Fotoreporterin Gerda Taro Auge in Auge mit dem Krieg

Lange galt sie nur als die Geliebte des großen Robert Capa. Ein Fotoband zeigt nun, dass Gerda Taro selbst eine brillante Kriegsreporterin war. Sie machte atemberaubende Bilder und nahm entscheidenden Einfluss auf die Fotografiegeschichte - sogar mit ihrem Tod.

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Stundenlang kauerte sie in einem Fuchsbau. Die Bomben der "Legion Condor", von Hitler nach Spanien entsandt, regneten am 25. Juli des Jahres 1937 herab auf die Republikanischen Truppen. Doch Gerda Taro hielt ihre Kamera gen Himmel und fotografierte unentwegt weiter - ganz so, als schütze ihr Arbeitsgerät sie vor dem Tod. Von Robert Capa, ihrem Lebensgefährten, Fotografen-Kollegen und späteren Mitbegründer der legendären Agentur Magnum, stammt das Diktum: "Wenn dein Bild nicht gut genug ist, warst du nicht nahe genug dran." Gerda Taro war sehr nahe dran. Als erste Fotoreporterin der Welt wagte sich die junge Deutsche aus Stuttgart ins Kampfgetümmel – so wie an diesem Sonntag. Wenige Stunden später sollte sie ihren Mut mit dem Leben bezahlen. Selbst in der Fachwelt war Taros Name lange nur eine Fußnote im Leben des großen Robert Capa. Nachdem nun unter ominösen Umständen rund 3000 Negative aufgetaucht sind, die Capa, Taro und ihr Kollege David Seymour hinterlassen haben, halten Experten wie die Taro-Biografin Irme Schaber es für sehr wahrscheinlich, dass sich das ändern wird. Noch muss der Schatz im New Yorker International Center of Photography ausgewertet werden. Doch schon jetzt weiß Schaber, dass viele unbekannte Arbeiten von Taro darunter sind, die nicht nur neue Erkenntnisse über "Themen, Bilder und Rückschlüsse über ihre Arbeitsweise" erlauben werden, sondern auch über Capas und Taros Zeit im Spanischen Bürgerkrieg; eine Zeit, in der beide die journalistische Fotografie für immer veränderten. Ein Band, den Schaber mit verantwortet hat und der begleitend zur ersten Taro-Retrospektive (New York) überhaupt erschienen ist, gibt - 70 Jahre nach ihrem Tod in Spanien - nun einen eindrucksvollen Einblick in das Werk der Fotografin.

Nähe als parteiische Anteilnahme

Taro, aufgewachsen als Gerta Pohorylle, Sozialistin aus jüdischer Familie, hatte sich - wie Capa - vor den Nationalsozialisten ins Pariser Exil geflüchtet. Dort musste sie zunächst darben. Ihre Freundin Ruth Cerf erinnerte sich an ganze Wochenenden, die sie liegend auf dem Bett verbrachten, nur um in Zeiten des Hungers keine Energie zu verschwenden. Da der journalistische Markt jedoch unreguliert und so für Emigranten zugänglich war, konnte Pohorylle bei der Agentur Alliance Photo anheuern – wo sie als Bildredakteurin und Agentin für einen jungen, emigrierten Fotografen arbeitete, in den sie sich zuvor verliebt hatte: André Friedmann. Sie lernte von ihm den Umgang mit der Kamera, sehr bald aber inspirierten sie sich gegenseitig. Als der spanische Bürgerkrieg im Juli 1936 ausbrach, machten sich die beiden, die der Nationalsozialismus vertrieben hatte, auf, um vom Kampf gegen den späteren Diktator Franco zu berichten, der mit Hitlers Hilfe die Republik stürzen wollte.

Mit ihrem biografisch motivierten Engagement setzten sie das Autorenprinzip in der journalistischen Fotografie durch - waren bisher meist nur Texte gezeichnet, sollte das nun auch für Fotos gelten. Das folgte logisch dem von den beiden angestrebten Paradigma der doppelten Nähe, selbst wenn es zu diesem Zeitpunkt so noch gar nicht formuliert war. Was das bedeutete? Das Duo stürzte sich nicht nur mit den Kombattanten ins Gefecht, sondern verstand Nähe als parteiische Anteilnahme - sie waren subjektive Berichterstatter, Autoren eben. Oft suchte Taro daher mehr als nur das heiße Nachrichten-Bild: Der Foto-Band zeigt Kriegswaisen, Armenküchen, Minenarbeitern, viele Aufnahmen publiziert in internationalen Magazinen und Zeitungen wie "Vu", "Zürcher Illustrierte" und natürlich "Life".

Zuvor hatten sie sich für eine ungewöhnliche Strategie entschieden, ihre Arbeit - und sich selbst - zu vermarkten: Aus André Friedmann wurde Robert Capa, aus Gerta Pohorylle wurde Gerda Taro. Sie internationalisierten ihre Namen jenseits ethnischer oder religiöser Verortbarkeit - und schmückten sich mit einem Touch of Hollywood (Friedmann lehnte sich an den Screwball-Regisseur Frank Capra an, Taro an Greta Garbo). Zeitweise verkauften sie ihre Arbeit unterschiedslos unter dem Namen Capa, später unter dem Label "Reportage Capa & Taro". Gemeinsam legten sie so den Grundstein für die Kollektivvermarktung, wie sie später Magnum so erfolgreich betreiben sollte – das Liebes- und Arbeitspaar war, so Biografin Schaber, das "Ur-Modell für die Agentur".

"Die kleine Blonde"

Einen besonders weiblichen Blick oder besonders weibliche Sujets zeigen Taros Bilder nicht. Einzig ihren Auftritt empfanden die Milizionäre anfangs als doppelte Sensation. Da stürzt sich eine Reporterin mitten in den Kampf! Und stolziert auch noch in hochhackigen Schuhen daher! Die Spanier nannten sie liebevoll "die kleine Blonde", eine "sehr schöne, sehr elegante Frau, die sich wagemutig in Gefahr brachte", wie Biografin Schaber sagt - die sich auch in diesem Punkt neue Erkenntnisse von den nun aufgetauchten Bildern erhofft. Ob sich etwa die Krieger in Pose für die Schöne warfen?

Vielleicht ging Taro deswegen später im Overall und mit Strohschuhen an die Front, um ihre Arbeit zu erledigen. Etwa bei der Schlacht um Brunete, wo sie, wenige Kilometer nahe der spanischen Hauptstadt, an jenem 25. Juli 1937 im Fuchsbau verharrte und deutsche Bomber fotografierte. Die schon zuvor begonnene Brunete-Serie hatte sich bereits als ihr Meisterstück entpuppt, sie war weltweit publiziert worden – das Risiko schien sich gelohnt zu haben.

Tatsächlich entkam Taro den Bomben - nur um in der Nacht von einem republikanischen Panzer versehentlich angefahren zu werden und Stunden später, am 26. Juli 1937 ihren Verletzungen zu erliegen. Die Nähe zum Krieg hatte sie doch noch getötet. Und ihr Tod machte sie, die 27-jährige, unsterblich – aber nicht wegen ihrer Leistung als Fotografin, sondern als Märtyrerin für die Sache des Widerstands; französische Kommunisten sorgten für ein Renommiergrab auf dem Père Lachaise in Paris.

Dennoch hatte letztlich sogar ihr Tod eine wegweisende Bedeutung für die Geschichte der Kriegsfotografie. Den lange Zeit skeptischen Redaktionen diente er als endgültiger Beleg dafür, dass die neue, hautnahe Kriegsfotografie, für die Taro und Capa standen, tatsächlich für unübertreffliche Authentizität bürgte. Denn nichts, das sahen auch die skeptischsten Redakteure, ist authentischer als der Tod.


"Gerda Taro", ICP/Steidl Verlag, 30 Euro.



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