Frauen-Heft "Missy Magazine": Kopfüber in die Feuchtgebiete

Von Peter Luley

Das Kamasutra kommt auf den Prüfstand, und harte Gitarren sind wichtiger als straffe Popos: Das neue "Missy Magazine" will popkulturell interessierte Feministinnen gewinnen. Der Anspruch ist sympathisch selbstbewusst, die Umsetzung gefällig – und sogar für Männer unterhaltsam.

Cellulite-Berichterstattung, Diättipps und Ratgeber zum Traummann-Finden – das ist so ziemlich das Letzte, was Chris Köver, 29, und Stefanie Lohaus, 30, lesen wollen. Genau diese Themen aber dominieren die etablierten Frauenmagazine, "die ihre Leserinnen als Summe ihrer Problemzonen behandeln", wie die beiden Kulturwissenschaftlerinnen aus Hamburg finden.

Weil außerdem "die interessanten Spielplätze des Popjournalismus wie 'Spex' und 'de:Bug' zu 80 Prozent von Männern besetzt sind", beschlossen die freie Journalistin Köver und die bei einer Firma für Veranstaltungstechnik arbeitende Lohaus Anfang des Jahres, selbst die Initiative zu ergreifen - als Gründerinnen eines eigenen Zeitschriftentitels, der "Popkultur für Frauen" im Stil des US-Magazins "Bust" bieten will.

Gemeinsam mit ihrer Herausgeberkollegin Sonja Eismann, 35, die als Journalistin in Wien und Berlin lebt, formulierten sie ein Konzept; ein Förderpreis von 25.000 Euro half bei der Umsetzung. Jetzt ist das Resultat der zehnmonatigen Vorbereitungszeit für 3,80 Euro an gut sortierten (Bahnhofs-)Kiosken zu erwerben: das "Missy Magazine", im Eigenverlag publiziert, hundert Seiten stark und unterteilt in die Kapitel "Am Start", "Mach es selbst", "Sex", "Style", "Politik" und "Edutainment".

Feminismus für den Coffee-Table

"'Missy' gefiel uns, weil es verschiedene Assoziationen erlaubt", erklärt Köver den Titel: "Einerseits kann man an Missy Elliott denken, die es als Künstlerin geschafft hat, obwohl sie nicht gängigen Schönheitsidealen entspricht. Andererseits kann man es als augenzwinkernde Anspielung auf diese ganzen 'Young Miss'-Frauenmagazine sehen. Und drittens ist 'Missy' im englischsprachigen Raum ja auch eine Bezeichnung für junge Frauen, die sich danebenbenommen haben. Etwa so: 'Don’t do that, Missy!'" Lohaus ergänzt: "Wir dachten, vielleicht kann man das auch als Selbstbezeichnung einführen, so wie sich im HipHop die Mädels gegenseitig Bitch nennen. Es gibt ja auch das 'Bitch Magazine'."

Wenn man das Blatt mit dem sympathisch frechen Anspruch in den Händen hält, stellt man allerdings fest, dass die Abgrenzung zum Bestehenden so radikal gar nicht ist: Das Cover zeigt die 18-jährige österreichische Musik-Newcomerin Anja Plaschg alias Soap&Skin, und das Foto ist absolut Coffee-Table-tauglich.

Wer als Mann den Hefteinstieg durchblättert, gehört zwar explizit nicht zur Zielgruppe ("Liebe Leserin" prangt über dem Editorial), wird aber auch nicht abgestoßen: Da trifft man zum Beispiel auf die Schauspielerin Caroline Peters, den Journalisten und Buchautor Dietmar Dath, die Musikerin Bernadette La Hengst – eine eher gefällige denn revolutionäre Mischung.

Amüsante Einfälle sind eine "Sammelkarte" über die Performancekünstlerin Valie Export "zum Ausschneiden" und die etwas andere Ratgeberrubrik "Eins, zwei, drei", in der DJ Vera erklärt, wie man zwei Platten ineinander mischt, sowie das "kleine ABC der Fortpflanzung und Elternschaft", das unter dem Titel "Bettina, pack die Brüste ein!" gegen das Stillen polemisiert. Ebenfalls eine hübsche Idee, die gängige Muster konterkariert: die Anleitung zum Stricken eines Ameisenbärs ("How to knit your own Tierchen"), kombiniert mit einem Interview der Textilkünstlerin Nina Braun.

Praxistest verschiedener Kamasutra-Stellungen

Zu den Hinguckern gehört zweifellos auch der Praxistest verschiedener Kamasutra-Stellungen. Wie "Sexredakteurin" Ute Stengel da im Dienst der Leserinnen Positionen wie "Bambusspalte" und "Lotos-Stellung" erforscht und dabei zwischen Ernüchterung ("Verstehe nicht ganz den Sinn des Beinwechsels. Das soll wohl stimulierend wirken, bewirkt bei mir aber nichts") und Ekstase schwankt ("Er hat beste Sicht und die Hände frei für meine Klit. Mjam."), hat Unterhaltungswert.

Solche Storys weisen in ihrer unverkrampften Sexualität das "Missy Magazine" als Schwester ähnlich gelagerter Independent-Objekte aus: des Kölner "Jungshefts" etwa, das sich für eine wachsende Fangemeinde an "Porno für Mädchen" versucht, des Gender-Fanzines "Hugs and Kisses" oder der Online-Plattform "Mädchenmannschaft".

Auch wenn Charlotte Roche und ihre "Feuchtgebiete" im Heft mit keinem Wort erwähnt werden, ist schon klar: Hier sind die vielbeschworenen neuen deutschen Alphamädchen am Werk, die Feminismus nicht prüde und streng verstanden wissen wollen. Siehe auch: der wohl unvermeidliche Vibrator-Test und die Rubrik "Untenrum. Neues aus der Intimzone".

Auch eine Fotostrecke über "Nerdinnen" beziehungsweise "glamouröse Streberinnen", und der Beauty-Tipp "Wie klebe ich mir einen Bart" machen Spaß. Eher bescheiden kommt allerdings noch der politische Teil daher. Er besteht – neben dem Porträt einer libanesischen Verlagserbin – vor allem aus einer Geschichte über Genitalverstümmelung in Afrika, die zwischen all dem lustigen Lifestyle wie ein Fremdkörper wirkt, ein bisschen alibihaft engagiert.

"Es kann ja nicht sein, dass die Mädels wieder alles umsonst machen"

Den Heftmacherinnen ist der Spagat bewusst. "Klar, man kann natürlich sagen, ist nur Alibi", entgegnet Chris Köver, "aber wenn wir's nicht dringehabt hätten, wären wieder andere gekommen und hätten gesagt, ihr seid ja nur Wellness-Feministinnen und betreibt Nabelschau." Und Stefanie Lohaus relativiert: "Das ist ja nun auch das erste Heft, kann gut sein, dass beim nächsten Mal mehr solche Themen drin sind." Fürs Erste überwiegt verständlicherweise der Gründerstolz.

Vierteljährliches Erscheinen haben sich die "Missys" vorerst vorgenommen; mittelfristig streben sie eine zweimonatliche Frequenz an – und natürlich soll die geplante Mischfinanzierung aus Verkauf und Anzeigen eines Tages dazu führen, dass die Herausgeberinnen davon leben und die Autorinnen bezahlt werden können.

Für die Debütausgabe, von der 15.000 Exemplare gedruckt worden sind und die überwiegend von weiblichen Mitarbeitern realisiert wurde, hat nämlich niemand Honorar bekommen. "Gerade in diesem feministischen Kontext finde ich es aber extrem wichtig, die Leute zu bezahlen", sagt Lohaus. "Es kann ja nicht sein, dass die Mädels wieder alles umsonst machen."

Womöglich stehen die Chancen für eine erfolgreiche Markteinführung gar nicht so schlecht. Das Bedürfnis nach einem Frauentitel, der seinen Leserinnen mehr bietet als biedere Partnerschaftsberatung und Abspeckhilfe, dürften die drei Herausgeberinnen nicht allein verspüren. Eine authentische Verbindung von Ethik und Ästhetik wirkt zudem allemal überzeugender als die per Marktforschung ermittelten Titelgründungen manch etablierter Verlage.

Die 15 Anzeigenseiten der "Missy"-Erstausgabe wirken jedenfalls schon ganz stimmig integriert und ausbaufähig. "Im Übrigen", sagt Köver, "schaffen wir ja auch Bedürfnisse, die für die Werbung interessant sind: Frauen, die uns lesen, wollen ja sofort losgehen und sich 'ne Gitarre kaufen, um eine Rock-Band zu gründen. Wir tragen eben nicht dazu bei, die Creme für das straffe Popöchen zu verkaufen, sondern eher die Gitarre."

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