Fotoserie über entfernte Körperteile "Gallensteine sind richtig schön!"

Eben noch im Körper, dann schon im Foto: Maija Tammi zeigt in "Removals" frisch entfernte Tumore, Kehlköpfe und Krampfadern. Im seen.by-Interview spricht die preisgekrönte Fotografin über das Schöne im Schrecklichen, unseren Ekel und den Sinn von Bildern, die kein Mensch sehen will.

Maija Tammi

Ein Klumpen aus rotem Gewebe, Knochensplitter, eine amputierte Brust: Die finnische Fotografin Maija Tammi hat viel Zeit in zwei Krankenhäusern verbracht und im Licht des OP-Saals das fotografiert, was Chirurgen aus den Körpern kranker Menschen entfernen.

Niemand sieht sich Tumore oder amputierte Körperteile gerne an, dessen ist Tammi sich bewusst. Mit ihrer reduzierten Bildsprache hinterfragt sie in der Serie "Removals" den Umgang mit typischen Krankheiten der westlichen Welt.

Die 27-Jährige macht sich mit morbide wirkenden Sujets gerade einen Namen. Als sie für ihre Serie über Bingo-Spieler im vergangenen Jahr den bedeutenden finnischen Fotopreis Fotofinlandia Prize bekam, stellte die Jury fest, dass ihre Bilder die einzigen seien, die man sich nicht an die Wand hängen würde. Es war als Kompliment gemeint.

Frage: Frau Tammi, für "Removals" fotografierten sie Gallensteine, amputierte Beine, Krampfadern, Brusttumore. Das sind Fotos, die keiner ansehen mag. Ist das nicht ein Widerspruch?

Maija Tammi: Ich mache lieber solche Fotos als welche, von denen die Leute sagen: Oh, wie hübsch. Mein Ziel ist nicht, dass irgendjemand sich die Bilder an die Wand hängt. Mir geht es darum, Reaktionen auszulösen. Es ist mir mehr wert, wenn es die Leute zum Nachdenken bringt oder auch dazu zu sagen: Ich will dieses Foto nie wieder ansehen müssen. Immerhin haben sie sich dann damit auseinandergesetzt. Ein Redakteur des "Time Magazine" meinte sogar, ich sollte der Serie einen Warnhinweis voranstellen, weil die Bilder so drastisch sind.

Frage : Ein Zeichen dafür, dass Sie sich das richtige Thema ausgesucht haben?


Tammi: Ich habe diese Aufnahmen ein paar Mal gezeigt, ohne zu sagen, was darauf zu sehen ist. Viele fanden die Fotos dann sehr ästhetisch. Das Visuelle hat mich ja auch am meisten fasziniert. Gallensteine zum Beispiel sind richtig schön. Mal sind sie gelb, mal weiß, man weiß nie, in welcher Form sie rauskommen werden. Aber sobald die Leute erfahren haben, was sie da ansehen, folgte die Ablehnung. Ich glaube, das ist ein anerzogenes Verhalten.

Frage: So etwas eklig zu finden?

Tammi: Ja. Es ist doch ein interessantes Phänomen, dass zum Beispiel Haare und Nägel als wunderschön empfunden werden, so lange sie am Körper sind. Aber sobald sie abgeschnitten werden und irgendwo rumliegen, lösen sie Ekel aus. Oder das amputierte Bein. Solange es Teil des Körpers ist, berühren alle es selbstverständlich. Aber kaum ist es abgetrennt, fassen es die Ärzte und Schwestern nur noch mit Handschuhen an.

Frage: Wie sind Sie überhaupt an die Gallensteine und Tumore rangekommen?

Tammi: Ich habe ein paar befreundete Ärzte, die haben mir geholfen. Die meisten Aufnahmen sind in zwei Krankenhäusern in Tampere entstanden. Ich bin ein Jahr lang immer wieder für einen ganzen Tag dort hingefahren und habe gewartet, was für Operationen kommen würden. Sie haben mir dann bescheid gesagt: Hier kommt jetzt gleich eine entfernte Brust. Ich fotografiere immer sofort im Operationssaal, unter dem speziellen OP-Licht. Die entfernten Teile liegen in einer Nierenschale. Ich habe nur ein, zwei Minuten Zeit. Tumore zum Beispiel müssen sofort untersucht werden.

Frage: Was ist das für ein Gefühl, etwas zu fotografieren, das gerade noch in einem anderen Menschen war und dort zum Teil Schreckliches ausgelöst hat?

Tammi: Am Anfang war ich überrascht, wie warm die Dinge noch sind. Die Krankheit liegt dort in der Schale vor mir. Und doch haben die meisten, wenn sie das Wort "Krebs" hören, ganz andere Bilder im Kopf. Die Meisten denken wohl an bleiche Patienten ohne Haare im Krankenhausbett. Ich wollte ein anderes Bild zeigen.

Frage: Den Auslöser, den man herausschneiden kann?

Tammi: Ja, und den meisten Patienten geht es danach besser. Wir in den westlichen Gesellschaften, wir können diese Dinge rausschneiden. Es gibt die Chance auf Heilung. In der Dritten Welt gibt es diese Möglichkeiten nicht. Da ich das unfair finde, wollte ich mit meinem Projekt auf die westlichen Wohlstandskrankheiten aufmerksam machen und darauf, dass eine vergleichbare Arbeit in anderen Teilen der Welt ganz andere Ergebnisse dokumentieren würde. Eine der meistverbreiteten Krankheiten hier ist Diabetes, eine typische Wohlstandskrankheit. Das amputierte Bein auf meinem Foto ist Ausdruck dieser Krankheit. Ich möchte zu einer Auseinandersetzung damit ermuntern.


Die Einzelausstellung "Bingo" in der GalleriZEBRA in Raasepori, Finnland, vom 3. bis 25. August / "Dwarfdom" ist Teil der New York Photo Festival Invitational Ausstellung. Zu sehen ist sie in der Powerhouse Arena während des Dumbo Arts Festival in Brooklyn, New York, vom 28. bis 10. Oktober. / "Removals" ist Teil der "Finnland"-Ausstellung der jungen Fotografengruppe "Group 11", zu sehen in der TR1 Kunsthalle in Tampere vom 15. Dezember bis 13. Februar 2013, danach im Finnish Museum of Photography, Process Space, in Helsinki

Das Interview führte Daniela Zinser



insgesamt 6 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
produster 20.07.2012
1. Schade!
Die operativ entfernten Hämoriden, die ich neulich mal die Gelegenheit hatte zu fotografieren, wollte bisher niemand sehen. Schade!
spon-facebook-10000385159 20.07.2012
2. Hatte Elvis auch Gallensteine?
Da scheinen die Fotos etwas durcheinandergeraten zu sein. ;)
muttisbester 20.07.2012
3. optional
Großes Kompliment an den Redakteur. Den Hinweis, dass die folgenden Bilder nichts für empfindliche Personen sind habe ich direkt befolgt! Danke dafür.
julianz. 20.07.2012
4. Sehr schön
Sehr schöne, leicht morbide und ästhetische Bilder. Danke für den Artikel, ich werde mir den Namen der Fotografin merken müssen.
sülte 20.07.2012
5.
Zitat von julianz.Sehr schöne, leicht morbide und ästhetische Bilder. Danke für den Artikel, ich werde mir den Namen der Fotografin merken müssen.
Dem kann ich mich nur anschließen - deswegen auch schnell hier reingeschrieben, damit ich sie schnell wieder finden kann. Ich würde mir sogar ein paar der "removal"-Bilder an die Wand hängen - allerdings wohl eher nicht in die Küche oder ins Schlafzimmer.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.