Zum Tode von Frank Schirrmacher Diese herrliche Lust am Untergang

Man wird jetzt über Frank Schirrmacher nur Gutes hören. Doch in Wahrheit hatte er eine enorme Zahl von Gegnern. Warum? Weil er als Mensch begeisterungsfähig und gewinnend war, als Feuilletonist stets politisch. Und als Ideengeber ungemein einflussreich. Ein Nachruf.

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Seine letzte Mail war eine Einladung, ihn in seinem Haus am See zu besuchen. "So schönes Wetter jetzt. Bin diese Woche noch in Rom. Wollen Sie nächstes Wochenende nicht zum Schwimmen kommen? Ehe unser Journalismus abtaucht.... Ihr fs." Am Samstag wollten wir uns sehen, so war es geplant.

Die erste Reaktion auf die Todesnachricht ist Unglaube. 54 Jahre ist ein Alter, in dem manche Männer ein neues Leben beginnen, keines, um zu sterben. Die zweite Reaktion ist eine tiefe Trauer über den Verlust. Man muss Schirrmacher nicht näher gekannt haben, um betroffen zu sein - man muss nur ein Bewohner der Geistesrepublik sein, die Deutschland ja aller Untergangsprophetie zum Trotz auch noch ist und an deren Erhalt er einen so großen Anteil hatte, um sich zu fragen, wie es nun weitergehen soll.

Es gibt nur sehr wenige Journalisten, bei denen jeder Artikel ein Ereignis ist, weil der Autor früher als andere etwas erkannt hat, was sich als wichtig erweisen wird, oder weil er das, was alle sehen, zu Dingen in Bezug setzt, auf die viele nie im Leben gekommen wären. Es schreibt sich so leicht, dass Schirrmacher so gut wie niemand sonst wusste, wie man Debatten anzettelt. Man kann Debatten nicht befehlen; man kann nur einen Text in die Welt setzen und darauf vertrauen, dass er Fahrt aufnimmt. Das aber setzt voraus, dass man dort, wo bei anderen Vorbehalte sitzen, Ideen hat.

Man wird in den kommenden Tagen über Schirrmacher nur Gutes hören, aber in Wahrheit hatte er eine enorme Zahl von Gegnern, die sich über ihn bei jeder Gelegenheit das Maul zerrissen. Diese Leute verachteten die enthusiastische Sorglosigkeit, mit der er die Seiten seines Feuilletons für Themen öffnete, die nach ihrer Meinung dort nicht hingehörten. Was die zwei-, dreihundert Angehörigen des inneren Kreises denken, ist ihnen wichtiger als die Zustimmung des großen Publikums.

Aus den Atombunkern an die Wall Street

Natürlich war Schirrmacher auf Wirkung aus, wie alle großen Journalisten. Aber was für ein ernsthafter Mensch er zugleich war, zeigt die Hingabe, mit der er bei den Themen blieb, die er für wichtig hielt. Nahezu eigenhändig hat er mit seinen Redakteuren den Kampf gegen die Selbstentmächtigung im Datenzeitalter eröffnet, lange vor Snowden und dessen Enthüllungen, und er machte auf dem von ihm verantworteten Platz in der "FAZ" danach unverdrossen weiter, mit den klügsten Köpfen, die er zusammenbekommen konnte, unabhängig von allen medialen Konjunkturen.

Schirrmacher war ein politischer Mensch, auch das unterschied ihn von vielen, die ansonsten im Feuilletongeschäft sind. Weil er früher und klarer als andere sah, wohin Dinge trieben, konnten seine Einlassungen unerhörte Wirkung entfalten. Nicht die "Bild"-Zeitung hat Christian Wulff am Ende am meisten geschadet, es war ein "FAZ"-Kommentar, in dem Schirrmacher dem Bundespräsidenten den Verlust einer ganzen moralischen Kategorienwelt attestierte. "Vernichtung von Kapital: das kennen wir", begann der Artikel, "Vernichtung von symbolischem Kapital: das lernen wir jetzt kennen." Manchmal reichen wenige Sätze, um das Schicksal eines Menschen zu besiegeln.

Ich habe in meinem Leben nicht viele Journalisten kennengelernt, die so begeisterungsfähig waren wie Schirrmacher. Ein Nebenprodukt dieses Enthusiasmus, der sich auf Ideen, Themen und Menschen erstreckte, war sein nahezu schamloser Hang zum Kompliment. Schirrmacher konnte einem schmeicheln, dass man rot wurde, aber weil er es war, der einem schmeichelte, fragte man sich unwillkürlich, ob er nicht etwas in einem erkannt habe, was weniger begabte Köpfe so nicht gesehen hatten. Vermutlich war diese Begeisterungsfähigkeit auch so wirkungsvoll, weil sie in einem auffälligen Gegensatz zu der Untergangslust stand, die seine Texte durchzog.

Schirrmachers Zukunftsprognose war immer schwarz: Entweder war die Vergreisung der Gesellschaft eine Bedrohung, weil wir uns nicht angemessen auf das Alter vorbereitet hatten, oder die digitalen Konzerne und ihr Machthunger oder die Herrschaft der Quantenforscher, die es aus den Atombunkern an die Wall Street verschlagen hatte, wo sie uns ein neues Menschenbild lehrten. Unnötig zu sagen, dass Schirrmacher auch den Journalismus dem Untergang geweiht sah, jedenfalls den Journalismus in der heutigen Form.

"Lieber selber abtauchen, bevor der Journalismus baden geht", antwortete ich am Montag auf sein Angebot, ihn in Potsdam zu besuchen, um eine Runde im See zu drehen. "Großartiges Motto!", schrieb er zurück. Auch wenn es mit der Welt abwärts ging, hieß das für ihn noch lange nicht, dass man deshalb seinen Humor verlieren muss.

Wie sehr er uns fehlen wird, werden wir erst mit der Zeit begreifen.


Lesen Sie hier auch den Nachruf der "FAZ" auf Frank Schirrmacher.



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