Fotos aus deutschen Städten Ruiniert, restauriert, evakuiert

Es ist ein Szenario der Tristesse und der Leere: Der Fotograf Knut Müller hat ostdeutsche Stadtlandschaften von Rostock bis Leipzig ausgekundschaftet. Jetzt geht sein Verfalls-Panorama unter dem Titel "Mezzogiorno" auf Tour. SPIEGEL ONLINE zeigt die eindrucksvollsten Bilder.

Von Burghard Brinksmeier


Ehemalige Braunkohlengrube in Plessa
Knut Müller

Ehemalige Braunkohlengrube in Plessa

In Brechts Buckower Elegien findet sich ein kurzes Gedicht, das die Belebung von Landschaften durch Besiedlung und Kultivierung ins Bild setzt: "Ein Haus unter Bäumen am See. Vom Dach steigt Rauch. Fehlte er, wie trostlos dann wären Haus, Bäume und See."

Man kann Knut Müllers Bilder als eine aktuelle Illustration dieses Gedichts betrachten (auch wenn der "Rauch" wohl ursprünglich für die Anwesenheit der damaligen Geliebten des Dichters stand): Sie präsentieren ein Panorama von Relikten realsozialistischer Herrlichkeit, zu denen neu entstandene Industriegebiete ebenso gehören wie frisch hergerichtete Innenstädtchen. Bei aller Unterschiedlichkeit der Motive verbindet sie eines: die bedrückende Leblosigkeit architektonischer Landschaften, die ohne "Rauch" - ohne Menschen auskommen müssen.



Dorfplatz in Kühren, Sachsen  DVU-Wahlwerbung in Neupetershain  Ehemaliges Fleischkombinat in Britz bei Eberswalde, Brandenburg 

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Wo sich hier und da doch einzelne Menschen in die Bilder dieser Ausstellung verirrt haben, vermitteln sie eine Starre, die frösteln lässt, oder werden einfach (wie bei dem Bild vom Hallenser Universitätscampus) zum Verschwinden gebracht. Mit den Worten der alten DDR-Nationalhymne von Johannes R. Becher ausgedrückt: Knut Müller bebildert ein Stück ostdeutscher Wirklichkeit, die "aus Ruinen auferstanden" ist, es aber offen lässt, ob sie "der Zukunft zugewandt" bleibt.

Müllers Kunst, Trostlosigkeit zu inszenieren, sein spezieller "Blickfang" lassen seine Herkunft erahnen: Halle-Silberhöhe, das Neubaugebiet der mittelalterlichen Salzstadt an der Saale. Ganz sozialistische Großstadt wohnten hier zu DDR-Zeiten die Malocher aus dem Chemiedreieck Leuna-Buna-Bitterfeld, einem der trostlosesten Flecken der DDR. Tagsüber fuhren die hier Arbeitenden in den Gestank hoffnungslos veralteter Industrieanlagen. Abends ging es dann zurück in die Tristesse der Hallenser Neubausiedlungen.

Der DDR-Staat verstand diese Neubaugebiete als Wohltat für die Werktätigen: Die Wohnungen waren trocken und mit fließend warmem Wasser und Fernheizung ausgestattet - eine Art säkulares Paradies proletarischer Wunschträume aus den zwanziger und dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts. Der Dramatiker Heiner Müller hingegen nannte diese Wohnungen zynisch "sozialistische Fickzellen", womit er der tristen Wirklichkeit des "besseren Deutschland" wesentlich näher kam. Heute findet sich auf diesem Chemiedreieck einer der modernsten Industrieansiedlungen in Ostdeutschland. Auch sie hat Müller ins Bild gefasst: ein futuristisch anmutender Industriepark, bei dem man nicht viel Phantasie aufbringen muss, um sich vorzustellen, wie er per Mouse-Klick gesteuert wird.

Dabei sind Müllers Impressionen oft angefüllt von einer bizzaren Ironie, die in beißenden Sarkasmus umschlagen kann: Da warten drei bleiche, kurz geschorene Jugendliche an einer Haltestelle auf einen Bus nach Nirgendwo, auf dessen Werbefläche ein Sonnenstudio mit den Worten wirbt: "Wunsch-braun glücklich". Da zeigt ein Bild zerfallende Neubauten und gleich daneben eine Geschäftszeile, die mit dem Namen "Double Fantasie" zu Alpträumen einlädt. Und eine Hallenser Neubausiedlung wirbt per Plakat mit dem Slogan "Zeit für Veränderung" - vor einem Abrisskrahn.

So entsteht ein fotografischer Beleg für den seit 1989 nicht abreißenden Aussiedlerzug großer Teile der ostdeutschen Jugend. Kein Zweifel: Der von Demoskopen für die nächsten Jahrzehnte prognostizierte Alterungsprozess in Europa wird durch diese deutsch-deutschen Verhältnisse noch verstärkt werden. Am traurigsten aber stimmen die Bilder von frisch rekonstruierten und doch lebensleeren Innenstädten. Hier suggeriert Müllers Bilderreigen die Vergeblichkeit eines nun fünfzehn Jahre währenden Aufbau- und Einigungsprozesses, den auch die immense ostdeutsche Veränderungsbereitschaft und eine beispiellose westdeutsche Solidarleistung nicht voranbringen konnten.

Was Müllers Ausstellung unterschlägt: Die gezeigten Motive finden sich so ähnlich längst auch in Teilen Westdeutschlands. Und - was viel wichtiger ist - es ließe sich eine Fülle von "Gegenbelegen" finden, die von einer anderen, freundlichen und "der Zukunft zugewandten" Geschichte sprechen. Hierzu gehört die Erhaltung und Wiederbelebung altdeutscher Kulturlandschaften: die wunderschönen und geschichtsträchtigen Harzstädte Quedlinburg und Wernigerode, die alten Hansestädte Rostock, Stralsund und Wismar, die deutschen Kulturmetropolen Leipzig, Dresden und Erfurt.

Es kann einen bis heute erstaunen, dass diese architektonischen Zeugnisse deutscher Geschichte und deutscher Baukunst überhaupt gerettet wurden. Sicherlich: all diese Investitionen sind ein Wechsel auf die Zukunft, der sich möglicherweise später als nicht ganz gedeckt erweisen könnte. Aber so gewettet und so gesetzt zu haben, darauf dürfen die Deutschen in Ost und West heute schon stolz sein.

Bis dahin möge gelten, was der ostdeutsche Schriftsteller Christoph Hein seine Heldin über ihre menschenleeren Photos in seinem DDR-Roman "Der fremde Freund" sagen lässt: "Immer stärker spüre ich, dass ich die Landschaft mit meinen kleinen lächerlichen Fotos verwunde. Es sind Ausschnitte, die nichts begriffen haben (...) Trotzdem werde ich nicht aufhören, diese Bilder herzustellen."

Diese Schaffenskraft, dieses Engagement ist auch Knut Müller zu wünschen, denn seine Bilder haben eine Menge "Begriffenes" zu erzählen und erfüllen ein wichtiges Kriterium von Kunst, das seither als unabdingbares Merkmal für Schönheit gilt: Sie berühren direkt - und unmittelbar.



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