"Frankfurter Rundschau": Verlag streicht Traditionsblatt zusammen

Die Fakten liegen auf dem Tisch und sie sehen hässlich aus: Die "Frankfurter Rundschau" wird künftig zu einem wesentlichen Teil vom Schwesterblatt "Berliner Zeitung" produziert. Trotz gegenteiliger Beteuerungen des Verlags dürfte die Eigenständigkeit des Traditionsblatts bald dahin sein.

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"Frankfurter Rundschau": Auch das neue Tabloid-Format konnte nichts retten

Berlin/Frankfurt am Main/Hamburg - Die Eigentümer der traditionsreichen "Frankfurter Rundschau" ("FR") ziehen nach jahrelangen Millionendefiziten die Notbremse. Künftig sollen die überregionalen Mantelseiten der "FR" beim Schwesterblatt "Berliner Zeitung" produziert werden. Von den 190 redaktionellen Stellen in Frankfurt würden unter dem Strich 44 wegfallen - ein massiver Einschnitt, der kaum ohne Wirkung auf publizistische Qualität und Eigenständigkeit des Blattes bleiben dürfte. Zunächst sollen sogar 88 betriebsbedingte Kündigungen ausgesprochen werden.

Die Maßnahmen kündigte Franz Sommerfeld, Vorstand des Medienhauses M. DuMont Schauberg, an. Die Redaktionen wurden erst am Freitag offiziell darüber informiert, wesentliche Details der Verlagspläne waren aber bereits am Donnerstag in die Öffentlichkeit gelangt.

Verleger Alfred Neven DuMont bedauerte in einem Beitrag für die Samstagsausgabe der "FR" die Einschnitte: "Anders ist die Existenz der Zeitung nicht zu sichern." Laut Sommerfeld hat die Zeitung 2010 rund 19 Millionen Euro Defizit gemacht. "Mit diesen Maßnahmen wollen wir bis 2013 aus den roten Zahlen sein."

M. DuMont Schauberg (MDS) hält seit rund fünf Jahren die knappe Mehrheit an der linksliberalen Zeitung, die SPD-Medienholding DDVG 40 Prozent. Sommerfeld unterstrich: "Es ist keine Übernahme durch Berlin. Wir werden die 'FR' als eigenständige Zeitung im Markt erhalten."

In Frankfurt sollen vor allem die Lokalredaktionen bleiben. Zugleich werden dort alle überregionalen digitalen Inhalte für die "Berliner Zeitung" und die "Frankfurter Rundschau" hergestellt.

Die bisherigen "FR"-Regionalredaktionen im Frankfurter Umland sollen nach Informationen der Gewerkschaft Ver.di auf Basis von Werkverträgen ausgegliedert werden. Ein MDS-Sprecher verwies auf Nachfrage von SPIEGEL ONLINE darauf, über die juristische Struktur dieser Neuausrichtung sei noch nicht entschieden.

Voraussichtlich von Sommer an werden die überregionalen Mantelseiten in Berlin produziert. Zu den rund 120 Redakteuren in der Hauptstadt werden 20 Journalisten aus Frankfurt hinzukommen und gemeinsam zwei Mantelteile für die beiden Zeitungen erstellen. Die Ressortleitungen würden doppelt besetzt mit Redakteuren aus beiden Häusern.

Außerdem ist eine gemeinsame Chefredaktion beider Titel geplant mit Uwe Vorkötter an der Spitze, dem derzeitigen Chefredakteur der "Berliner Zeitung". Dazu gehören auch Brigitte Fehrle, die eine Redaktionsgemeinschaft mit rund 25 Autoren für die MDS-Titel leitet, sowie der bisherige "FR"-Chefredakteur Rouven Schellenberger, der die digitalen Inhalte verantwortet. Der andere "FR"-Chefredakteur Joachim Frank wird Chefkorrespondent aller Abo-Zeitungen der Gruppe. Zu MDS gehören unter anderem auch die "Mitteldeutsche Zeitung" und der "Kölner Stadt-Anzeiger".

Die "Frankfurter Rundschau" hatte einst mehr als 1500 Beschäftigte, befindet sich aber seit rund zehn Jahren in der Krise und wurde mit einer Landesbürgschaft gestützt. Die verkaufte Auflage sank auf nur noch knapp 130.000 Exemplare - vor zehn Jahren waren es noch mehr als 190.000. Seit Jahren verzichten die Mitarbeiter auf Urlaubs- und Weihnachtsgeld. Seit 2007 erscheint das Blatt im kleinen Tabloid-Format.

Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) warnte davor, dass die "Frankfurter Rundschau" zur Lokalausgabe der "Berliner Zeitung" wird. "Der deutsche Zeitungsmarkt hat genug Potential für mehrere überregionale Blätter", sagte DJV-Chef Michael Konken der Nachrichtenagentur dpa. Die Eigenständigkeit der Zeitung müsse erhalten bleiben.

tdo/dpa

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1. Die Zeitung stirbt
nurmeinsenf 01.04.2011
Das Internet ist jederzeit aktueller und bietet zu jedem Thema direkt Links zum Weiterlesen. Oder den Vergleich mit anderen Nachrichtenquellen. Die klassische Zeitung stirbt. Jeder weiß es, und keiner kann etwas dagegen tun. Kostenreduktion durch Einsparung journalistischer Qualität ist nichts anderes als sehenden Auges in den Untergang gesteuert. Kurzfristig hilft's, aber wer denkt ernsthaft, daß die FR dadurch rentabel wird? Es nutzt nicht mal, daß zum Beispiel im Frankfurter Hauptbahnhof fast regelmäßig stapelweise Ausgaben der "FAZ" oder der "Süddeutschen" verschenkt werden. Provokativ: Außer als Unterlage für die Streu im Kleintierkäfig brauche ich keine "Totbaumedition" mehr... Die Zeitung wird den Weg der großen Enzyklopädien gehen.
2. Abgesang...
hwolf@gmx.net 01.04.2011
Zitat von sysopDie Fakten liegen auf dem Tisch und sie sehen hässlich aus: Die "Frankfurter Rundschau" wird künftig zu einem wesentlichen Teil*vom Schwesterblatt*"Berliner Zeitung"*produziert.*Trotz gegenteiliger Beteuerungen des*Verlags*dürfte die Eigenständigkeit des Traditionsblatts bald dahin sein. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,754503,00.html
Als früher langjähriger Abonnent der FR bin ich wegen fortschreitender Qualitätsmängel (offensichtlich wurden vermehrt Legastheniker beschäftigt) in den frühen 90ern ausgestiegen. Nach langen Jahren der Abstinenz bin ich seit einiger Zeit wieder Abonnent, in erster Linie, um mit dazu beizutragen, dass die FR ihre politische und lokale Ausrichtung gegen immer mehr rechtskonservative und gleichgeschaltete Medien erhalten kann. Wenn nun aber die FR lediglich der Lokalableger Berliner oder Kölner Durchschnittsmedien wird, ist sie für mich gestorben. Dann bleibe ich lieber online oder gehe zur FAZ oder der Süddeutschen.
3. Fatale Entwicklung
hierro 01.04.2011
Zitat von sysopDie Fakten liegen auf dem Tisch und sie sehen hässlich aus: Die "Frankfurter Rundschau" wird künftig zu einem wesentlichen Teil*vom Schwesterblatt*"Berliner Zeitung"*produziert.*Trotz gegenteiliger Beteuerungen des*Verlags*dürfte die Eigenständigkeit des Traditionsblatts bald dahin sein. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,754503,00.html
Ich entsinne mich: Beim FR-Neujahrsempfang 2006 waren die Verantwortlichen der Frankfurter Rundschau noch außergewöhnlich optimistisch und artikulierten "wir haben die Krise erfolgreich beendet". Als 2007 die Medienholding ddvg der SPD 50 Prozent ihres Anteils am FR-Verlagshaus an DuMont Schauberg in Köln veräußert hat, schrillten bei vielen Lesern die Alarmglocken. Die Meldungen und Gerüchte über die ernste Finanzsituation des Blattes rissen dann nicht mehr ab. Doch wir, die Abonnenten, die der Zeitung seit mehr als dreißig Jahren die Treue hielten, müssen nun erleben, dass die FR im vergangenen Jahr 19 Millionen Euro Defizit erwirtschaftet hat. Wer hat da versagt? Sicherlich nicht die Redakteure, die für ihr und unser Blatt ihr Bestes gegeben haben. Ich glaube jetzt nicht mehr daran, dass das Traditionsblatt seine Eigenständigkeit behalten wird. Bedauerlich, dass wir uns nun bald nach einer neuen Tageszeitung umsehen müssen. Diese tragische Entwicklung zeigt aber auch, das das Print Medium bald nicht mehr mit den Online-Diensten konkurrieren kann.
4. So so ...
Achim 01.04.2011
Franz Sommerfeld also. Wow! Vom Chefschreiber der "Roten Blätter" des MSB Spartakus zum Liquidator der "Frankfurter Rundschau". Was für eine Karriere. Hat da dieser Fleischhauer noch nix drüber geschrieben?
5. Tragischtragisch
dr.épernay-boiler 01.04.2011
Und zugleich werden Blättchen wie die Bild-"Zeitung" ewiglich bestehen.
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