Frankfurter Intendanten-Wechsel Verschwörung auf der Picknickdecke

Es ist ein verrücktes Stück! Zum Abschied der Intendantin Elisabeth Schweeger aus Frankfurt stürmt ihr gesamtes Ensemble die Bühne: Gut 30 Darsteller spielen mehr als 300 Figuren, schlüpfen in mehr als 350 Kostüme. Nur reden dürfen sie nicht.

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Das Intendantenkarussell dreht sich diesen Sommer in beeindruckendem Tempo: am Schauspiel Frankfurt, am Deutschen Theater Berlin, am Thalia Theater Hamburg, an den Münchner Kammerspielen, am Schauspiel Hannover, am Staatsschauspiel Dresden, am Schauspielhaus Zürich und am Burgtheater Wien. Ein Gehen und Kommen, allüberall.

In Frankfurt geht Elisabeth Schweeger nach acht Jahren, und an ihre Stelle kommt Oliver Reese vom Deutschen Theater Berlin. Von Mittwoch an feiert Schweeger Abschied, und sie tut dies, wie sie es passender nicht tun könnte: mit einem ewigen Kommen und Gehen.

Schweegers letzte Spielzeit, hübsch-selbstironisch mit dem Motto "hin und weg" betitelt, endet nämlich mit der Inszenierung des stummen Peter-Handke-Stückes "Die Stunde da wir nichts voneinander wussten": einem Schauspiel ohne Worte, einem Theatertext, der nur aus Regieanweisungen besteht. Eine Flut von Figuren - einzeln, als Paare, in Gruppen - ergießt sich darin über die Bühne, in unzähligen Auf- und Abtritten, ein Nebeneinander von Gegensätzen. Die Menschen schleichen oder schlendern, sie rasen oder rollen, sie begegnen sich oder gehen aneinander vorbei. Ein poetischer, je nach Blick auch etwas kitschiger Bilderbogen alltäglicher Szenen, inspiriert vom Kommen und Gehen auf einer italienischen Piazza.

Handkes Stück, uraufgeführt von Claus Peymann 1992 in Wien, bietet eine der seltenen Gelegenheiten, an einem Abend das gesamte Ensemble mitspielen zu lassen. Das macht es ideal für Abschiede, aber auch für Eröffnungen: Elmar Goerden etwa gab mit "Die Stunde da wir nichts voneinander wussten" 2005 seinen Einstand als Intendant am Schauspielhaus Bochum.

Zum Finale Schweegers am Schauspiel Frankfurt inszeniert Wanda Golonka das Stück, jene Choreografin und Regisseurin, die ihren Teil dazu beigetragen hat, dass manche Kulturkonservative dem Haus in den vergangenen acht Jahren den Rücken gekehrt haben - zu experimentell und zu sperrig waren ihnen die Arbeiten. Sie freuen sich nun auf das gediegene Sprechtheater mit Schauspielern zum Bewundern, für das der neue Intendant Oliver Reese steht.

Schweegers Abschied mit Handkes stummer Figurenflut lässt sich insofern auch als Wink verstehen: Schaut her, auch wir haben unsere Schauspieler geliebt! Nur schön sprechen, das mussten sie nicht unbedingt.

Schweeger wäre aber nicht Schweeger, wenn sie sich nur mit einer Inszenierung verabschieden würde: Sie hat das Stadttheater in den vergangenen acht Jahren weit geöffnet, für Kunstinstallationen zum Beispiel und für politische Debatten, und so ergänzen eine Party des "Bucovina Clubs" und ein künstlerischer Kongress das Frankfurter Finale.

Die Hamburgerin Claudia Plöchinger kuratiert das Programm zum Thema "Flaneur", für das der Bühnenbildner Jo Schramm den unwirtlichen Willy-Brandt-Platz vor dem Schauspiel in einen Ort des Verweilens verwandeln will.

Wer eine Karte kauft, bekommt einen Picknickkorb mit Speisen und Getränken und Decke, mit denen er zwischen dem Foyer, dem Willy-Brandt-Platz und der benachbarten Taunusanlage umherziehen und rasten kann, wann und wo immer er mag. Auf Gesprächsinseln kann er sich mit Experten wie der Soziologin Ellen Bareis, dem Philosophen Frithjof Bergmann und dem Theaterwissenschaftler Hans-Thies Lehmann über die Sehnsuchtsfigur des müßiggängerischen Flaneurs unterhalten, der ziellos durch die Stadt streift.

Klaus Walter und Armin Chodzinski begleiten die Besucher mit einem Radioprogramm, das nur auf dem Kongressareal zu empfangen ist, Julia Krause versetzt die Besucher auf Sportstudio-Laufbändern in Bewegung, und die Radiokunst-Gruppe Ligna zettelt eine "Verschwörung der Flaneure" an: eines ihrer sogenannten Radioballetten, bei denen die Besucher mit Ansagen über Kopfhörer so koordiniert werden, dass sie kollektiv die Regeln des Raums brechen und damit gesellschaftliche Normen.

Frankfurts Kulturkonservative werden hin und weg sein.


"Die Stunde da wir nichts voneinander wussten": öffentliche Probe 1. Juni, Premiere 3. Juni, weitere Aufführungen 4., 5., 6. Juni, jeweils 20 Uhr, Schauspiel Frankfurt, Großes Haus, Kartentel. 069/134 04 00.

Flaneur - Der Kongress: 5. Juni ab 16 Uhr, 6. Juni ab 14 Uhr, im Foyer des Großen Hauses, auf dem Willy-Brandt-Platz und in der Taunusanlage.

Bucovina Club: 6. Juni ab 22.30 Uhr, im Foyer des Großen Hauses.



insgesamt 3 Beiträge
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sound67 30.05.2009
1. Gott sei Dank!!!
Ich glaube kaum, dass viele Menschen aus der Umgebung des Frankfurter Schauspiels ernsthaft den Weggang dieser grässlichen Frau bedauern werden. Das hat weniger mit ihren Projekten zu tun als mit ihrem unzumutbaren persönlichen Stil: Herrschsucht, Rachsucht & Cholerik vereinen sich bei ihr in unachahmlicher Weise mit einem diktatorischen Führungsstil und unsäglichen sonstigen Manieren. Man kann nur sagen: Weg mit ihr!
sternchen32 01.06.2009
2. Dreht sound67 den Saft ab
Ich bin aus der "Umgebung des Frankfurter Schauspiels" und habe unter Elisabeth Schweeger die acht schönsten Arbeitsjahre meines bisherigen Berufslebens verbracht. Ich bedauere ihren Abgang sehr. Künstlerisch war es eine äußerst glückliche Zeit mit vielen Freiheiten und einer Intendantin, die künstlerische Ideen immer verteidigte. Allerdings wehrte Sie sich gegen alles Kleingeistige, gegen manche Kräfte, die immer nur sagen: "geht nicht", "schaffen wir nicht". Möglich, daß "sound67" auf dieser Basis mit der alles andere als herrschsüchtigen oder rachsüchtigen Intendantin zusammengestoßen sein mag. Elisabeth Schweeger ist vieles, manchmal unmäßig, manchmal emotional, niemals aber nachtragend oder diktatorisch. Mit ihr konnte man immer über alles reden. Sound67 hätte es einfach mal versuchen sollen. Man kann nur sagen: Danke Elisabeth Schweeger
sound67 11.06.2009
3. Ach ja?
"Dreht sound67 den Saft ab" Dieser charmante Satz sagt doch schon alles darüber aus, wieso DU dich mit der Schweeger so gut verstanden hast - aus gleichem Holz geschnitzt. Der Rest von uns freut sich auf die Ablösung eines mittelmäßigen Ensembles (hochwahrscheinlich inklusive Deiner Wenigkeit) und die Ankunft eines neuen Intendanten, der dem Haus vielleicht wieder etwas von dem Glanz verleihen wird, den es dereinst unter Eschberg hatte. Tschö!
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