Foto-Essay zum Mississippi-Delta: Im Armenhaus Amerikas

Von Aleksandar Jozvaj

Südstaaten-Romantik sucht man hier vergebens, das Mississippi-Delta ist eine der ärmsten Regionen der USA. Mit seinem Foto-Essay "Die Kinder des King Cotton" hat der Hamburger Henning Bode ein eindrucksvolles Porträt der Menschen am großen Strom abgeliefert.

Foto-Essay "Die Kinder des King Cotton": Down im Delta Fotos
Henning Bode

Prächtige Raddampfer schaufeln sich gemächlich durch braun getrübtes Wasser, die Abendsonne taucht gigantische Baumwollplantagen in ein mildes Licht und über jedem zweiten Haus weht eine Südstaatenflagge - so in etwa stellt man sich das Mississippi-Delta vor.

Der Foto-Essay "Die Kinder des King Cotton" von Henning Bode zeigt die wenig romantische Realität. "Im Delta-Gebiet verdichten sich die gesellschaftlichen Missstände der gesamten USA", sagt Bode. Im Frühjahr 2012 verbrachte der Fotograf zwei Monate im Bundesstaat Mississippi. Für sein Projekt, was als Diplomarbeit an der Fachhochschule Hannover begann, hat der 31-Jährige kürzlich den renommierten "Gute Aussichten"-Preis in der Kategorie "Junge deutsche Fotografie 2012/13" erhalten.

Fern der Großstädte prägen zwar immer noch Holzhütten, Ackerbau und Fischzucht die Landschaft am Mississippi. Doch auf Maisfeldern und Plantagen agieren fast nur noch GPS-gesteuerte Maschinen. Und auch sonst finden sich nur noch wenige Bilder aus der einst von Mark Twain so eindrücklich beschriebenen Welt: "Raddampfer gibt es dort gar nicht", sagt Bode, "überhaupt haben die Leute kaum eine Beziehung zu dem Fluss. Die meisten Boote werden als Casinos genutzt."

Es ist eine der ärmsten Regionen der Vereinigten Staaten und die Heimat des weltberühmten Delta Blues, einer der frühesten Ausformungen des so ungemein einflussreichen Musikgenres. In vielen Rankings belegt der "Magnolienstaat", der wohl auch bei diesen Präsidentschaftswahlen republikanisch wählen wird, bezüglich Bildung, Gesundheit oder Pro-Kopf-Einkommen den letzten Platz aller US-Bundesstaaten - Fünfzigster von 50. Die Einwohner spötteln darüber mit ihrem eigenen Slogan: "Fifty-Fifty Mississippi".

Ungefähr 50 zu 50 beträgt auch das Verhältnis zwischen weißer und schwarzer Bevölkerung in der Region. Eines der Fotos zeigt eine gut besuchte Penny Auction - eine Art Flohmarkt - auf der alte Möbel und technische Geräte verramscht werden; nicht zufällig die einzige Aufnahme, auf der Schwarze und Weiße gemeinsam abgebildet sind. Denn Bode machte die Erfahrung, dass beide Gruppen vornehmlich unter sich bleiben. Ein weißer Pfarrer gab ihm gegenüber unverhohlen zu, dass er gemischte Hochzeiten strikt ablehne. Bodes kontrastreiche Schwarzweiß-Bilder betonen solche gesellschaftlichen Gegensätze.

Das spezielle Format des Essays wählte Bode, weil er verhindern wollte, zu sehr von Vorurteilen geleitet zu werden: "Der Essay ermöglicht es mir, starke, voneinander unabhängige Fotos zu produzieren." Anders als die in sich geschlossene Reportage lässt ein Essay mehr Raum, um der Spontaneität des Augenblicks zu vertrauen und nicht mit einem dramaturgischen Konzept im Kopf zuvor festgelegten Motiven nachzujagen.

Starke Eindrücke bietet das Delta genügend, wie eine Anekdote des Fotografen veranschaulicht: Eines Tages kommt Bode an einem abgelegenen Haus vorbei, ein spartanischer Holzbau. Der Besitzer, ein älterer, gastfreundlicher Mann, plaudert mit dem deutschen Fotografen ein wenig über sein Projekt, schließlich willigt er ein, sich und sein Zuhause fotografieren zu lassen. Doch bei einer Außenaufnahme geschieht ein Unglück: Beim Posieren stürzt der alte Mann von seiner Veranda und zertrümmert sich die Fußknöchel.

Als Bode ihn wenige Tage später erneut aufsucht, findet er den Verunglückten eingegipst vor seinem Haus sitzend. Und als wäre der Unfall allein nicht schon genug gewesen, muss Bode erfahren, dass die Ärzte im Krankenhaus bei dem Alten nebenbei Multiple Sklerose diagnostiziert haben. Doch der will weder etwas vom schlechten Gewissen des Fotografen wissen, noch will er dessen Entschuldigung hören - ganz im Gegenteil. Er bedankt sich herzlich. Jetzt könne er endlich seine Invalidenrente beantragen.


Nach Ausstellungen in Deutschland (zum Beispiel in den Deichtorhallen Hamburg) wird "Die Kinder des King Cotton" von Februar bis April 2013 im Goethe-Institut in Washington D.C. zu sehen sein, im Delta selbst zunächst nicht. Den Essay und weitere Fotos von Henning Bode finden Sie auch auf dessen Homepage .

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insgesamt 12 Beiträge
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1. Sind es Menschen od. Arme?
APPEASEMENT 30.10.2012
Muß man die Menschen immer mit dem Attribut "Arm" diskreditieren? Es sind vor allem Menschen die dort leben, vielleicht sind sie zufrieden mit dem was sie nicht haben. Die "Wohlstand für alle"Perspektive des Authors wird ihnen nicht gerecht.
2. Arm und Reich und eine Währung
syracusa 30.10.2012
Zitat von sysopSüdstaaten-Romantik sucht man hier vergebens, das Mississippi-Delta ist eine der ärmsten Regionen der USA. Mit seinem Fotoessay "Die Kinder des King Cotton" hat der Hamburger Henning Bode ein eindrucksvolles Porträt der Menschen am großen Strom abgeliefert. Fotos aus dem Mississippi-Delta von Henning Bode - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/fotos-aus-dem-mississippi-delta-von-henning-bode-a-863014.html)
Die Einkommensunterschiede in den USA allgemein und auch zwischen den einzelnen Staaten sind größer als in der EU. Die USA kommen dennoch mit einer Währung klar.
3. arm
Mo2 30.10.2012
Zitat von APPEASEMENTMuß man die Menschen immer mit dem Attribut "Arm" diskreditieren? Es sind vor allem Menschen die dort leben, vielleicht sind sie zufrieden mit dem was sie nicht haben. Die "Wohlstand für alle"Perspektive des Authors wird ihnen nicht gerecht.
Es kann nicht sein was nicht sein darf, oder wie? Der Autor diskreditiert die Menschen doch nicht, wenn er einfach die Wahrheit sagt: sie sind arm. Oder wie würden sie das bezeichnen? Passt natürlich nicht so recht ins Bild der amerikanischen Wesens, an dem die Welt genesen soll.
4. Warum so weit Reisen ?
juergw. 30.10.2012
Zitat von Mo2Es kann nicht sein was nicht sein darf, oder wie? Der Autor diskreditiert die Menschen doch nicht, wenn er einfach die Wahrheit sagt: sie sind arm. Oder wie würden sie das bezeichnen? Passt natürlich nicht so recht ins Bild der amerikanischen Wesens, an dem die Welt genesen soll.
einfach Schwarz-Weiß Film einlegen und los in BERLIN :auch hier kann man an jeder Ecke arme Mitbürger fotografieren wie Sie die Glascontainer nach Leergut durch suchen oder im Müll nach verwertbarem suchen.Es werden immer mehr....! Ja ,die Wahrheit ist manchmal schwer zu ertragen.
5. Das Delta ist eine Reise wert
herrdörr 30.10.2012
Wenn ich die Bilder sehe, möchte ich am liebsten einen Flug buchen. Ich empfehle jeden 4 Wochen Delta mit Crawfish essen und Kirchenbesuchen. Dabei lernt man die Einheimischen kennen und damit das wahre, schöne & schreckliche Amerika.
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