Fragen an den Zwiebelfisch Seid an Seit ins Getümmel

So manche gut gemeinte Ermahnung lautet: "Erwarte dir nicht zu viel davon!" Aber kann man sich selbst etwas erwarten? Und ist es möglich, dass jemand, der "seid Jahren" erkrankt ist, "entgültig" gesund wird? Der Zwiebelfisch beantwortet ausgesuchte Fragen seiner erwartungsvollen Leser.

Seid an Seit: Klanglich kein Unterschied
Bastian Sick

Seid an Seit: Klanglich kein Unterschied


Frage eines Lesers:

Hallo Zwiebelfisch, gerade habe ich in einer Fernsehsendung gehört, wie ein Studiogast gefragt wurde: "Was erwarten Sie sich von dieser Debatte?" Ist das nicht irgendwie falsch? Kann man das so sagen? Heißt es nicht "Was erwarten Sie von dieser Debatte?" Und wie ist die Antwort? "Ich erwarte mir...."? Das klingt nun wirklich seltsam. Schon mal danke für die Hilfe, mit freundlichen Grüßen, Kerstin Blum


Antwort des Zwiebelfischs:

Liebe Kerstin, Ihr Gefühl trügt Sie nicht. Das Verb "erwarten" wird standardsprachlich nicht reflexiv gebraucht. Man kann etwas oder jemanden erwarten, lang und heiß und sehnlichst, aber das tut man nicht auf "sich" bezogen.

Im Falle des "Sich-Erwartens" liegt eine Überkreuzung mit anderen, sinnverwandten Konstruktionen vor, nämlich mit "sich etwas versprechen" oder "sich etwas erhoffen".

Man kann sich viel (oder wenig) von jemandem versprechen, und man kann sich irgendetwas von irgendjemandem erhoffen. Versprechen und erhoffen können beide reflexiv (also mit "sich") gebraucht werden, "erwarten" hingegen nicht.

Da "sich etwas versprechen" und "sich etwas erhoffen" aber nahezu gleichbedeutend sind mit "etwas erwarten", kommt es immer vor, dass die eine Form der anderen angepasst wird.

Die Sprachwissenschaft nennt so etwas eine Kontamination (zu Deutsch "Verschmutzung") oder auch Amalgamierung, also eine Verschmelzung von Wörtern oder Wortteilen zu einem neuen Begriff. Dies kann bewusst und in kreativer Absicht geschehen, so wie bei der Verschmelzung der Wörter "teuer" und "Euro" zu "Teuro".

Meistens aber geschieht es aus Versehen, aus Unkenntnis oder Unsicherheit. Wenn man nicht genau weiß, wie eine bestimmte gängige Phrase gebildet wird, greift man auf eine andere zurück, die ähnlich klingt und ungefähr das Gleiche bedeutet. So entstehen Formulierungen wie "meines Wissens nach" (Verschmelzung aus "meines Wissens" und "meiner Meinung nach") und Wörter wie "zumindestens" (Kreuzung aus "mindestens" und "zumindest").

Auch zu früheren Zeiten wurde "erwarten" nicht rückbezüglich gebraucht, dafür aber noch mit dem Genitiv: "Ich erwarte deiner mit Sehnsucht und offenen Armen", lautet ein klangvolles Beispiel aus einem "praktischen Rathgeber in der deutschen Sprache" aus dem Jahre 1824. Heute ist der Genitiv nur noch hinter "In Erwartung" zu erwarten.

Politiker kommen übrigens selten in die Verlegenheit, "sich" etwas zu erwarten, denn das Wort "erwarten" gehört gar nicht zu ihrem aktiven Wortschatz. "Die Erwartung" schon, aber nicht das Verb "erwarten". Verben sind den Politikern nämlich unbequem. Statt "ich erwarte" sagen sie lieber "Ich habe die Erwartung". Und statt "ich befürchte" heißt es im Politikerdeutsch "Ich habe die Befürchtung". Warum ist das so? Das liegt an der Natur der Wörter: Verben haben etwas Direktes, Unmittelbares; Verben sind emotional. Wenn ein Politiker zugibt, dass er auf etwas hofft oder sich vor etwas fürchtet, wirkt er viel zu sehr aus Fleisch und Blut. Lieber versteckt er sich hinter einer hölzernen Nominalkonstruktion, das verleiht ihm scheinbare Autorität und Kompetenz und macht ihn weniger angreifbar.

Viele Menschen tun sich schwer damit, die Worte "Ich liebe dich" über die Lippen zu bringen. Ein Politiker würde ein derart emotionales Geständnis ohnehin ganz anders formulieren. Bei ihm klänge es vermutlich so: "Ich habe in Bezug auf dich die Wahrnehmung einer Empfindung der Zuneigung."


Frage eines Lesers:

Lieber Bastian Sick, ist es nicht "mein gutes öffentliches Recht" als Gebührenzahler, das Programm in korrekter deutscher Rechtschreibung und Grammatik zu bekommen? Dass gelegentliche Fehler vorkommen, ist ja verzeihlich. Aber die "Brisant"-Sendung von heute (5. Februar) ist in dieser Hinsicht einfach nur ärgerlich. Da wird in einem Beitrag über Ralph Siegel ein Text eingeblendet, in dem steht, dass er "seid Jahren" Krebs hat. Nur Augenblicke später ist zu lesen, er hoffe, den Krebs "entgültig" zu überwinden.

Als Quelle wird die "Bild"-Zeitung erwähnt. Aus dieser Richtung ist ja nun nichts Gutes zu erwarten. Aber haben die Sendungen der ARD nicht verantwortliche Redakteure, die die Beiträge vor der Veröffentlichung kontrollieren? Mit den besten Grüßen, Nils Knigge

Antwort des Zwiebelfischs:

Lieber Nils, vielen Dank für Ihre E-Mail! Auch ich habe die Meldungen über Ralph Siegels Gesundheitszustand verfolgt und war sehr besorgt, allerdings weniger aufgrund der Orthographie. Ich schätze Ralph Siegel sehr und habe großen Respekt vor seiner Leistung; und ich erwünsche mir, dass er wieder ganz gesund wird, auf dass er uns noch viele wunderbare Lieder schenken kann.

Aber nun zu Ihnen und Ihrer Frage. Angesichts Ihres Nachnamens scheinen Sie ja geradezu berufen, auf die Etikette zu achten! Dass "seid" und "seit" verwechselt werden, kommt nicht gerade selten vor. In Foren und Chats im Internet wimmelt es von Einträgen à la "Wo seit ihr?" und "Seid wann ist das so?". Genauso ist es mit "endgültig", das oft genug mit einem ungültigen "t" in der Mitte und einem gültigen "t" am Ende geschrieben wird.

Einem Schüler, der nicht wusste, ob "Ihr seid doch alle dabei gewesen" mit "d" oder "t" geschrieben wird, riet sein Lehrer, statt des Perfekts lieber die Vergangenheit zu wählen. Eine wenig hilfreiche Empfehlung, zumal sich bei "Ihr wart doch alle dabei" das gleiche Problem stellt. Ich selbst muss auch jedes Mal nachdenken, ob "ihr wart" mit "d" oder mit "t" geschrieben wird; denn ein "ward" mit "d" gibt es auch, und zwar als alte Form für "wurde": "Und es ward Licht." Das ist heute zwar kaum noch in Gebrauch, denn aus "ward" ward wurde, und niemand kann sagen, was einmal aus "wurde" werden wird.

Der just erwähnte Schüler konnte übrigens von Glück sagen, dass er nicht schreiben musste: "Seit ihr Seit an Seit in den Kampf gezogen seid ..." Dann wäre er endgültig verzweifelt und hätte entgeltlich Nachhilfe nehmen müssen.

Warum es zwischen "seit" und seid" und zwischen "end-" und "ent-" immer wieder zu Verwechslungen kommt, ist leicht zu verstehen: Wenn "d" und "t" am Ende einer Silbe stehen, gibt es klanglich keinen Unterschied. In manchen Gegenden Deutschlands, in Franken zum Beispiel, gibt es zwischen "d" und "t" nicht einmal einen Unterschied, wenn sie am Anfang stehen. Während auf die feine hochdeutsche Art beim Naseputzen "ins Taschentuch getrötet" wird, macht der Franke es auf seine Weise anders, denn er dud ins Daschenduch dröden.

Nun sind Gleichklang von Konsonanten und Besonderheiten von Dialekten keine Rechtfertigung für mangelnde Rechtschreibung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Nicht einmal in einer Sendung, die offenbar eher "brisand" als brisant ist. Leider gibt es keinen Rechtsanspruch auf fehlerfreies Fernsehen; ich befürchte (um nicht zu sagen: ich habe die Befürchtung), man kann bei einer Häufung von Rechtschreibfehlern nicht einmal eine Gebührenminderung geltend machen. Sonst wären unsere Fernsehanstalden balt am Ente.



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Seite 1
Reklov 10.02.2010
1. erwünschen
Zitat von sysopSo manche gut gemeinte Ermahnung lautet: "Erwarte dir nicht zu viel davon!" Aber kann man sich selbst etwas erwarten? Und ist es möglich, dass jemand, der "seid Jahren" erkrankt ist, "entgültig" gesund wird? Der Zwiebelfisch beantwortet ausgesuchte Fragen seiner erwartungsvollen Leser. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,676724,00.html
Lieber Herr Sick, das ist aber auch falsches Deutsch, dass Sie sich gute Gesundheit für Ralph Siegel *er*wünschen! Das ist schon wieder ein Verb, das man meint durch das Suffix er- erweitern zu müssen, ohne dass das semantisch etwas bringt.
M.Clements 10.02.2010
2. Etwas OT,
...aber dennoch:Was mir in Radio und Fernsehen schon seit langem übel aufstösst,ist folgende Ausdrucksweise (Bsp.):" Die Bundesregierung, sie ist zur Zeit....- Was soll das unsinnge Widerholen des Subjekts?Zu hören bei an sich honorigen Nachrichtensendungen der Öffentlich Rechtlichen und nicht etwa nur bei den wie ihre Hörer/Seher etwas einfach strukturierten privaten Sendern.Weshalb macht man so etwas?Gruss,M.C.
hzd 10.02.2010
3. "Wenn "d" und "t" am Ende einer Silbe stehen, gibt es klanglich keinen Unterschied."
Das ist doch im Internet schon Standart! ;-)
Zero Thrust 10.02.2010
4. *quak*
Zitat von M.Clements...aber dennoch:Was mir in Radio und Fernsehen schon seit langem übel aufstösst,ist folgende Ausdrucksweise (Bsp.):" Die Bundesregierung, sie ist zur Zeit....- Was soll das unsinnge Widerholen des Subjekts?Zu hören bei an sich honorigen Nachrichtensendungen der Öffentlich Rechtlichen und nicht etwa nur bei den wie ihre Hörer/Seher etwas einfach strukturierten privaten Sendern.Weshalb macht man so etwas?Gruss,M.C.
Mir ist diese konkrete Unart jetzt nicht ohne weiteres geläufig, aber wenn's dabei gerade um Nachrichtensendungen geht und möglicherweise sogar um dort wirkende Sprecher, dann würde ich das ganz einfach als 'ne Art "Einleitung" auffassen: [neues Thema]Die Bundesregierung,[/neues Thema][eigentl. Nachricht]sie...[usw.] Man will den Hörer/Zuschauer nicht.. überfordern?! So oder so ähnlich? ;D Ist mir selbst aber echt noch nicht (bewusst) aufgefallen. Ich kenne diese oder eine ganz ähnliche sprachliche Erscheinung viel mehr von Simultanübersetzungen, wenn seitens des Dolmetschers dann immer gebremst werden muss und der Sprechfluss so etwas ins Stocken gerät. Ist hier wohl aber nicht gemeint.
frau_flora 10.02.2010
5. Didel
Zitat von hzdDas ist doch im Internet schon Standart! ;-)
Das ist ja auch kein Wunder, denn erstens schreibt seit der "Rechtschreibreform" sowieso jeder, wie er will und zweitens ist das leider auch bei seriösen(?) Medien nicht anders. Gell, SPON? ;-) Ein Alp(!)traum.
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