Castorf-Premiere am Berliner Ensemble Verläppert im Irgendwo

Ex-Volksbühnenchef Frank Castorf inszeniert wieder in Berlin. Er verlegt Victor Hugos Roman "Les Misérables" nach Kuba - aber reicht die revolutionäre Kraft über siebeneinhalb lange Stunden?

Matthias Horn

90 Minuten dauert es, bis der Abend in seinem Zentrum ankommt. Da betritt, aus dem Dunkel des Zuschauerraums, ein kräftiger, dunkelhaariger Mann im schwarzen Trenchcoat die Bühne des Berliner Ensembles. Die meist kubanische Musik, mit der das Publikum bis dahin bedröhnt wurde, verstummt.

Der Mann sucht eine Bleibe, und er erzählt, um die richtigen Worte ringend und mit weit ausholenden Gesten der inneren Unruhe, von seinen 19 Jahren im Gefängnis. Von seiner Empörung über die gesellschaftlichen Verhältnisse, die kein Hass sei: Denn anders als der Hass gründe sich die Empörung auf das Wissen, dass man im Recht sei.

Ein alter Mann im Bischofsornat kommt dazu, setzt sich frontal zum Publikum auf einen Stuhl und bekennt sich, aufrecht, klar und mit großer Würde, zur Aufklärung und zur Revolution - selbst wenn sie Opfer fordert.

Es ist die erste Begegnung des Ex-Sträflings Jean Valjean (gespielt von Andreas Döhler), dem Protagonisten aus Victor Hugos Roman "Les Misérables", mit dem Bischof Myrel (Jürgen Holtz), der diesem Mann in die Gesellschaft zurückhelfen wird. Und mehr noch als die anschließende, etwas langatmige Szene, in der der Bischof dem Missetäter seine christliche Güte beweist, ist es dieser Moment, der Valjean zum Guten bekehrt: der unerschütterliche Glaube an den Kampf "für das Ende der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen".

Der Regisseur Frank Castorf hat den Mammut-Roman "Les Misérables" auf die Bühne des Berliner Ensembles gebracht. Die Premiere am Freitagabend war vor allem deshalb mit Spannung erwartet worden, weil es die erste ist, seit der legendäre Regisseur und Intendant als Chef der Berliner Volksbühne abgelöst wurde.

Die gute Nachricht für Castorfs Fangemeinde: So viel hat sich gar nicht geändert. Die Bühne ist zwar ein ganzes Stück kleiner als die der Volksbühne, doch das führt keineswegs zu mehr Konzentration. Siebeneinhalb Stunden dauert der Abend, der vor allem in seiner zweiten Hälfte deutlich zerfasert. Und der viel beschworene Ensemblegeist der Volksbühne scheint auch an Castorfs neuer Wirkungsstätte zu funktionieren: Einträchtig standen sie alle beim Schlussapplaus auf der Bühne, die Mitglieder des Berliner Ensembles mit den Schauspielern, die Castorf mitgebracht hatte.

Es gehört ja zur Castorf-Methode, die ganz auf Europa konzentrierten Romane und Stücke des 18. und 19. Jahrhunderts, die er auf die Bühne stellt, mit einer außereuropäischen Perspektive zu kreuzen, um darin die sozialen und politischen Fragen zu spiegeln, die diese Romane neben all den Liebes- und Familiendingen abhandeln.

Warum gerade Kuba?

In "Les Misérables" spielt der kurze Pariser Juni-Aufstand von 1832 eine Rolle; bürgerliche republikanische Kräfte versuchten damals vergeblich, die konstitutionelle Monarchie abzuschaffen. Castorf (und sein Dramaturg Frank Raddatz) assoziieren das diesmal mit der Geschichte Kubas; der wesentliche Fremdtext, den Castorf mit Hugos "Elenden" kombiniert, ist der Roman "Drei traurige Tiger" von Guillermo Cabrera Infante aus dem Jahr 1965, der das Kuba von 1958 beschreibt, kurz vor Castros Revolution.

Warum gerade Kuba? Nun, Kuba ist zu Kolonialzeiten ein sehr gutes Beispiel für die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, und es hat hier immerhin eine Revolution Erfolg gehabt. Im Programmheft wird Havanna zudem als "das Paris der Karibik" beschrieben; und natürlich ist die kubanische Musik viel besser, energetischer als die französische Musik zur Zeit Hugos oder, Gott bewahre, die Schnulzen aus dem überaus erfolgreichen Musical "Les Misérables" mit seinem pathetischen Rote-Fahnen-Geschwenke.

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"Les Miserables" am Berliner Ensemble: Cuba libre

Und außerdem ergibt es eine wunderbare Kulisse. Castorfs Bühnenbildner Aleksandar Denic hat wieder eine seiner architektonischen bespielbaren Skulpturen von auserlesenem Shabby-Chic auf die Drehbühne gestellt, die, je nachdem, welche Seite gerade vorne ist, mal eine stuckverzierte rosa-weiße Fassade aus der spanischen Kolonialzeit samt Tabakmanufaktur im Erdgeschoss zeigt, mal einen Marktstand und mal den Wachturm eines Gefängnisses, den man mit Guantanamo in Verbindung bringen kann.

Die ersten eineinhalb Stunden sind ein wilder Ritt vor allem durch den Kuba-Roman von Cabrera Infante, bewährte Castorf-Kräfte wie Aljoscha Stadelmann und Thelma Buabeng blödeln sich durch dadaistische Wortspiele, die Frauen (Sina Martens, Valery Tscheplanowa) dürfen in den glamourösen Feder-, Perlen- und Spitzen-Kostümen von Adriana Braga Peretzki Kartoffeln schälen, ihr Elend beklagen und sich auf allen vieren wie Tiger anfauchen.

Großes Rätselraten in der Pause

Die junge österreichische Schauspielerin Stefanie Reinsperger, neu am Berliner Ensemble, und vor allem neu im Castorf-Kosmos, wirkt - wir sind jetzt wieder in einem Handlungsstrang von "Les Miserables" - als böse Pflegemutter der kleinen Cosette, deren Mutter Fantine aus sozialer Not nicht für sie sorgen kann, zunächst wie eine gedopte Version von Sophie Rois, bevor sie sich im Lauf des Abends mit Kraft und Verve zunehmend ihr eigenes Profil zurückgewinnt, gerade, wenn sie aus ihrer Rolle heraustritt und sie kommentiert.

Kurz vor der Pause dann eine Rede vom Band: Der großartige Jürgen Holtz, der mit seiner geradlinigen Textkonzentration wie ein Monolith in Castorfs wirbelndem Ensemble steht, spricht eine Rede,

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"Les Miserables" am Berliner Ensemble: Cuba libre

die mit einem Aufruf zu einer Bildung der Vereinigten Staaten von Europa endet. Großes Rätselraten in der Pause - ein beliebtes Spiel bei Castorf-Abenden: Woher stammt der Text? Der Pressesprecher klärt schließlich auf: Es sind tatsächlich Victor Hugos eigene Worte, 1849 bei einem Pazifistenkongress gesprochen.

Nach gut vier Stunden beginnt Phase zwei des Abends mit einem Stummfilm, Castorf ist jetzt bei dem Handlungsstrang aus "Les Misérables", in dem der übereifrige Kommissar Javert Jean Valjean verfolgt. Valjean hat es mit neuer Identität bis zum Bürgermeister gebracht, Javert will ihn aber unbedingt als Verbrecher überführen. Die Inszenierung wirkt jetzt zeitweise wie ein Film noir, Wolfgang Michael gerät der übellaunige Polizist zu einer möglicherweise nicht ganz beabsichtigten Karikatur.

Warum hat Castorf den Schalter nicht schon ein paar Stunden zuvor umgelegt?

Ist die Tatsache, dass man der Handlung bald immer weniger folgen kann und mag, der nachlassenden Energie der Inszenierung geschuldet, oder ist es nur die eigene Müdigkeit? Immer wieder blitzen einzelne Momente heraus, etwa Abdoul Kader Traorés furiose Rede über den Aufstand, der "die Heimat der Sklaven" sei. Oder Cosettes unschuldige Frage an ihren Geliebten, wozu er die Matratze mitschleppe: für den Barrikadenbau? Nein, sagt der enttäuscht, er habe eigentlich an was anders gedacht. Und schon ist Hugos Methode, immer schön Liebe mit Politik zu vermischen, charmant entlarvt.

Der Roman allerdings gerät zunehmend aus dem Blickfeld - und auch, so scheint es, das Wissen darum, was man mit ihm erzählen wollte. Ist es doch der fehlende Volksbühnengeist, der das Ensemble sonst oft auf den letzten Metern angetrieben hat? Gegen halb zwei nachts verläppert ein letzter Monolog des Kommissars im Irgendwo, dann plötzlich: Black. Und die Frage, warum Castorf den Schalter nicht schon ein paar Stunden zuvor umgelegt hat.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels wurde der Dramaturg des Stücks Fritz Raddatz genannt. Richtig ist: Frank Raddatz.


"Les Misérables". Berliner Ensemble; nächste Vorstellungen am 3., 15., 16. und 28.12., www.berliner-ensemble.de

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Seite 1
_anonym 03.12.2017
1.
Hallo lieber Spiegel, beim Dramaturgen habt ihr euch geirrt, sein Name ist Frank Raddatz. - - - - Vielen Dank für den Hinweis, wir haben den Fehler korrigiert. Redaktion Forum
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