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Architektur in Frankfurt: Babylon der Banker

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Symbole von Wirtschaftskraft und Zukunftsglaube: In die Architektur Frankfurts hat sich das Selbstbewusstsein der Finanzmetropole eingeschrieben - eine Ausstellung zeigt den chaotischen Weg zur kapitalistischen Traumstadt.

Ganz gleich, ob man sich Frankfurt von Norden über die A5 nähert, im Anflug auf den Flughafen rechts aus dem Fenster schaut oder mit dem Zug über die Deutschherrnbrücke rumpelt - sofort rauschen die ehrgeizigsten Häuser in die Höhe und stehen dann da, mit unabweislicher Präsenz. Jede Annäherung an die Stadt ist eine Annäherung an eine Skyline, die auf Fernwirkung ausgelegt ist. Wie es so weit kommen konnte, was der Stadt erspart geblieben ist und was noch alles kommen könnte, davon erzählt das Deutsche Architekturmuseum mit seiner Ausstellung "Himmelstürmend".

In der Halle begrüßt den Besucher auf einer Videoleinwand ein einstürzendes Hochhaus. Es ist der AfE-Turm der Universität, der am 2. Februar 2014 gesprengt wurde und hier als Loop immer wieder in eine sich bauschende Staubwolke zu Boden sinkt wie eine Ballerina. Die restlichen Exponate erzählen dagegen von der Sprengung aller menschlichen Maße. Sie ging langsamer, aber ebenso unaufhaltsam vor sich.

Am 1. April 1927 druckten die "Frankfurter Nachrichten" eine Karikatur von der angeblich geplanten "Neugestaltung" des damals noch beschaulichen Opernplatzes in einen brodelnden Verkehrsknotenpunkt mit Autos, Straßenbahnen, Flugzeugen - umzingelt und übertrumpft von modernistischen Hochhäusern. Heute sieht es dort genau so aus.

Stalagmiten der Macht

Alles begann mit der Enttäuschung, dass Frankfurt 1949 wider Erwarten nicht zur Hauptstadt von Westdeutschland bestimmt wurde. Oberbürgermeister Walter Kolb (SPD) schwebte deshalb eine "Rückkehr der Stadt zu ihrem ureigentlichen Wesen als Handels-, Banken- und Industrieplatz" vor. Auf den zerstörten Flächen sollten Hochhäuser entstehen, wenn auch nicht so massiert wie in Amerika. Anders als andere Städte in der Bundesrepublik ermöglichte in Frankfurt ein spezielles Baurecht den Bauherrn, die Gewinne durch den erwartbaren Wertzuwachs der Grundstücke selbst abzuschöpfen. Ein entscheidender Anreiz zur Wirtschaftsförderung, die in einen beispiellosen Wildwuchs mündete.

So bescheiden die Anfänge, so rührend waren die Bemühungen, der einmal in Gang gesetzten Dynamik irgendwie Herr zu werden. Der erste Hochhausplan von 1953 orientierte sich noch am mittelalterlichen Stadtbild. Gebaut werden sollten 26 frei stehende Hochhäuser nur an Brücken über den Main und dort, wo in den geschleiften Stadtmauern einst die Tore eingelassen waren. Dem Dom mit seinen 95 Metern sollte in der City kein profaner Bau ins Gehege kommen.

Schon bald aber zeigte sich, dass Banken und Versicherungen der Stadt ihre Entwicklung diktieren konnten. Im Westend und entlang der Taunusanlage entstanden Stalagmiten der Macht, Knotenpunkte des Finanzwesens in einer sich globalisierenden Welt.

Investoren spekulierten mit Grundstücken, Politiker auf Einnahmen aus der Gewerbesteuer. So sah der berüchtigte "Fingerplan" des Dezernenten Hans Kampffmeyer (SPD) vor, alle Hauptstraßen der Innenstadt zur Hochhausbebauung freizugeben. Auf Kosten der Anwohner, die sich gewachsene Strukturen nicht einfach abkaufen lassen wollten. Wie Jahre später bei "Stuttgart 21" kam es zu einer Koalition aus linken und konservativen Gegenbewegungen zur kapitalistischen Verdichtung der Stadt. Als 1973 der Rohbau des City-Hauses abbrannte, wurde das von vielen Bürgerinnen und Bürgern wie ein Freudenfeuer gefeiert.

Solvente Mieter gesucht

Es ist der Ausstellung anzurechnen, dass sie die Episode des Häuserkampfs mit Plakaten und Stellwänden würdigt - wird sie doch von den Gewinnern dieses Kampfes finanziert (Banken, Investoren, Bauunternehmen). Die Ausstellung selbst ist Symptom für das gewandelte Bewusstsein, zaghaft ins Herz zu schließen, was Frankfurt von anderen deutschen Metropolen sprichwörtlich abhebt.

Gefeiert werden mit frühen Skizzen, Fotos und Originalmodellen vor allem jene postmodernen Hochhäuser, die teilweise noch in den Achtzigerjahren geplant wurden und eine skeptische Bevölkerung zumindest ästhetisch mit ihrer Stadt versöhnen sollten. Während mit den Fachwerkhäusern am Römer die bürgerlich-touristische Nachfrage nach einem "historischen Herz" befriedigt wurde, entstanden anderswo ansehnlichere Wolkenkratzer - etwa der "Bleistift" des Messeturms, der Westend Tower mit seiner am Strahlenkranz der New Yorker Freiheitsstatue angelehnten Krone oder der Commerzbank Tower mit seinen 259 Metern.

Diese Höhe durfte übrigens nur gebaut werden, weil die Commerzbank die Stadt bei ihrer Bewerbung um den Sitz der EZB erheblich unterstützt hat. So gesehen werden die hohen Häuser nicht gebaut, sie bauen sich selbst.

Sehenswert auch, was in Frankfurt ungebaut geblieben ist oder derzeit prospektiert wird. Ein gewisser Grusel geht von den verworfenen Plänen für "Frankfurt 21" aus, nach denen nur die Fassade des Bahnhofs stehen geblieben und mit kubistischen Klötzen überbaut worden wäre. Wo wirklich ungenutztes Gleisgelände frei geworden ist, entsteht derzeit entlang der Europa-Allee ein neues Quartier südlich des Messegeländes, vor allem für solvente Mieter. Deutlich wird der Trend weg vom Verwaltungs- und hin zum Wohnungsbau der gehobenen Preisklasse auch in "Gateway Gardens", wo in den nächsten Jahren auf 35 Hektar ein neues Stadtviertel für globalisierungsfreudige Menschen entstehen wird - weitab von der Stadt, dafür mit direktem Anschluss an den Flughafen. Die Niederungen des sozialen und damit erschwinglichen Wohnungsbaus geraten da schnell aus dem Blick.

Weil die Bauherrn nach der jüngsten Finanzkrise nur selten auch die Hausherrn sind, scheint die Zeit der pharaonischen Zeichensetzungen vorbei zu sein. Trotzdem wird in Deutschland nirgendwo so deutlich wie in Frankfurt schon von Weitem, dass eine Stadt in ihren Vertikalen zum Ausdruck bringt, was sie in der Horizontalen an Macht auszuüben beabsichtigt.


"Himmelstürmend", Deutsches Architekturmuseum (DAM), 8. November 2014 bis 19. April 2015. Katalog: "Hochhausstadt Frankfurt. Bauten und Visionen seit 1945" von Philipp Sturm und Peter Cachola Schmal (Hrsg.), Prestel Verlag, 320 Seiten, 49,95 Euro

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insgesamt 46 Beiträge
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1. Grundstückspreise führen zu Vertikalbauten
raber 08.11.2014
Nicht nur "dass Banken und Versicherungen der Stadt ihre Entwicklung diktieren konnten" sondern auch immer noch den Gesetzesgebern mitsamt Bundestagsabgeordenten und deshalb auch nie Banker für ihre Betrügereien ins Gefängnis kommen. Die Banken als Firmen müssen dann ein wenig zahlen und schon ist alles wieder sonnenklar für die Banken. Ein Babylon ist Frankfurt wohl nur aus deutscher Sicht. Wie würde der Autor sonst die Finanzmetropole New York nennen? Post-Babylon? Vertikale Bauten sind nun mal bei hohen Grundstückspreisen die logische Folge.
2. Eiskalte und seelenlose Stadt...nichts wie weg...
der_franzose 08.11.2014
Die Skyline ist zwar beeindruckend, aber Frankfurt ist so kalt und seelenlos. Sex, Power and Money, grosse Autos, Showtime. Ich lebe lieber für 10 mal weniger Geld und Gehalt anderswo. Es ist die beste Kopie seelenloser amerikanischer Grosstädte. Echte eingesessene Frankfurter will ich von dieser Kritik ausnehmen.
3.
schnitteuk 08.11.2014
Zitat von raberNicht nur "dass Banken und Versicherungen der Stadt ihre Entwicklung diktieren konnten" sondern auch immer noch den Gesetzesgebern mitsamt Bundestagsabgeordenten und deshalb auch nie Banker für ihre Betrügereien ins Gefängnis kommen. Die Banken als Firmen müssen dann ein wenig zahlen und schon ist alles wieder sonnenklar für die Banken. Ein Babylon ist Frankfurt wohl nur aus deutscher Sicht. Wie würde der Autor sonst die Finanzmetropole New York nennen? Post-Babylon? Vertikale Bauten sind nun mal bei hohen Grundstückspreisen die logische Folge.
Dieser Beitrag ist ein schönes Beispiel für die auf SPON verbreitete Sitte, die eigenen Vorurteile kämpferisch in Kommentaren hinauszuposaunen, die mit dem Artikel, den sie kommentieren, nun wirklich nichts zu tun haben.
4.
schnitteuk 08.11.2014
Zitat von der_franzoseDie Skyline ist zwar beeindruckend, aber Frankfurt ist so kalt und seelenlos. Sex, Power and Money, grosse Autos, Showtime. Ich lebe lieber für 10 mal weniger Geld und Gehalt anderswo. Es ist die beste Kopie seelenloser amerikanischer Grosstädte. Echte eingesessene Frankfurter will ich von dieser Kritik ausnehmen.
Wir gut kennen Sie Frankfurt denn? Schweizer Straße, Berger Straße, Zeil, Alt-Sachsenhausen, Museumsufer....alles kein Begriff?
5. Erinnerung
UluKay 08.11.2014
Was haben wir uns damals die Köppe einschlagen lassen. Aber leider hat es nichts genutzt. Wieviel schöne Gründerzeithäuser wurde damals geräumt, dann hat man sie verfallen lasen und abgerissen. Heute kann sich keiner mehr vorstellen wie schön das Westend war.
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