Fotoserie zum Kalten Krieg Das blieb vom Wettrüsten übrig

Verrostete Panzer, verlassene Bunker, verrottete Denkmäler: Der niederländische Fotograf Martin Roemers begab sich auf Spurensuche nach den Überbleibseln des Kalten Krieges - und fand Landstriche, in denen der Ost-West-Konflikt noch immer weiterlebt.

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Martin Roemers

Martin Roemers kennt sich aus mit Kriegen. Mit ihren Folgen, ihren Opfern, ihren Tätern. Der 47-jährige Niederländer ist Fotograf, er hat es mit Porträts von Weltkriegsveteranen und Afghanistan-Kämpfern zu einigem Ruhm gebracht, seine Bilder zeigen Trauer, Schmerz und Verzweiflung. Roemers kennt sich also auch aus mit Gesichtern, die der Krieg gezeichnet hat.

Doch was macht so ein Fotograf, wenn ein Krieg keine Gesichter hat? Wenn ein Konflikt nur schwelte, über 46 Jahre immerhin, aber nie ausbrach, zumindest in Europa? Wenn es sich um eine abstrakte Gefahr handelte? Der Kalte Krieg beherrschte von 1945 bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 die Welt. In seinem Zentrum: das Gleichgewicht der Mächte, das nukleare Wettrüsten, eine Ära der Apathie und der Angst.

Roemers entschied 1997, sich auf eine fotografische Spurensuche nach dem Ost-West-Konflikt zu begeben. Der dabei entstandene Fotoband "Relics of the Cold War" zeigt jetzt, was vom Kalten Krieg übrig bleibt. Weil es aber - zumindest in Europa - nie zu einem Waffengang kam, er also keine Gesichter zeichnete, reiste Roemers kreuz und quer über den Kontinent und fotografierte überwucherte Bunkeranlagen, Atomtestgelände und Raketenrampen, rostende Panzer, verfallende Kasernen.

"Ich wollte zeigen, wie der Kalte Krieg Landschaften und Architektur verändert hat", sagt Roemers; ein Ansatz, der dem seines Vorbildes Edward Burtynsky ähnelt. Der Kanadier gilt als Meister der Landschaftsfotografie, der mit prächtigen und spannungsgeladenen Panorama-Aufnahmen nachzeichnet, wie die moderne Industrie mit ihren Werften, Minen und ihrem Schrott eine neue Umwelt regelrecht fabriziert.

Von der Friedensbewegung sozialisiert

Die Idee zu der Serie entstand, als Roemers 1997 in Brandenburg verlassene Gebäude der russischen Armee besichtigte. Den Großteil der Arbeit habe dann die Recherche eingenommen, die Masse an Motiven habe ihn fast erschlagen. "Ich war überrascht, wie überdimensional die Aufrüstung wirklich war." Roemers, Jahrgang 1962, wurde von der Friedensbewegung politisch sozialisiert - Ende der Siebziger, Anfang der Achtziger. Er trug Sticker gegen die atomare Aufrüstung an der Jacke und rebellierte gegen Lehrer, die vor der "Gefahr aus dem Osten" warnten. Und so hat er einen dokumentarisch-mahnerischen Anspruch: Heute drohe in Vergessenheit zu geraten, was damals normal gewesen sei - die Angst vor dem Atomkrieg. Sein Ansporn: Ein differenziertes Bild zu zeichnen und die Welt nicht einfach in Gut und Böse, in West und Ost aufzuteilen.

"Natürlich ist das nicht so einfach", sagt Roemers selbst - gelungen ist ihm das über weite Teile dennoch. Tatsächlich ist es bemerkenswert, wie sehr sich seine Bilder aus Ost und West gleichen. Sicher, es ist bekannt, dass es monströse Bunker und Waffendepots auf beiden Seiten gab. Trotzdem verblüfft die sich sehr ähnelnde Ästhetik der Abschreckung. Und auch die Alltäglichkeit des drohenden Atomkrieges ist auf manchen Motiven unmittelbar zu spüren: Ein Bild aus dem deutschen Regierungsbunker in Marienthal etwa zeigt ein achtlos abgestelltes Fahrrad. Roemers: "Der Kalte Krieg wurde zur Normalität, die Menschen gewöhnten sich an die nukleare Gefahr."

Je weiter man sich durch den Bildband blättert, umso mehr verstärkt sich allerdings das Gefühl, ein Foto schon einmal gesehen zu haben: noch ein Bunkertunnel und dann noch einer. Und was haben heruntergekommene Turnhallen eigentlich mit dem Kalten Krieg zu tun und dem, was davon heute noch eventuell nachwirkt, landschaftlich oder auch als sozialpsychologisches Erbe? Auch blumenberankte sowjetische Grabsteine befördern eher ein diffus nostalgisches Postkarten-Image vom Kalten Krieg, als wirklich etwas auszusagen.

Kraft entwickelt Roemers Werk vor allem dann, wenn er von seinem Schema F der Militärgebäude und eben auch der Landschaftsfotografie abweicht, wenn er überrascht: mit einem vergilbten Lenin-Wandbild etwa oder einem alten MiG-Kampfflugzeug, das als Denkmal auf einem Luftwaffenstützpunkt steht. Auch Details wie der Totenkopf auf einer US-Bodenrakete samt Aufschrift "Bad to the bone" veranschaulichen die gegenseitige Abschreckung, das 46 Jahre andauernde Zeitalter der Angst stärker als sein Bunkereinerlei.

Begegnung mit dem russischen Geheimdienst

Die Mehrzahl seiner Motive fand Roemers im Osten. Die Behörden dort hätten sich kaum für ihn und seine Arbeit interessiert. In seiner Heimat, den Niederlanden, sei ihm dagegen beispielsweise der Zugang zu zwei Bunkern verwehrt worden. Das mag daran liegen, dass Osteuropas neue Regime oft entweder nicht willens noch in der Lage sind, sich um die überflüssig gewordenen Relikte zu kümmern, während im Westen staatliche Kontinuität herrscht und etwa Bunker teilweise noch genutzt werden.

Doch trotz aller Laxheit im Osten: Einmal erlebte der Fotograf während seiner Recherche hautnah die Härte des russischen Geheimdienstes FSB, vormals KGB. Im Herbst 2002 reiste Roemers in eine russische Kleinstadt nahe Kaliningrad. "Ich entdeckte eine Militärkaserne, die kurz vor dem Einsturz stand. Daher dachte ich, dort wären keine Soldaten mehr stationiert." Er griff sich eine Kamera und suchte ein geeignetes Motiv. Beim Rundgang entdeckte er zwei russische Soldaten, die biertrinkend auf dem Boden lagen. Roemers kehrte zum Auto zurück - zu spät. Die Soldaten hatten ihn entdeckt und verfrachteten ihn zum Verhör in die Baracke. "Ich spreche ein wenig russisch", sagt Roemers, daher sei die Sache glimpflich verlaufen - obwohl er immerhin den ganzen Tag festgehalten wurde, ein Geheimdienstoffizier extra aus Kaliningrad anreiste und seine Filme einkassierte: "Kalter Krieg in Reinform".

Historiker könnten übrigens monieren, dass Roemers zu sehr eine europäische Sichtweise - mit einem Schwerpunkt auf Deutschland - einnimmt. In Asien und Afrika erlebten die Menschen ja durchaus das brutale Gesicht des Ost-West-Konflikts, in den sogenannten Stellvertreterkriegen wie in Vietnam oder Angola starben Millionen. Davon ist bei ihm nichts zu sehen. "Europa und besonders das geteilte Deutschland standen im Zentrum des Kalten Krieges", verteidigt sich der Künstler. Natürlich hätte er Motive aus Vietnam oder Angola aufnehmen können. "Aber dann wäre das Projekt zu komplex geworden", sagt er.


Martin Roemers: "Relics of the Cold War", erschienen im Hatje Canz Verlag, 144 Seiten, 35 Euro. Die Fotografien werden derzeit im Willy-Brandt-Haus in Berlin ausgestellt.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
Ako, 27.11.2009
1. Zur Info
Auf dem 1. Foto der Fotostrecke ist kein Relikt aus dem Kalten Krieg abgebildet worden. Das ist die Alte Nord-Festung (gebaut ende 19.jh) von Liepaja (Lettland), wie z.b. auch hier zu sehen ist : http://www.liepaja.lv/page/3075&action=description&t_id=60
wolf68, 27.11.2009
2. mehr Info
Zitat von sysopVerrostete Panzer, verlassene Bunker, verrottete Denkmäler: Der niederländische Fotograf Martin Roemers begab sich auf Spurensuche nach den Überbleibseln des Kalten Krieges - und fand Landstriche, in denen der Ost-West-Konflikt noch immer weiterlebt. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,662175,00.html
Zitat: "Und auch die Alltäglichkeit des drohenden Atomkrieges ist auf manchen Motiven unmittelbar zu spüren: Ein Bild aus dem deutschen Regierungsbunker in Marienthal etwa zeigt ein achtlos abgestelltes Fahrrad. Roemers: "Der Kalte Krieg wurde zur Normalität, die Menschen gewöhnten sich an die nukleare Gefahr." Muss ich jetzt Angst haben? Das Fahrrad eines (heutigen) Museumsangestellten hat wohl nur mittelbar etwas mit der damaligen Atmosphaere zu tun. Merke: Wenn man mit der Materie nicht so vertraut ist kann selbst bei Rezensionen ein Minimum an Recherche angebracht sein. Z.B. http://de.wikipedia.org/wiki/Regierungsbunker w.
Tugrik, 27.11.2009
3.
Bild 6: Russische Verteidigungsstellung im ostdeutschen Altengrabow. Zu dramatisch. In Wirklichkeit: Truppenübungsplatz Altengrabow. Das alte Panzerwrack diente schon viele Jahre als eine Zielscheibe. Dahinter sieht man die Überreste von Turm/Bunker, die noch aus der Vorkriegszeit stammt. Diente ebenfalls als eine Zielscheibe für diversen Schießübungen. Also von wegen eine Verteidigungsstellung.
newright 27.11.2009
4. Richtig
Zitat von TugrikBild 6: Russische Verteidigungsstellung im ostdeutschen Altengrabow. Zu dramatisch. In Wirklichkeit: Truppenübungsplatz Altengrabow. Das alte Panzerwrack diente schon viele Jahre als eine Zielscheibe. Dahinter sieht man die Überreste von Turm/Bunker, die noch aus der Vorkriegszeit stammt. Diente ebenfalls als eine Zielscheibe für diversen Schießübungen. Also von wegen eine Verteidigungsstellung.
Jap die kenne ich auch noch, vielleicht sollte man über alle Truppenübungsplätze reisen und alles was dort aufgebaut ist, als Relikt des Kalten Krieges verkaufen scheint sich ja zu lohnen.
D. Obermann, 27.11.2009
5. da gibts noch genug zu fotografieren
da kann ich auch was Fotografisches zu beitragen... http://static.panoramio.com/photos/original/27633882.jpg an diesem Wrack bin ich das 1. Mal im Fruehjahr 1984, zum Einlaufen der verteidigungswichtigen Stiefel, in der Grundausbildung bei der freiheitlich-demokratischen Bundeswehr, vorbei gejagt worden.. einige Wochen spaeter wurde ich an die innerdeutsche Grenze gekarrt, wo mir unsere potenziellen Gegner, Deutsche wie ich, vorgefuehrt wurden... und noch etwas spaeter wurde ich vom MAD zu meinem Verhaeltnis zu meinen osteuropaeischen Verwandten befragt... kalter Krieg fand auf beiden Seiten statt - und seine Relikte rotten noch immer in der Gegend herum - auch zum 20. Jubilaeum seines Kollapses...
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