Fotos und Karikaturen Den Bankern eine lange Nase gedreht

Das sind doch Witzfiguren! Eine Ausstellung zeigt das politische Jahr 2008: von Andrea Ypsilantis Abweichlern bis zu Hütchen spielenden Investmentbankern - alles dankbare Motive für Fotografen und Karikaturisten.

Von Hannah Petersohn


Wer hätte das gedacht: Andrea Ypsilanti als Muse. Nicht nur, dass sie dem dpa-Fotografen Boris Roessler eine Situation bescherte, die ihn zum Gewinner der "Rückblende" machte, des deutschen Preises für politische Fotografie und Karikatur. Auch den Karikaturisten Ari Plikat inspirierte Frau Ypsilanti: Er heimste den zweiten Preis ein.

Die Jury wählte die Siegerwerke aus 1400 eingereichten Arbeiten aus. Nach Stationen in Berlin, Brüssel und Paris sind die interessantesten Beiträge nun im Museum der Arbeit in Hamburg zu sehen. Sie dokumentieren und interpretieren das politische Jahr 2008 so intelligent und humorvoll, dass mancher Besucher erst schallend lacht - und dann nach seinen Begleitern ruft: "Hast Du das hier drüben schon gesehen?"

Der dpa-Fotograf Roessler sollte Ypsilantis abtrünnige Abgeordnete fotografieren, als sie sich im November 2008 der Presse stellten. Sie standen schmallippig-schweigend vor einem langen Tisch, der ihnen als Schutzwall diente vor dem Meer der Fotografen.

Dicht an dicht drängelten sich die Reporter - keine angenehme Arbeitsatmosphäre. Also wechselte Roessler seinen Standort und ging an die Stirnseite der Tafel. Sein Foto wirkt wie eine perfekt durchdachte Bildkomposition: rechts das Blitzlichtgewitter seiner Kollegen, in der Mitte der lange Tisch, links die Landtagsabgeordneten, die der Presse erklären, dass sie Ypsilanti nicht wählen werden. Ihre Gesichter sind seltsam entrückt und maskenhaft, das Blitzlicht nimmt ihrer Mimik jede Lebendigkeit.

Die Karikatur von Ari Plikat kommt zwar nicht ohne Worte aus, doch reichen einige wenige: Auf dem Bild sitzt ein Psychoanalytiker, mit Brille, Bart und großer Nase und zückt - in Erwartung einer bedeutungsschwangeren Aussage - den Stift. Neben ihm liegt eine etwas klein geratene Ypsilanti brav auf dem Sofa. Emotionskarg fragt der Analytiker sie: "Nun, Frau Ypsilanti…?", die daraufhin ausstößt: "Ich sehe Stimmen."

Eine andere, über Deutschlands politischen Tellerrand blickende Karikatur hat der gebürtige Rumäne Ioan Cozacu, Künstlername NEL, eingereicht und damit den ersten Preis in der Kategorie Karikatur gewonnen. NEL gelingt mit wenigen farblosen Strichen, wofür Experten Stunden brauchen: Er demaskiert den Finanz-Hokuspokus, der zur globalen Finanz- und Wirtschaftskrise führte, indem er Investmentbanker mit Hütchenspielern vergleicht: Ein Mann mit langer Nase und extrem langen Armen wirbelt auf einem Tisch drei Hütchen durcheinander. Den Schaulustigen verspricht er: "Ich kann Ihnen kurz erklären wie eine Investmentbank funktioniert."

Den Riecher für den richtigen Augenblick hatte auch der junge Fotograf Patrick Lux, der ebenso zufällig wie spontan einen Moment einfing, den er zuvor selbst nicht kommen sah: Helmut Schmidt sollte eine Rede in der Hamburger Bucerius Law School halten. "Ich dachte, das würde eine langweilige Veranstaltung werden. Da sitzen Leute und die reden eben."

Bevor Helmut Schmidt einen Fuß in die Bucerius Law School setzte, musste er erst einmal aus seiner Limousine klettern. Lux drückte in dem Augenblick auf den Auslöser, als Schmidt seinen Gehstock durch die Limousinen-Tür streckte; nur der Arm und der sicher und würdevoll auf den Asphalt aufgesetzte Stock sind zu sehen. Das Foto, prämiert mit einem Sonderpreis, zeigt die Unverwüstlichkeit des kettenrauchenden Alt-Kanzlers, seine würdevolle Haltung, an der sich viele Menschen in Krisenzeiten festhalten wollen.

Die Absurditäten des Politbetriebes haben viele der prämierten Künstler beflügelt. Sie haben den Blickwinkel gewechselt - und dadurch jenen Funken Wahrheit gefunden, den kein noch so professioneller Politiker vertuschen kann.


"Rückblende 2008. Der deutsche Preis für politische Fotografie und Karikatur":

Ausstellung vom 21. Mai bis 28. Juni 2009 im Museum der Arbeit, Hamburg. Wiesendamm 3, 22305 Hamburg. Der Katalog zur Ausstellung wird vom Verlagshaus DER SPIEGEL gestiftet und ist für sieben Euro im Museumsladen erhältlich. Der Erlös geht an das Jugendmagazin "Afghanistan heute".



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barlog 26.05.2009
1. Toller Lückenfüller . ...
dieser Beitrag ! Es müssen ja nicht unbedingt alle 1400 Arbeiten auf SPON gezeigt werden, aber über ein wenig mehr als 6 Bildchen hätte ich mich schon gefreut. Etwas entschädigt hat mich, daß ca. 2/3 des Textes mir erklären, was auf den 6 Bildern zu sehen ist - danke !
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