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S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle: Nein zur Panik! Innehalten im Kreislauf der Erregung!

Eine Kolumne von

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Europapassage in Hamburg: Der ängstliche Mensch neigt zum Konsum

Wenn vom Vorjahr ein zu Angst verdichtetes Gefühl der Ohnmacht zurückbleibt, könnte die Lösung sein: Was man nicht weiß, macht einen nicht verrückt. Vielleicht gelingt ja eine Pause von der Dauererregung?

Aufgrund der untragbar unverrückbaren Veröffentlichungstermine meiner wundervollen Texte erscheint mein heutiger Jahresrückblick dermaßen verspätet, dass es mehr ein Rückblick auf alle Rückblicke ist. Der Master aller Rückblicke gelangt nach Auswertung aller Daten zu folgendem Fazit: Alles schrecklich. Tschüssi, Welt!

Das Klima, der Terror, die Morde, die Rechten - und Stefan Raab hört auf. Selbst wenn man sich beruhigend zuraunt, Mario Barth ist doch Raabs Fortsetzung mit anderen Mitteln, bleibt doch wie an jedem Jahresende ein zu Angst verdichtetes Gefühl der Ohnmacht an der Decke kleben. Die Welt wird untergehen.

Den Bauch voller Kekse

Aber dann. Dann kommt Weihnachten und Chanukka und Silvester, und was ist: Nichts ist. Außer Familien, Braten, Geschenken, TV-Serien und Helene-Fischer-Galas passiert nichts Beunruhigendes. Die sogenannten Medien ergehen sich in sogenannten Jahreshoroskopen. Alle Redaktionen haben auf Feiertagsmodus geschaltet, die meisten Menschen sitzen nicht gelangweilt im Büro und ziehen sich Headlines aus dem Netz, sondern sie essen. Machen Verdauungsspaziergänge, schreiben sentimentale Mails an sentimentale Freunde und vergessen die Bedrohung, die das gesamte Jahr über ihnen schwebte.

Die interessante Studie, die ich mit mehreren Probanden durchgeführt habe, belegt: Was man nicht weiß, macht einen nicht verrückt. In Dresden werden keine Biodeutschen aus ihren Wohnungen transportiert, um drei Syrern Obdach zu geben. Die biodeutsche Frau wird dem Rentner aus Zschopau nicht weggenommen, die Nasen von "Lies!" verteilen ihre Korane nicht wie warme Semmeln, sondern stehen unbehaglich an Hauptbahnhöfen, und auch Daisch marschiert nicht in deutsche Vorgärten ein.

Die Katastrophen passieren von der deutschsprachigen Gemeinschaft unbeobachtet irgendwo, an Orten, an denen Menschen leben, mit denen sich der Eingeborene hier ohnehin kaum identifizieren kann. Was bleibt vom Weltuntergang, wenn man nichts von ihm weiß? Was passiert mit der Angst, die man nicht verspürt, weil der Bauch voller Kekse ist?

Mit der Gewohnheit der Dauererregung brechen

Vielleicht gibt es eine Verschwörung, die so funktioniert: Wenn die Menschen wegen geschlossener Geschäfte und fehlender Onlinelieferungen nicht konsumieren können, lohnt es nicht, sie in Angst zu versetzen. Der ängstliche Mensch neigt zum Konsum von Dingen. Sei es, um seine Sicherheit zu erhöhen oder sich durch Produkte und Policen in der Welt zu verankern. Steile These. Aber auffallend, wie angstfrei die meisten zwischen den Festen ihr Leben genießen. Sie spielen mit Kindern oder ihren Genitalien, sie grüßen einander, sie sind das, was der Affe sich einst dachte, als er Menschen schuf: liebenswerte Geschöpfe mit der Fähigkeit zu singen.

In meiner Neujahrsansprache möchte ich folgenden unausgegorenen Gedanken werden lassen: Wenn man sein Hirn von Panik freihält, sich ab und zu im gierigen Suchen nach Katastrophenmeldungen zügelt, sich auf das konzentriert, was direkt ist, könnte es zu einer gewaltigen Reduktion von Stress führen. Auf einmal nicht mehr bedroht werden von Dingen, die das eigene Dasein gar nicht verändern, hilft ungemein, die befristete Lebenszeit ein wenig mehr zu genießen.

Nicht ignorant sein, nicht schafgleich traben, nur ein kleines Innehalten im Kreislauf der Erregung. Sich der Wohnung zu erfreuen, die geheizt ist, der paar Leute, die einen umgeben und die nett sind. Läden bestaunen, die Brot verkaufen, und eine Sonne, die sich ab und zu zeigt. Es könnte einfach sein mit der Gewohnheit, der Dauererregung zu brechen. Das wäre ein amtlicher Vorsatz für das neue Jahr.

P.S.

Und nein, früher war nicht alles besser.

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Kolumne - Fragen Sie Frau Sibylle
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insgesamt 56 Beiträge
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1. Endlich mal ein sinnvoller Vorschlag!
apetri1 02.01.2016
Sonst stimme ich ja selten Frau Berg zu. Eher schon errege ich mich künstlIch über ihre Einlassungen. Aber wo sie recht hat, hat sie recht. Und hier ist das der Fall. Deshalb werde ich ihre Kolumne im neuen Jahr mit mehr Gelassenheit lesen:-)
2. Bis uns die Realität einholt.
werner.schmidt.mch 02.01.2016
Solange aus einer Drohung keine Realität wird, mag Ihre These stimmen. Aber wehe uns, wenn die Realität zuschlägt, dann haben mehrere eine Dauererregung.
3.
agua 02.01.2016
Hallo Frau Berg, das neue Jahr ist ziemlich neu,so dass ich Ihnen noch "um bom ano novo" wünschen darf. Ja,zwischendurch sollte jeder Mensch sich eine kleine Auszeit gönnen,weil dies gut für Kopf und Seele ist und die Augen öffnen für das Schöne,was jeden von uns umgibt.
4. Gute Vorsätze!
Dr. Kilad 02.01.2016
Irgendjemand hat mal gesagt (sinngemäß): Die Vergangenheit erscheint oft besser als sie war und die Zukunft oft ausweglos. Und der Historiker Eric Hobsbawn bezeichnete recht treffend die Weltgeschichte des 20.Jahrhunderts als ein "Zeitalter der Extreme".
5. Habe ich im Sommer experimentell überprüft
zeichenkette 02.01.2016
Nämlich mit einer vierwöchigen Internet- (und Fernseh-)pause. War großartig, die Menschen sind fast alle nett und freundlich, wenn man sie nett und freundlich behandelt, das Vogelgezwitscher am Morgen klingt großartig und die Welt ist gar nicht so schlimm. Mache ich jetzt regelmäßig, einfach mal sich um das kümmern, was vor der eigenen Nase liegt.
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