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Fotowettbewerb "Gute Aussichten": Stripperinnen im Fotolabor

Krise auch im Kunstbetrieb? Ach was. Die "Guten Aussichten" beweisen das Gegenteil. Deutschlands renommiertester Wettbewerb für junge Fotografie ehrt die Top-Talente von Morgen - und seen.by präsentiert die Bilder der Gewinner.

Das Brandenburger Tor als eine Formation aus Möbelpackern, Stripperinnen im Fotolabor, ein inszeniertes Familienschicksal – das Spektrum des wichtigsten deutschen Fotografie-Nachwuchs-Wettbewerbs "Gute Aussichten" ist breit. Der Weg zum Erfolg ist hingegen schmal: 103 Abschlussarbeiten haben deutsche Hochschulen, Universitäten und Akademien der Jury vorgelegt, nur neun Gewinnerinnen und Gewinner haben vor den Augen der Jury bestanden. Das Ergebnis der strengen Selektion gehört zum Besten, was in den letzten Monaten an junger künstlerischer Fotografie entstanden ist – unter den Jungtalenten finden sich vielleicht die Gurskys, Höfers oder Struths von morgen.

Was die Absolventen von Jahr zu Jahr bewegt, ist unterschiedlich, auch wenn die Fragestellung "Wo komme ich her, wo gehe ich hin?", die Suche nach der eigenen Identität, immer wieder eine große Rolle spielt. Doch eine Serie über Sex und Lust im Alter gab es noch nicht.

Die 27-jährige Katrin Trautner wagt sich mit "Morgenliebe" an dieses gesellschaftliche Tabu, das sie gekonnt und höchst sensibel durchbricht: Sie porträtiert gealterte Paare in intimen Situationen, zeigt runzlige Haut, wo öffentliche Moral und Ästhetik nur junge und schöne Körper zulässt.

Das Kontrastprogramm dazu liefert Jürgen Staack, der sich mit "Transcription – Image" an die Grenzen der Fotografie herantastet: Was macht ein Bild überhaupt aus? Der Meisterschüler von Thomas Ruff, der selbst bereits internationales Renommee erlangt hat, lässt seine nachgeschwärzten Polaroids von anderen Menschen akustisch beschreiben. Aus den Klangbildern stellt er digitale Codes her, die er wiederum in einem neuen Bild rematerialisiert. Das Ergebnis ist abstrakt.

Gesellschaftliche Themen, politische Fragen oder Reflexionen über die Fotografie per se sind den Arbeiten aller Jahrgänge ein Anliegen. Prämiert wurden die Werke von Heiko Schäfer, der sich mit den Flüchtlingstragödien auf den Weltmeeren befasst, und Reza Nadji, der die gesellschaftlichen Gegensätze Teherans beleuchtet.

Darüber hinaus gibt es bei den "Guten Aussichten" Jahr für Jahr Motive und künstlerische Umsetzungen, die aktuelle Trends aufgreifen und weiter treiben. "In jedem Jahrgang ist der Einfluss dessen spürbar, was in der künstlerischen Landschaft gerade richtungweisend ist," sagt Josefine Raab, die die Werkschau 2004 ins Leben gerufen hat. Im vergangenen Jahr sah sich die Jury auffallend oft mit Wäldern, Bäumen und Natur konfrontiert. Bei den neuen Arbeiten steht dagegen das Meta-Thema Inszenierung im Vordergrund.

Laura Bielau schickt Stripperinnen zum Posen in die Dunkelkammer, Markus Georg stellt Stonehenge an Nachbars Wäscheleine und den Terroranschlag auf das World Trade Center mit Plastiktüten und Farbbeuteln nach.

Maziar Moradi erzählt in "1979" von den Schicksalsschlägen seiner Angehörigen während der islamischen Revolution im Iran. Moradi arbeitet wie ein Regisseur und arrangiert atmosphärisch dichte Kompositionen, in denen Schlüsselszenen seiner Familie nachgestellt werden.

Die "Guten Aussichten", jetzt erstmals bei seen.by zu sehen, schütten - anders als die meisten Wettbewerbe - keine Preisgelder aus. Die Initiatoren versuchen vielmehr, ein Netzwerk für Nachwuchskünstler aufzubauen, sie über eine längere Zeit zu begleiten - und ihnen ein Sprungbrett zu sein.

Immerhin werden die jungen Fotografen einem breiten Publikum international vorgestellt. Allein die Ausstellung der Talente in den Hamburger Deichtorhallen, die anschließend auf Tournee geht, kommt einer Erhebung in den Adelsstand gleich, die von vielen im etablierten Kunstbetrieb mit Argwohn betrachtet wird. Denn Künstler beschreiten ja in der Regel einen mühsamen Weg zur Anerkennung, über kleine regionale Veranstaltungen, Galerien, Kunstvereine, bis sie – wenn überhaupt – in die Ruhmeshallen von Sammlern und Museen vordringen.

Die Krise auf dem Kunstmarkt ist da nicht gerade förderlich. Auch die meisten jungen "Gute Aussichten"-Fotografen arbeiten nebenher als Assistenten oder in Gelegenheitsjobs. Galeristen bemühen sich um sie, doch nur wenige verdienen Geld mit ihren Kunstprojekten oder bekommen Auftragsarbeiten.

Aber immerhin: Es gibt sie, die Fotokünstler von morgen.

Anna Wander, seen.by


Ausstellungstermine und mehr über die Preisträger erfahren Sie bei seen.by

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