Fotokünstlerin Francesca Woodman Mein Körper, mein Kunstwerk

Eine Frau verschwindet: Francesca Woodman verwandelte Teile ihres nackten Körpers in Fotokunst, bevor sie mit 22 Jahren Suizid beging. Am liebsten posierte die Amerikanerin vor morbidem Schauer-Setting. Jetzt zeigt das New Yorker Guggenheim die Zeugnisse dieser verstörenden Selbstdemontage.

Von Anna Kohn


Manhattan, 1981: Mit einem Sprung aus dem Fenster nimmt sich Francesca Woodman das Leben. Die Künstlerin wurde nur 22 Jahre alt. Dennoch hinterlässt Woodman bereits ein komplexes und äußerst umfangreiches Werk: mehr als 800 Abzüge, mehrere tausend Negative. Ihr liebstes Motiv: sie selbst.

Als Woodman stirbt, ist die Künstlerin kaum bekannt. Sie leidet unter Depressionen - auch, weil ihr Antrag auf ein Stipendium gerade abgelehnt wurde, vermutet ihr Vater später. Woodman wächst in Colorado in einer Künstlerfamilie auf, sie selbst hat einen Abschluss von der Rhode Island School of Design. Seit sie 13 ist, fotografiert sie. Fast alle ihre Arbeiten sind schwarzweiß, viele der originalen Abzüge, von denen das Guggenheim Museum in New York nun rund 120 zeigt, sind nur etwa 14 mal 14 Zentimeter groß oder noch kleiner.

Es ist tragisch, dass Woodmans Werk erst in den Jahren nach ihrem Tod bekannt wird. Die amerikanische Künstlerin Cindy Sherman wird Ende der achtziger Jahre mit ihren Selbstporträts "Film Stills" berühmt, und auch Woodmans Arbeiten finden plötzlich Anklang. Seitdem schenken Kritiker auf der ganzen Welt ihrem Werk Beachtung, vor allem Feministinnen interessieren sich für ihre Fotografien.

Das Setting erinnert an Edgar Allan Poe

Die meisten der Bilder zeigen Woodman selbst. Immer wieder hat sie ihren Körper fotografiert, oft ist ihr Gesicht gar nicht zu sehen. Häufig ist sie nackt, eine junge Frau in leeren, halb verfallenen Räumen, in denen die Tapete von den Wänden blättert. Das Setting erinnert an Geschichten von Edgar Allan Poe, morbide, ein wenig bedrohlich. Woodman bewunderte die Werke der Gothic Fiction, auf einigen Bildern trägt sie Kleider im viktorianischen Stil. Wie ein Geist löst sich die Künstlerin in manchen Fotografien auch auf, ein Effekt, den sie durch Bewegung oder lange Belichtungszeiten erreicht hat. In anderen Bildern rückt sie nur Teile ihres Körpers in den Fokus, neben einem Aal oder einem Handschuh. Dann mischen sich surreale Elemente in die Schauerräume, und man denkt an Werke von Man Ray oder dem Deutschen Hans Bellmer.

Das Wissen um Woodmans tragischen Tod trägt sicher zur dramatischen Wirkung der Bilder bei. Allerdings haben die Werke auch genügend Kraft, wenn man den Freitod und die Depressionen der Künstlerin nicht als Interpretationshilfen bemühen möchte; ihre Selbstporträts wirken ohne das Wissen um die persönliche Geschichte, die möglicherweise dem Verständnis sogar eher im Weg steht. "Francescas Werk leidet in dem Fall ein wenig darunter, worunter auch Van Goghs Werk gelitten hat", zitiert die englische Zeitung "The Daily Telegraph" Woodmans Vater George. "Die Tatsache, dass dieser verrückte Mann sich das Ohr abgeschnitten hat, hilft nicht besonders, seine Bilder zu verstehen."

Auf einem Bild sitzt Woodman nackt auf einem Stuhl, zu ihren Füßen sieht man den Abdruck ihres Körpers in weißem Puder. Es scheint, als würde es ihr vor allem um die Grenzen ihres Körpers und ihres Ichs gehen, als würde sie sein Verschwinden oder seine Spuren in der Welt ausloten. Als Betrachter fühlt man sich fast ein wenig voyeuristisch, dieser jungen Frau dabei zuzusehen, wie sie ihre eigene Identität erprobt. Aber auch darum geht es in Woodmans Arbeiten, wenn sie zum Beispiel Spiegel in ihre Bilder einbaut: Wer schaut hier eigentlich wen an?

Ab dem 16. März widmet das Guggenheim Museum in New York Francesca Woodman nun eine große Retrospektive. Neben über 120 originalen Abzügen werden auch zwei kleine Bücher und einige Kurzfilme der Künstlerin zu sehen sein. Woodman selbst hätte womöglich daran gezweifelt, aber: Mehr als 30 Jahre nach ihrem Tod sind ihre Spuren immer noch sichtbar.

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insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
eisbaerchen 16.03.2012
1. Schade um einen so jungen Menschen, aber...
was für eine tolle Fotokunst, man kann es kaum glauben dass sowas im Guggenheim ausgestellt wird....also ich habe auch zehntausende von Negativen und Dias im Schrank, werde mich auch mal um eine Ausstellung im Guggenheim bemühen...
tutuk 16.03.2012
2. eine der wichtigsten foto-kuensterlinnen des 20. jahrhunderts
@eisbaerchen: was sie hier schreiben, geht gar nicht. FW war eine der wichtigsten Fotokünstlerinnen des 20. Jahrhundert, ein absolutes Genie und man kann sie nur noch mehr bewundern, dass sie in so jungen Jahren und in so kurzer Zeit dieses Werk vollbracht hat. Wenn sie heute noch leben würde und jede(r), der von ihr inspiriert ist, auch nur einen Cent pro Foto zahlen müsste, wäre sie heute Millionärin - schauen Sie in die kreativen Ecken von Flickr, in die Blogs usw.
Ronald Dae 16.03.2012
3. Mangel an Modellen
Sehr schöne und auf bezaubernde Art fragile Arbeiten sind hier zu sehen. Am Anfang macht man als jemand, der am liebsten Menschen fotografiert, häufig viele Selbstportraits - allein aus Mangel an Modellen. Schade, dass sie sich so früh wegwarf. Ob sie eine Sherman geworden wäre - wer weiß? Ronald Daedalus Vogel - Portraits
dus–ber 16.03.2012
4.
Zitat von eisbaerchenwas für eine tolle Fotokunst, man kann es kaum glauben dass sowas im Guggenheim ausgestellt wird....also ich habe auch zehntausende von Negativen und Dias im Schrank, werde mich auch mal um eine Ausstellung im Guggenheim bemühen...
viel Erfolg, aber Eisbärchen sollte besser in die Arktis als ins Guggenheim gehen . . . wer hat im Übrigen die Absätze geklaut? Die Schuhe brauchen ihre Absätze . . .
tutuk 16.03.2012
5.
@dus-ber: warum brauchen die schuhe absätze? damit es wie newton aussieht? die referenz hans bellmer ist doch wohl offensichtlich. @Ronald Dae: ob man FW so einordnen kann, wie Sie das mit Ihrem generösen Kommentar suggerieren, finde ich fraglich. Und befremdlich, dass Sie zudem meinen, auf Ihr eigenes "Werk" ausgerechnet hier hinweisen zu müssen, das hat Woodman wirklich nicht verdient.
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