Prächtige Raddampfer schaufeln sich gemächlich durch braun getrübtes Wasser, die Abendsonne taucht gigantische Baumwollplantagen in ein mildes Licht und über jedem zweiten Haus weht eine Südstaatenflagge - so in etwa stellt man sich das Mississippi-Delta vor.
Der Foto-Essay "Die Kinder des King Cotton" von Henning Bode zeigt die wenig romantische Realität. "Im Delta-Gebiet verdichten sich die gesellschaftlichen Missstände der gesamten USA", sagt Bode. Im Frühjahr 2012 verbrachte der Fotograf zwei Monate im Bundesstaat Mississippi. Für sein Projekt, was als Diplomarbeit an der Fachhochschule Hannover begann, hat der 31-Jährige kürzlich den renommierten "Gute Aussichten"-Preis in der Kategorie "Junge deutsche Fotografie 2012/13" erhalten.
Fern der Großstädte prägen zwar immer noch Holzhütten, Ackerbau und Fischzucht die Landschaft am Mississippi. Doch auf Maisfeldern und Plantagen agieren fast nur noch GPS-gesteuerte Maschinen. Und auch sonst finden sich nur noch wenige Bilder aus der einst von Mark Twain so eindrücklich beschriebenen Welt: "Raddampfer gibt es dort gar nicht", sagt Bode, "überhaupt haben die Leute kaum eine Beziehung zu dem Fluss. Die meisten Boote werden als Casinos genutzt."
Es ist eine der ärmsten Regionen der Vereinigten Staaten und die Heimat des weltberühmten Delta Blues, einer der frühesten Ausformungen des so ungemein einflussreichen Musikgenres. In vielen Rankings belegt der "Magnolienstaat", der wohl auch bei diesen Präsidentschaftswahlen republikanisch wählen wird, bezüglich Bildung, Gesundheit oder Pro-Kopf-Einkommen den letzten Platz aller US-Bundesstaaten - Fünfzigster von 50. Die Einwohner spötteln darüber mit ihrem eigenen Slogan: "Fifty-Fifty Mississippi".
Das spezielle Format des Essays wählte Bode, weil er verhindern wollte, zu sehr von Vorurteilen geleitet zu werden: "Der Essay ermöglicht es mir, starke, voneinander unabhängige Fotos zu produzieren." Anders als die in sich geschlossene Reportage lässt ein Essay mehr Raum, um der Spontaneität des Augenblicks zu vertrauen und nicht mit einem dramaturgischen Konzept im Kopf zuvor festgelegten Motiven nachzujagen.
Starke Eindrücke bietet das Delta genügend, wie eine Anekdote des Fotografen veranschaulicht: Eines Tages kommt Bode an einem abgelegenen Haus vorbei, ein spartanischer Holzbau. Der Besitzer, ein älterer, gastfreundlicher Mann, plaudert mit dem deutschen Fotografen ein wenig über sein Projekt, schließlich willigt er ein, sich und sein Zuhause fotografieren zu lassen. Doch bei einer Außenaufnahme geschieht ein Unglück: Beim Posieren stürzt der alte Mann von seiner Veranda und zertrümmert sich die Fußknöchel.
Als Bode ihn wenige Tage später erneut aufsucht, findet er den Verunglückten eingegipst vor seinem Haus sitzend. Und als wäre der Unfall allein nicht schon genug gewesen, muss Bode erfahren, dass die Ärzte im Krankenhaus bei dem Alten nebenbei Multiple Sklerose diagnostiziert haben. Doch der will weder etwas vom schlechten Gewissen des Fotografen wissen, noch will er dessen Entschuldigung hören - ganz im Gegenteil. Er bedankt sich herzlich. Jetzt könne er endlich seine Invalidenrente beantragen.
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