Fotorebell Alec Soth Super Models im Schneematsch

Schmollmund, Make-up, lange Beine? Das ist nichts für Alec Soth. Der Fotokünstler schert sich nicht um die Regeln der Modebranche - und macht eben deshalb die aufregendsten Fashion-Fotos der Saison: von weißhaarigen Models oder Normalos im Trailerpark.

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Es fing nicht gut an. Als Alec Soth nach Paris flog, um für das "Fashion Magazine" der berühmten Fotoagentur Magnum Aufnahmen zu machen, landete das Flugzeug verspätet. Dann war ein Teil seines Gepäcks mit Fotozubehör unauffindbar. Dabei musste Soth direkt zu den Dior-Schauen. Als er dort im Gedränge der hektischen Kollegen mit ihren Digitalkameras seine sperrige, aufwändig zu installierende Großformatkamera zu positionieren versuchte, fühlte er sich komplett deplaziert. Dann flog er auch noch raus: Irgendetwas mit seiner Zugangserlaubnis stimmte nicht.

Dass die Modeexkursion des amerikanischen Fotografen doch noch gut endete, beweist jetzt die Ausstellung "Paris Minnesota" in der privaten Fotoinstitution C/O Berlin. Es ist die erste Ausstellung von Soths "Fashion Magazine", seit es bei einer champagnerseligen Party mit 1500 Gästen im vergangenen Jahr im Pariser Jeu de Paume präsentiert wurde.

Blitzkarriere im Stillen

Dabei ist die Karriere des Alec Soth, 38, noch relativ jung. Erst 2004 war sein erstes Fotobuch erschienen: die große Flusslandschaftselegie "Sleeping by the Mississippi". Schon im selben Jahr wurde er zum Magnum-Mitglied ernannt, und seine ruhigen, sozialdokumentarischen Aufnahmen machten bei der Whitney Biennale und bei Biennale von São Paulo Furore.

Noch im Jahr davor hatte er als Mitarbeiter für fotografische Digitalisierung an einem Museum in Minneapolis gearbeitet. Seine eigenen Aufnahmen machte er nur in der Freizeit. Heute arbeitet er für das "New York Times Magazine", für "Fortune" oder den "New Yorker", und seine freien Arbeiten werden von einem Kunstmarkt-Megaplayer, der Gagosian Gallery, vertreten.

Das "Fashion Magazin" durften vor ihm der britische Fotodrastiker Martin Parr und der amerikanische Street Photographer Bruce Gilden gestalten. Dass Soth seine Version "Paris Minnesota" nannte, hat mit einer weiteren Kalamität zu tun. Der Auftrag musste so schnell realisiert werden, dass er kein schlüssiges Konzept austüfteln konnte: "Ich dachte nicht, ich machte nur Fotos". Er knipste bei den Schauen von Chanel und Paul Smith, in Backstage-Bereichen, machte Porträts von Modedesignern und Fashionistas. Zurück im heimischen Minneapolis, Minnesota, sichtete er die Bilder - und fand sie flach: "Es fehlte ein konzeptionelles Rückgrat."

Weil er vor diesen Shootings noch nie Modeaufnahmen gemacht hatte und für ihn Mode ohnehin "nur die Weise ist, in der sich Menschen der Welt präsentieren", entschied er sich, seine Fremdheit zu akzentuieren. Vor Ort in Minnesota sprach er ganz normale, meistens junge Menschen an, kleidete sie ein mit Schuhen von Dior, einem Kleid von Bottega Veneta oder einem Balenciaga-Cashmere-Jäckchen und fotografierte sie - in der Tür eines schäbigen Trailers, vor einem "Sally Beauty Supply", in Schneematsch und auf vereisten Straßen.

Ein Bild von einem Kreativen

Verglichen mit den Minnesota-Shots erscheinen die Pariser Impressionen nicht weniger ungewöhnlich. Von der Chanel-Schau im Grand Palais zeigt Soth keine Laufsteg-Beauties, sondern den ganzen Raum als monumentale, pathetische Inszenierung.

Ausführlicher als den eigentlichen Modeaufnahmen widmet er sich den Porträts der Kreativen: dem Modemacher Azzedine Alaïa zusammen mit der Concept-Store-Macherin Carla Sozzani ("10 Corso Como" in Mailand), der Strickmoden-Doyenne Sonia Rykiel als Grande Dame im Pelz oder der stets mit Turmfrisur und Mantilla auftretenden Fashion-Bloggerin Diane Pernet. Am ausführlichsten zeigt er ein reifes, weißhaariges Model namens Jane. Warum diese vielen, nicht mehr ganz jungen Frauen? "Für mich", so Soth, "ist Paris eine glamouröse ältere Frau, während Minnesota ein schöner, aber unbeholfener Teenager ist."

Vielleicht ist die Auswahl, die bei C/O Berlin von Soths Ausflug in die Modewelt kündet, nicht optimal. Vielleicht ist die Abfolge der Bilder - der Wechsel von Nah- und Fernsicht, von Panoramen, Interieurs und Porträts, die bei seinen Serien so wichtig ist - nicht perfekt. Trotzdem macht die Schau klar, worum es geht: Mimik interessiert ihn, Make-up nicht. Selbstausdruck durch Kleidung: ja. Mode als Trendgeschehen: nein. Wenn etwas glatt, perfekt, glamourös ist wie etwa die Chanel-Bühnenshow, dann rückt er seine Kamera noch ein wenig weiter weg, überzeichnet so die Coolness.

Models sind "Candy" für ihn, "Süßkram": "Hätte ich 'Fashion Magazine' vor zehn Jahren machen sollen, wäre ich von dieser Phantasiewelt eingesogen worden - von den langen Beinen und den Schmollmündern. Ich musste erst meine eigene Sichtweise und meine eigene Erfahrung entwickeln." So konnte sein langsamer, intensiver Blick durch das hindurchgehen, was prätentiös, bloß repräsentativ oder gewollt ist.

Und so kam es, dass einer, der eigentlich ein Antimodefotograf ist, Modefotos gemacht hat, die die Moden überdauern könnten.


Alec-Soth-Ausstellungen:

"Paris Minnesota. Fashion Photographs”, C/O Berlin, 16. Mai bis 13. Juli

"L’espace entre nous", bis 15. Juni, Jeu de Paume, Paris

"Dog Days, Bogotá ", Galerie Wohnmaschine, Berlin, bis 28. Juni



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
doctor manhattan 16.05.2008
1. 8x10
Alecs Bilder, der ein nominee bei Magnum ist, sind mit Sicherheit die Resie nach Berlin wert!
doctor manhattan 16.05.2008
2. performance
hmm, ich muss mich korrigieren, seit 2006 ist er auch Associate… hier ein Link zu seinem Portfolio bei Magnum: http://www.magnumphotos.com/Archive/C.aspx?VP=XSpecific_MAG.PhotographerDetail_VPage&l1=0&pid=2K7O3R13ENVZ&nm=Alec%20Soth
kolloq 16.05.2008
3. Fotorebell?
Fotorebell? Was ist an dieser Sichtweise rebellisch? Diese Bilder werfen keine Fragen auf. Sie entsprechen thematisch und inhaltlich der Werbefotografie. Damit sind sie allerdings komgruent zum in der Öffentlichkeit dezeit stilbildenden Maßstab der Banalisierung aller Lebensbereiche. Eine Marginalisierung der Möglichkeiten der Fotografie.Vielleicht muß es einfach mal jemand sagen: Alec Soth ist ein fotografische Analphabet und grosser Langweiler!
doctor manhattan 16.05.2008
4. Entscheidende Momente
Zitat von kolloqFotorebell? Was ist an dieser Sichtweise rebellisch? Diese Bilder werfen keine Fragen auf. Sie entsprechen thematisch und inhaltlich der Werbefotografie. Damit sind sie allerdings komgruent zum in der Öffentlichkeit dezeit stilbildenden Maßstab der Banalisierung aller Lebensbereiche. Eine Marginalisierung der Möglichkeiten der Fotografie.Vielleicht muß es einfach mal jemand sagen: Alec Soth ist ein fotografische Analphabet und grosser Langweiler!
Jeder der schon mal versucht hat bei Magnum aufgenomen zu werden wird hier bestimmt schmunzeln…
N. Kengyel 17.05.2008
5. Alec Soth
Zitat von kolloqFotorebell? Was ist an dieser Sichtweise rebellisch? Diese Bilder werfen keine Fragen auf. Sie entsprechen thematisch und inhaltlich der Werbefotografie. Damit sind sie allerdings komgruent zum in der Öffentlichkeit dezeit stilbildenden Maßstab der Banalisierung aller Lebensbereiche. Eine Marginalisierung der Möglichkeiten der Fotografie.Vielleicht muß es einfach mal jemand sagen: Alec Soth ist ein fotografische Analphabet und grosser Langweiler!
Es ist ein Transfer des gleichen Sujets in verschiedene Welten. Vielleicht fällt es schwer, dies zu verstehen bei der hier auf der Seite gezeigten Bildauswahl. Ein solches Fazit zu ziehen ("fotografischer Analphabet und grosser Langweiler") hört sich für mich nach einer vorschnellen wie auch vorlauten Aussage an: Bitte beachtet mich. Ich kann dem überhaupt nicht zustimmen – Alec Soth hat ein sehr gutes Gespür Momente fotografisch wiederzugeben. Seine Bilder sind sehr beeindruckend, ich habe die Ausstellung in Paris gesehen und war selten so beeindruckt von der Qualität eines Fotografen – sowohl technisch und kompositorisch als auch von der Stimmung, die die Bilder aufzeigen.
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