Fotoschau "Spectacular City" Im Sog der Metropole

Der moderne Städtebau kommt längst nicht mehr ohne sein eigenes Abbild aus: Eine Ausstellung in Düsseldorf zeigt erstmals eine Bestandsaufnahme der Visionen der weltbesten Architekturfotografen - urbane Welten, angesiedelt irgendwo zwischen Wirklichkeit und Montage.


Der weiße Wohnkoloss überragt alles. Die kleine Suppenküche an der Straßenecke verschwindet fast vollends unter den unzähligen Etagen, die sich bis ins Unendliche fortsetzen. Die Perspektive ist atemberaubend, aber gibt es das bauliche Wunderwerk, das Francesco Jodice 2003 in Bangkok eingefangen hat, so auch in Wirklichkeit? Unwichtig, denn wie sich die Stadt vom reinen Wohnraum zum Ort der Inszenierung und des Konsums gewandelt hat, so hat auch die Fotografie das Stadium der reinen Dokumentation längst verlassen. Mit ihren Bildern wollen Fotografen wie Jodice das Wesen des urbanen Raums erfassen, analysieren – und manches Mal auch manipulieren.

Dass der Mensch Städte nicht nur bauen, sondern ihre Realität auch beeinflussen kann, wissen Fotografen wie Architekten. So wie Frank Gehrys Guggenheim Museum in Bilbao dank spektakulärer Aufnahmen zum Publikumsmagnet wurde, achten auch Rem Koolhaas oder Herzog und de Meuron stets auf die fotogene Seite ihrer Bauwerke: Auf das Bild im Hochglanz-Prospekt kommt es an, es wird das sein, das die meisten Betrachter von dem Gebäude haben werden. Der Blickwinkel muss stimmen, das Licht perfekt sein – störende Straßenlaternen werden einfach wegretuschiert.

Städte als Montage

Fotografien als Bild gewordene Visionen der Architekten: Das ist eine Entwicklung, die das künstlerische Interesse an der Stadt in den letzten Jahren noch verstärkt hat. Ein Meister im Spiel mit baulicher Wirklichkeit ist Andreas Gursky. Seine großformatigen Arbeiten sind denn auch der folgerichtige Einstieg in "Spectacular City", eine Ausstellung, die vom niederländischen Architektur-Institut NAI in Rotterdam zusammengestellt wurde.

Mittels scheinbar unmöglicher Kamerawinkel und digitaler Montagen versteht Gursky es, erstaunliche und zugleich stilbildende Porträts der zeitgenössischen Stadt zu zeichnen. Erst beim zweiten Hinsehen entdeckt der Betrachter etwa in "Sao Paolo Sé" (2002) Hunderte von Menschen an übereinander laufenden Bahngleisen. Der Blick auf die Massen ist distanziert, die Farben trübe. Die Anonymität des eigentlich so belebten Ortes mitten in der Gesellschaft wird deutlich.

Bernd und Hilla Becher, dessen Student Gursky an der Düsseldorfer Kunstakademie war, inspirierten mit ihren präzise porträtierten Industriebauten mehrere Generationen von Studenten, sich intensiv mit dem urbanen Umfeld auseinander zu setzen. So auch Gursky, der allerdings nicht auf reine Dokumentation setzt. Für ihn schafft die digitale Bild-Nachbearbeitung eine "angemessene Übertreibung", die das Authentische sichtbar macht. Wie Thomas Struth und Thomas Ruff, ebenfalls Becher-Schüler und in "Spectacular City" vertreten, ist er längst selbst ein Impulsgeber für die Experimente der vergangenen Jahre geworden.

Fotografierte Playmobil-Welten

Spektakulär macht die Stadt ihre Wandelbarkeit. Der Fotograf kann seinen Blick auf die Welt projizieren, die Aufmerksamkeit auf Dinge lenken, die ihm wichtig erscheinen. Die Ansätze der Künstler sind dabei so vielfältig wie noch nie.

Wie ein Archäologe untersucht der Japaner Naoya Hatakeyama die urbane Welt, sowohl aus der Luft als auch in der Tiefe der Kanalisation. Die Düsseldorfer Schau zeigt "Details" (1989-1997), das Panorama einer großen, nicht näher benannten Metropole. Unzählige Dächer und Hochhausspitzen, getaucht in das funkelnde Licht von Millionen künstlich beleuchteter Wohnungen, lassen das Wesen der Metropole erahnen. Fassen lässt sie sich dennoch nicht.

Einen verspielten Blick auf Stadt bietet Olivo Barbieri. In der Serie "Site Specific" (2005) fotografiert er deren Silhouetten aus dem Hubschrauber, dabei verstößt er bewusst gegen Regeln der Fokussierung. Die Scharfstellfunktion macht nur einen Ausschnitt des Panoramas klar erkennbar, die entstehenden Tafelbilder erinnern an Aufnahmen von Architekturmodellen – fotografierte Playmobil-Welten. Städte wie Las Vegas verschwimmen vor unseren Augen, ihre Künstlichkeit wird klar erkennbar.

Reibungszone Megacity

Weniger das Spektakel Metropole als deren Struktur beleuchten Arbeiten von Fotokünstlern wie Thomas Struth, Edgar Cleijne oder Vincenzo Castella mit seinen leuchtenden Panoramen. Die schnelle Entwicklung der Städte und ihrer Vororte wird längst nicht mehr so eindeutig kritisiert wie dies früher der Fall war. Menschen sind auf den meist großformatigen Arbeiten nicht zu sehen, was durchscheint, sind lediglich die Spuren ihrer Existenz. Zerklüftete Vororte werden als faszinierende Skulpturen präsentiert, erst bei genauerer Betrachtung drängen sich dem Betrachter Fragen zu deren Entstehungsgeschichte, sozialer Wirklichkeit und Zukunft auf.

Thomas Struth, der immer wieder den städtischen Raum erkundet, sucht in Metropolen die spezifische, "durchschnittliche" Kulisse, die abseits des touristischen Glamours liegt. "Cerro Morro Solar" (2003) ist eine solche im peruanischen Lima. Die Aufnahme zeigt eine nicht enden wollende Ansammlung ärmlicher Häuser vor staubigen Hügeln. Das einzelne Gebäude ist uninteressant, es geht um den Blick auf das Ganze, auf die Ausbreitung der anonymen Behausungen in der Ebene. Soziale Hintergründe werden angedeutet, das Spannungsverhältnis zwischen Stadt und Mensch, städtischer Entwicklung und Natur ins Blickfeld gerückt.

"Reibungszonen" nennt der in Rotterdam und New York lebende Fotograf Edgar Cleijne derartig missbrauchte Infrastrukturen, wie er sie in seiner Arbeit "Edge Alaba" (2003) eingefangen hat. Entstanden ist die Ansicht der Wellblechhütten, die sich immer weiter in die Natur ausdehnen, während einer Reise mit Rem Koolhaas nach Lagos – fasziniert von der Energie der afrikanischen Metropole war der Architekt nach Nigeria gekommen, um die Stadt, deren Bevölkerungszahl heute nur noch geschätzt werden kann, zu verstehen und von ihr zu lernen.

Science-Fiction im Niemandsland

Bangkok, Madrid, Osaka – die Reise in ständig wachsende Metropolen ist die eine Seite von "Spectacular City". Geführt wird der Betrachter auch an Orte, die er nicht erkennen und identifizieren kann. Vor düsterem Himmel präsentiert etwa der junge belgische Fotograf Geert Goiris ein "Transport-Ministerium", die scheußliche Ansammlung aufeinander gestapelter grauer Betonklötze. Die Kulisse wirkt wie aus einem Science-Fiction-Film und könnte gleichzeitig als Design-Vorschlag gewertet werden. Städtischen Lebensraum im Niemandsland zeigt Dan Holdsworth mit "Megalith". Statt einer Steinstelze markiert hier eine mystisch angeleuchtete Großwerbe-Fläche einen unwirklich verfremdeten, leeren Parkplatz – ein modernes Stonehenge.

Ob atmosphärische Analyse des nicht fassbaren Gebäudes oder Blick auf rasant wachsende Metropolen: Das tiefe Interesse der Fotografen an ihrer urbanen Umgebung offenbart aktuellen Zeitgeist wie auch den radikalen Wandel heutiger Städte im Zuge der Globalisierung. Das Spiel mit diesen Bildern ist vor allem eins: Spektakulär.


"Spectacular City", NRW-Forum, Düsseldorf, bis 6. Mai 2007



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