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Frank Schirrmacher als Publizist: Der Zauberer

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Der Verlust Frank Schirrmachers ist kaum zu ermessen: Er, der Ermöglicher, der Maverick der Medienbranche, schien einen Weg weisen zu können aus der Krise des Journalismus - denn er war furchtlos.

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Frank Schirrmacher: Er wollte den Streit, er war leidenschaftlich

Frank Schirrmacher wollte Großes, er wollte es dauernd, und er wollte es möglichst jetzt. Er hatte etwas Drängendes, er war neugierig und leidenschaftlich, er war im Grunde immer unterwegs auf der Überholspur des Geistes und damit schon eine Ausnahme in einem Land, dessen Intellektuelle ihre Größe gern auf den Zentimeter hin vergleichen.

Frank Schirrmacher stürmte voran: jüngster Literaturchef, jüngster Feuilletonchef, jüngster Mitherausgeber der "Frankfurter Allgemeinen". Das machte ihn suspekt. Er war ein Spieler, wo andere Seriosität mit Langeweile verwechselten - und wenn Frank Schirrmacher etwas nicht ertragen konnte, dann war es Langeweile: Er wollte den Streit, er war leidenschaftlich, er war damit ein echter Feuilletonist, wie sie es in Deutschland vor dem Ersten Weltkrieg und in der Weimarer Zeit gab, und wie sie es nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr oft gibt.

Er liebte und bewunderte die Schärfe des Gedankens und die Leichtigkeit des Arguments, er konnte sich für Autoren, Kollegen, Künstler begeistern. Er hatte etwas Unberechenbares an sich, eine Besessenheit, die ihn zu einem großen Publizisten machte, aber auch zu einem Getriebenen, befeuert vom Glauben an die eigene Bedeutung.

Martin Luther, das war seine Antwort, als er Ende der Neunzigerjahre nach seinem publizistischen Vorbild gefragt wurde: Frank Schirrmacher hatte bei aller Unerbittlichkeit stets etwas Freigeistiges an sich, er war furchtlos in der Debatte, er suchte die Kontroverse, immer angezogen von der größten Lautstärke und gesteuert von bürgerlich-konservativen Wertvorstellungen, die er, etwa in der Finanzkrise, mit der ihm eigenen Lust wieder brach.

"Ich beginne zu glauben, dass die Linke recht hat", das war die Überschrift zu seinem Text über die Folgen der Finanzkrise für das Denken: "Ein Jahrzehnt enthemmter Finanzmarktökonomie", schrieb er, "entpuppt sich als das erfolgreichste Resozialisierungsprogramm linker Gesellschaftskritik. So abgewirtschaftet sie schien, sie ist nicht nur wieder da, sie wird auch gebraucht. Die Krise der sogenannten bürgerlichen Politik, einer Politik, die das Wort Bürgertum so gekidnappt hat wie einst der Kommunismus den Proletarier, entwickelt sich zur Selbstbewusstseinskrise des politischen Konservatismus."

Der Universalintellektuelle

Frank Schirrmacher, das macht dieses Zitat deutlich, war kein Ideologe in dem Sinn, dass er seine Position für unhinterfragbar und gegeben hielt - er war mehr ein Prediger auf der steten Suche nach einem Glaubensbekenntnis: Mal war es dabei Thomas Mann, der ihm die Richtung wies, mal war es der Internet-Theoretiker Evgeny Morozov.

Denn das war Schirrmachers aktuelle Passion: Nach der Walser-Bubis-Debatte 1998, bei der es darum ging, ob die Deutschen den Judenmord erinnern oder vergessen wollen; nach der Faszination für die Genforschung und die Frage, wie die Entschlüsselung der DNS das Bild vom Menschen verändert; nach der sich fast zu einer Art Schuldverliebtheit steigernden Begeisterung erst 2005 für Bernd Eichingers Hitler-Beschwörung "Der Untergang" und dann 2013 für die Nico-Hofmann-Produktion "Unsere Mütter, unsere Väter" - war es nun das Internet, Google und die Frage nach der totalen Überwachung.

Wie oft bei Frank Schirrmacher paarten sich dabei ein gutes Gespür für Timing und Thema mit einem gewissen Hang zur Apokalypse: So funktionierten seine Bücher "Das Methusalem-Komplott", "Minimum", "Payback" und "Ego" und waren vielleicht auch deshalb solche Bestseller - Frank Schirrmacher wollte ein Warner sein in einer Gesellschaft des Desinteresses, er wollte gehört werden, das war das Lutherische in ihm. Er wollte die Gefahr bannen, indem er sie beschwor.

Schirrmacher erfüllte damit in den Nullerjahren immer mehr das Bild, das er auch von sich selbst hatte: der Universalintellektuelle, der die Grenzen zur Wissenschaft und auch zur Politik einreißt, der Einflüsterer und Ermöglicher, ein Willenstyp, der die Gegenwart, in der er lebt, nicht nur verstehen, sondern auch verändern will.

"Citizen Kane" lässt grüßen

Christoph Schlingensief sah in Schirrmacher schon 2001 eine Gestalt wie Citizen Kane, der manische Zeitungs-Tycoon, Zerstörer des Alten - Schirrmacher hatte in diesem Jahr die letzte wirkliche Print-Gründung in Deutschland bewerkstelligt, die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung", bei der auch ich einige Jahre gearbeitet habe, eine Erfolgsgeschichte und Willenstat.

Wohl auch deshalb sind der Schock und die Bestürzung gerade in der Branche der sonst so neidischen und hämischen Journalisten über den Tod von Frank Schirrmacher besonders groß: Er, so die Hoffnung, er, der Maverick, der Zauberer, der intellektuelle Hochseilartist und vielleicht letzte Publizist mit solch einer Nähe zur Macht, er wenigstens würde vielleicht einen Weg finden aus der Krise der Zeitungen und Magazine.

So haben ihn viele bewundert und manche gefürchtet. Dass er auch eine andere Seite haben konnte, das zeigte sich etwa in seiner bedingungslosen Verehrung für Marcel Reich-Ranicki oder bei einer Rede für den früh verstorbenen Filmkritiker Michael Althen - hier wurde ein Mensch sichtbar, der manches, so schien es, seinem Aufstieg und seiner Sendung geopfert hatte.

Frank Schirrmacher, das ist die Tragik, rannte tatsächlich die Zeit davon. Er starb mit nur 54 Jahren, völlig überraschend und auf dem Höhepunkt seiner Macht, seines Ansehens und Einflusses, in Frankfurt am Main an einem Herzinfarkt.


Lesen Sie hier auch den Nachruf der "FAZ" auf Frank Schirrmacher.

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