imam fand, der eine muslimische Transsexuelle beerdigen wollte, berichtet Ludovic-Mohamed Zahed. Das war 2012, und für Zahed stand fest: Er würde eine neue Moschee in Paris gründen, eine, in der sich Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender-Menschen willkommen fühlen sollten. Es wurde die erste Moschee dieser Art in Europa, sagt Zahed, Vorbilder gab es schon in den USA. Ihm begegnete viel Hass und Anfeindung, aber es gab auch großes Lob von Unterstützern.

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Queere Muslime: "Ohne uns wäre es fad"

Zahed ist einer von vielen schwulen und lesbischen Muslimen, die die Berliner Fotografin Lia Darjes, 32, porträtiert hat. Sie hofft, mit ihrem Projekt "Being Queer. Feeling Muslim" die Probleme der Szene sichtbar zu machen und ihr zu mehr Akzeptanz zu verhelfen. Queere Muslime sind oft Diskriminierungen von mehreren Seiten ausgesetzt. "In meiner muslimischen Community kämpfe ich für mehr Toleranz, und in der queeren Gemeinschaft kämpfe ich gegen die Islamophobie dieses Landes", berichtet etwa Amin aus Los Angeles.

Denn Vorurteile gibt es nicht nur unter den konservativen Muslimen, die Homosexualität für unmoralisch und pervers halten. Auch in der homosexuellen Community ist die Auffassung weit verbreitet, dass es nicht zusammenpasst, muslimisch und queer zu sein. Viele Menschen fühlen sich deshalb lange Zeit doppelt schuldig.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben queere Muslime fotografiert. Ist das als Kampfansage an verkrustete Islambilder gedacht?

Lia Darjes: In meiner vorangegangenen Fotoarbeit habe ich mich mit Konvertiten zum Islam beschäftigt. Auch damit, wie mächtig Stereotype sind und wie schwer es ist, ihnen etwas entgegen zu setzen. Ich möchte diese Vorurteile gegenüber Muslimen aufbrechen. Queere Muslime kämpfen an zwei Fronten: Sie versuchen, Vorurteile gegenüber Muslime abzubauen und für ihre Rechte als queere Menschen zu kämpfen.

SPIEGEL ONLINE: Sie schreiben zum Projekt, dass Sie selbst heterosexuell und nicht muslimisch sind. Warum ist Ihnen das wichtig?

Darjes: Es bedeutet: Ich komme als Außenstehende. Während der Arbeit war das immer wieder ein Thema. Die Sorge der Porträtierten war, dass ich Vorurteile habe und diese in meiner Arbeit reproduziere. Vorurteile entstehen ja vor allem unter Menschen, die keine Berührung mit dem Islam haben, auch in der deutschen Medienlandschaft sind Muslime als Akteure unterrepräsentiert.

SPIEGEL ONLINE: Drängten die Protagonisten an die Öffentlichkeit - oder war es schwierig, sie zu überreden?

Darjes: Die meisten meiner Porträtierten sind Aktivisten, die sichtbar sein und den theologischen Diskurs ankurbeln wollen. Viele engagieren sich schon jahrelang in der Szene, wie etwa El-Farouk und Troy aus Toronto. Mit Hochdruck kämpfen sie für ihre Sache und organisieren seit vielen Jahren Freitagsgebete. Sie haben auch mein Projekt mit Begeisterung unterstützt.

SPIEGEL ONLINE: Die Berichte der Muslime klingen positiv und unproblematisch. Ist es das tatsächlich?

Darjes: Die Menschen in meiner Arbeit beschäftigen sich schon sehr lange mit diesem Thema und haben ein großes Selbstbewusstsein entwickelt. Etwa die zwei schwulen Imame, die inklusive Moscheen gegründet haben. Sie haben sich eigene Gemeinden geschaffen, in denen sie glücklich praktizieren können, ihre Familien unterstützen sie teilweise.

SPIEGEL ONLINE: Ist das repräsentativ?

Darjes: Nicht unbedingt. Ich bin sehr vielen Menschen begegnet, die ich nicht fotografieren konnte, weil sie noch nicht sichtbar sein wollen, sich vielleicht noch nicht geoutet haben. Einige halten ein Outing vor der Familie generell für eine schlechte Idee, andere haben Angst vor Diskriminierung oder fühlen sich schuldig. Sie müssen ihren eigenen Weg noch finden und sollten dabei unterstützt werden.

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