Basquiat-Ausstellung in Frankfurt Der teuerste Künstler der USA

Er starb 1988 den Drogentod, mit 27 Jahren. Doch Jean-Michel Basquiat nahm die Digitalkultur vorweg, seine Kunst passt zum Lebensgefühl der Generation Instagram. Eine Frankfurter Ausstellung dokumentiert seinen Aufstieg.

Von


Jean-Michel Basquiats kurzes Leben liest sich wie ein Action-Comic: Aus einem sprayenden Teenager erwuchs ein Shootingstar der Kunstwelt, der mit 27 Jahren an einer Überdosis Heroin starb.

Er schuf rund 1000 Werke in nicht mal zehn Jahren - davon sind nur wenige in öffentlichen Museen zu sehen, denn Basquiat verkaufte schon zu Lebzeiten sehr gut. Er war mit 21 Jahren der jüngste bis dato teilnehmende Künstler der documenta 7 in Kassel, heute gilt er als einer der wichtigsten Künstler unserer Zeit. Im vergangenen Jahr erzielte sein Bild "Untitled 1982" bei einer Auktion 110,5 Millionen Dollar. Verrückt.

Als Jean-Michel Basquiat die erste Welle des Ruhms hinter sich hatte, war er gerade mal 20 Jahre alt. Als Sprayer hatte er sich unter dem Pseudonym SAMO (Same Old Shit) mit kryptisch-poetischen Schriftzügen in Manhattan einen Namen gemacht. Von da an wurde er immer wieder fotografiert, gefilmt, in Zeitungen beschrieben - er war ehrgeizig und arbeitete immerzu, behielt zugleich aber auch seine jugendlich charmante Coolness, die alles so mühelos wirken ließ.

Die Ausstellung "Boom for Real" in der Frankfurter Schirn Kunsthalle zeigt nun eine große Retrospektive, die zuvor in London zu sehen war. Sie versucht zu erklären, warum der hyperaktive schwarze Junge aus der Mittelschicht Brooklyns zum Ausnahmekünstler seiner Zeit wurde.

Zwischen Warhol und Madonna

Denn warum das so war, leuchtet nicht sofort ein. Die Kunstkritik mäkelt hin und wieder an Basquiat herum: Hat dieser kometenhafte, Popstar-gleiche Aufstieg ohne formale Ausbildung überhaupt Berechtigung? Sind seine Porträts nicht eigentlich nur hingeschmierte Piktogramme? Sind 110 Millionen nicht eine groteske Überhöhung durch den Kunstmarkt? Ist er vielleicht nur aufgrund seines frühen Drogentods zum Mythos geworden?

Über die Drogen, die sein Untergang waren, verliert "Boom for Real" trotz eines deutlich biografischen Schwerpunkts kein Wort. Dafür erfährt man viel über die New Yorker Szene um 1980. Im Treppenhaus empfängt Basquiat den Besucher auf einer Videowand tänzelnd zu Musik von Duke Ellington, in den folgenden Räumen sind Zeitungsartikel der späten Siebzigerjahre ausgestellt, Polaroids mit Grace Jones, Madonna, Fab 5 Freddy und anderen Kreativen des Post-Punk-Undergrounds. Dann kommen die Porträts von und mit seinem Freund Andy Warhol. Der Besucher erfährt, wo Basquiat tanzen ging, wann er Warhol kennenlernte, wie die Einladung zu seiner Geburtstagsparty aussah, er kann Basquiats Briefe, Postkarten, Schecks und Mietverträge betrachten. Ein ganzer Raum zeigt ausschließlich Seiten aus seinen Notizbüchern.

Stetige Reizüberflutung

Gehört eine so genaue biografische Dokumentation in eine Kunstausstellung? Sollte nicht die Kunst für sich sprechen? In Basquiats Fall wohl nicht, denn seine Kunst ist ein Mix aus seinem Leben, gesellschaftspolitischen Einflüssen und der Sampling-Methode der damals entstehenden Hip-Hop-Kultur. "Er verschlang jedes Bild, jedes Wort, jedes bisschen Information, das vor ihm auftauchte", schrieb der Autor Glenn O'Brien nach Basquiats Tod 1988. "Die Informationsflut, mit der wir lebten, verwandelte sich so in etwas, das einen verblüffend neuen Sinn ergab."

Das hochbegabte Energiebündel sog alles auf, reagierte auf jeden Impuls aus seiner Umgebung, scheinbar ungefiltert. Das Selbstporträt "Dos Cabezas" (1982) mit Andy Warhol malte er in zwei Stunden und schenkte es seinem Idol, als die Farbe noch feucht war. Sogar die Beschriftung seiner Cornflakes-Packung soll er mitunter verarbeitet haben, immer umgeben von Bücherbergen sowie parallel laufendem Fernseher und Plattenspieler. So malte er sich als erster Schwarzer in die elitäre weiße Kunstwelt.

Basquiats Bilder spiegeln diesen permanenten Zustand der Reizüberflutung. Sie sind wild, improvisiert, unmittelbar, voller Energie und Rastlosigkeit, jedes Bild wie ein Ausschnitt aus seiner Timeline. Er remixte Zitate mit anatomischen Zeichnungen, Zeitungsausschnitte mit grober Malerei, er entfremdete Picasso und Leonardo da Vinci, kopierte und fügte ein, ein Copy-Paste-Künstler. Und er liebte Selfies, immer wieder malte er Selbstporträts. Man könnte sagen: Er nahm die heutige Digitalkultur vorweg, in der viele Menschen fortwährend damit beschäftigt sind, auf sie einströmenden Input zu verarbeiten.

Basquiat zu mögen scheint leicht

Dies mag der Grund sein, warum Basquiat so vielen gefällt - weil sich bei ihm aus der Synthese unzusammenhängender Belanglosigkeiten neuer Sinn zu ergeben scheint. Es sind schnelle, spontane Werke, die die Themen seiner Zeit symbolhaft zusammenfügen, Basquiat ist dabei der schwarze Held vor weißem Hintergrund. Immer wieder zeigt er sich in Selbstporträts als dunklen Schädel, umgeben von politisch anmutenden Slogans, wie in "Famous" (1982) oder "Glenn" (1984).

Rassismus, Polizeigewalt, Kapitalismuskritik - seine Themen sind auch heute aktuell. Basquiat transportiert sie, indem er das Private und das Öffentliche verschwimmen lässt - auch darin gleicht sein Werk der heutigen Digitalkultur. In "Boom for Real" gibt es deshalb keine Berührungsängste, keine akademische Schwelle, denn das Lebensgefühl der Generation Facebook und Instagram ist der Unmittelbarkeit, mit der Basquiat arbeitete, so ähnlich.

Seine großen Formate wie "Ishtar" (1983) enthalten so viel, dass man sie schlecht nicht mögen kann. Basquiat berührt alles auf einmal, Musik, Wissenschaft, Politik, Wirtschaft, TV. Es sind Bilder wie überbordende Büfetts, auf denen jeder etwas für sich finden kann.


Ausstellung: "Basquiat. Boom for Real", Schirn Kunsthalle Frankfurt am Main. Bis 27. Mai 2018

Mehr zum Thema


insgesamt 11 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
stefan.martens.75 16.02.2018
1. Ein Künstler
Mit dem ich nichts aber auch gar nichts anfangen kann. Mehr als Kritzeleien kann ich hier beim besten Willen nicht erkennen. Aber wenn willkürliche und substanzloses hin (geschreibsel) oder gekritzel als Markenzeichen der heutigen Generation gelten..... Dann fallen mir noch viele weitere Künstler ein.
japhyryderson, 16.02.2018
2. Basquiat
Ein Künstler mit dem ich sehr viel anfangen kann. Hip-Hop ´n Jazz NY-Melting Pot Painting. Einzigartig.
UCL 16.02.2018
3. Robert Hughes und auch Dore Ashton brachten es auf den Punkt
den Punkt eben, den Basquiat wohl nie so richtig traf (auf 'ner Leinwand) : Ashton und Hughes erklärten mehr als nur einmal sehr emphatisch : es sei ein reines KunstMarkt-Spektakel --- im besten Fall.
holgerpache77 17.02.2018
4. 110 Millionen
Das Bild untitled 1982 erzielte auch nur deswegen einen so hohen Wert da Yusaku Maezawa ein fanatischer Basquiat Fan das Gemälde um jeden Preis haben wollte. Veranschlagt waren zunächst vielleicht maximal 20 Millionen seitens von Sotheby's Yusaku Maezawa ist überzeugter Basquiat Sammler und durchaus willens Preise weit über dem veranschlagten Wert zu zahlen. Er besitzt momentan wohl die Meisten Basquiat und hat jedes dieser Werke für Mondpreise erstanden. In der Kunstwelt wurden zuletzt für diverse Bilder Mondpreise bezahlt. So wurde erst im Herbst 2017 für "Salvator Mundi" 450 Millionen $ bezahlt. Das hat mit Wertschätzung von Kunst nichts mehr zu tun sondern eher damit, dass die Welt-Geldelite nicht mehr weiß wohin mit ihren Penunsen. Und das ist dann tatsächlich spätrömische Dekadenz.
Papazaca 17.02.2018
5. Für mich einer der interessantesten Künstler + passend ...
zu unserer Zeit. Manchmal braucht es aber auch Zeit siehe Keith Haring, Warhol, Beuys oder Banksy. Passen diese Künstler zu den Klassikern der Moderne wie Picasso, Dali oder Max Ernst? Eher nicht. Aber die passten auch nicht 100% zu Leonardo. Vieles war eben immer Geschmack. Klar werde ich mir diese Ausstellung ansehen. Das in der Kunst vieles mit Geld und Hype zu tun hat, ist in letzter Zeit offensichtlich. Ich habe zum Beispiel immer Probleme mit Damien Hirst und Jeff Koons gehabt. Und ansonsten ist Kunst eben keine Konstante, siehe Vermeer, der auch nicht sofort die Anerkennung bekam. Und wieviel sind im Orkus des Vergessens verschwunden? Und die Ablehnung der aktuellen Kunst durch die älteren Generationen gab es sicher auch schon immer. Seit Roms Zeiten. Also: Späte Anerkennung, Hype und Ablehnung, es gibt offensichtlich Konstanten in der Kunst. Basquiat's Gekritzel gefällt mir halt, unabhängig vom Kunstmarkthype .....
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.