Fotoschau "Men, War & Peace" Leiden und kleiden

James Nachtwey fotografierte Kriege, Helmut Newton Prominente, David La Chapelle inszeniert mit der Kamera Mode und Stars. Morgen beginnt eine gemeinsame Schau in Berlin. Sie hat sich viel vorgenommen.

Von Daniel Haas


Heute arbeiten die Körper wieder. Man muss sich nur den neuen James Bond anschauen. Die Helden der New Economy, diese blassen Kids, die reglos hinter Computerschirmen die Welt in Bits und Bytes zerlegen, sind out. Sie stehen für Verflüchtigungsprozesse, die Angst machen und soziale Auflösung bedeuten. Die Kompaktheit des Athleten, der sich und etwas bewegen kann, hat bei aller Betriebsamkeit etwas Beruhigendes.



Die arbeitenden Körper sind auch deshalb wieder in Mode, weil wir die verletzten und die geschmückten immer weniger ertragen: Sie sind beschämend beziehungsweise frivol. James Nachtweys Porträt des Ruandaers, dessen Gesicht von Machetenhieben entstellt ist; David LaChapelles Bild der Transsexuellen, die sich mit Schönheitsoperationen verstümmelt - beide sind Erschütterungen unserer ästhetischen Normen, die zunehmend von der schnellen Bilderproduktion des Fernsehens geprägt werden, nicht vom Stilwillen der Kunst.

Garstig sind die Bilder LaChapelles, grausam die von Nachtwey. Sie in einer gemeinsamen Ausstellung in Berlin zu präsentieren, beweist Mut zur Dialektik. Der preisgekrönte Kriegsfotograf und der Liebling der Pop- und Hollywood-Elite als komplementäre Deuter brutaler Verhältnisse, diese Zusammenschau verlangt Flexibilität, zumal - als dritter Fotograf - Helmut Newton vertreten ist mit seinen Männerporträts.

June Newton hatte eingeladen, sie ist mit LaChapelle und Nachtwey gut befreundet. Ihr 2004 gestorbener Mann bewunderte beide, wie sei bei der Pressekonferenz erklärte. Und schließlich: War nicht auch Helmut Newton, der Starfotograf von "Vogue" und "Elle", "Marie Claire" und "Playboy" im Krieg? "Ich bin ein Auftragskiller", sagte er einmal, seine letzte Ausstellung hieß "A Gun for Hire".

Gewalt als Auslöser

Ein Foto schießen: Die Sprache weiß von der Verwandtschaft zwischen Gewalt und Medium, und über solche Assoziationen erschließt sich vielleicht auch das Programm von Frau Newton. Wie sonst ließe sich Nachtwey, der alle Kriegsgebiete der Welt bereiste, und LaChapelle, der selten seine kalifornischen Studios verlässt, eine gemeinsame Agenda unterstellen, wenn nicht über das Motiv der Zerstörung und wie es die conditio humana bestimmt?

Nur die Männerporträts passten nicht ins Bild. "Wir können nicht Titten und Ärsche zu den beiden hängen", feixte June Newton über das Konzept. Das aber wäre genau richtig gewesen: Die soldatischen Körper der Newton-Frauen, die auch nackt noch wie gerüstet wirken, sie hätten sich besser in das Panorama einer zugerichteten Physis eingefügt.

Zwischen dem Jungen mit amputierten Beinen (aus Nachtweys Serie "The Balkans, 93 bis 99") und La Chapelles Pop-Pietá mit Courtney Love als Mutter Gottes, die einen Junkie-Jesus in Armen hält, wären sie aufmarschiert: die großformatigen Heldinnen, die ein Blatt wie "Emma" schon mal zur Frage "Kunst oder faschistoide Propaganda?" verleiten konnte.

Coolness am Drücker

Anders als die Bilder von Popstars und Politikern, Schauspielern und Künstlern, hätten sie die Emphase Nachtweys und LaChapelles mit dem Ideal der Kälte konfrontiert. Wie in Nachtweys Arbeit, diesem großen J'accuse der fotografischen Berichterstattung, schwingt auch in LaChapelles Werken die Romantik der Utopie mit; seine Szenarien zwischen Kitsch und Katastrophe liefern zur Affirmation der Verhältnisse immer auch den Glauben an deren Veränderung.

Newtons Frauen haben nichts Sentimentales, ihre Bilder erzählen nicht, sie schweigen sich aus. Seine Models repräsentieren die Entsorgung des Menschlichen mit den Mitteln der Coolness - der perfekte Gegensatz zu den leidenden und exzentrischen Körpern Nachtweys und LaChapelles.

So aber begegnet man Billy Wilder im Hausjäckchen und Gianni Versace, nackt hingestreckt auf die Chaiselongue; schmunzelt über Kohl und Schröder in schlecht sitzenden Anzügen und begreift, dass erst der Blick eines genialen Fotografen die Stones von Prolls zu Pop-Pionieren machen konnte.

Auf den ästhetischen Funken, der zwischen den Werken überspringt und die Anhäufung der Bilder zur kritischen Masse macht, wartet man jedoch vergebens.


"Newton Nachtwey LaChapelle: Men, War & Peace"
3. Dezember 2006 bis 20. Mai 2007, Museum für Fotografie
Jebensstraße 2, 10623 Berlin

Di. bis So. 10 bis 18 Uhr; Do. 10 bis 22 Uhr



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