Frauen in Parteien Die gehen nicht so leicht weg

Selbst für Angela Merkel ist der Frauenanteil in der CDU eine "Existenzfrage" - langsam merken auch die vertrocknetsten Vereine, dass sie an mehr Frauenrechten nicht vorbeikommen, wenn sie bestehen wollen. Oder?

Wahlplakat der Jungen Union aus dem Jahr 1976
imago

Wahlplakat der Jungen Union aus dem Jahr 1976

Eine Kolumne von


Es wird immer interessant, wenn in Institutionen, die nicht gerade als feministisch bekannt sind, gesagt wird, dass man nun endlich mehr Frauen brauche. Wenn man Pech hat, geht es einfach ums Aufräumen. Oder dass Frauen einem eigentlich kaputten System ein paar sanftere Nuancen verleihen sollen, wenn sie schon nicht ganz schaffen, den Karren aus dem Dreck zu ziehen. Wenn es dagegen gut läuft, geht es tatsächlich um die Idee, Frauen mehr Freiheiten zu verschaffen.

Der Regisseur Oskar Roehler hat im "Zeit Magazin" in der Serie "Ich habe einen Traum" davon gesprochen, wie Frauen die Welt retten könnten. Ich schwanke in meiner Beurteilung seines Statements zwischen "gute Idee", "süß" und "schlimm". Letzteres vor allem wegen der sehr konkreten Vorstellungen Roehlers, wie Frauen generell so sind und sein sollten, wenn sie mehr Macht haben. "Ich träume von einer Revolution; von einer behutsamen Übernahme durch einen sanften Feminismus", sagt Roehler. "Die Welt muss weiblich werden - mir fällt nichts anderes ein, was die Welt zum Positiven verändern könnte." Männer hätten es lang genug versucht und "genug verbockt". Jetzt müssten die Frauen ran, weil sie so anders seien als Männer. Sie würden Umwelt- und Tierschutz ernstnehmen und den Kapitalismus auflösen. Wow. Darauf einen Heidi-Klum-Joghurt, auf ex ausm Plastikbecher!

Mein Lieblingszitat: "Meine Frau weint nicht nur jedes Mal, wenn ein verhungernder Eisbär gezeigt wird, der Anblick prägt ihr Weltbild und ihr Verhalten so stark, dass sie, anders als ich, bereit ist, sich von bequemen Gewohnheiten zu verabschieden und zum Beispiel keine Plastiktüten mehr zu benutzen. Frauen können viel asketischer und disziplinierter sein, wenn es darauf ankommt."

Drauf ankommen tut es zurzeit jedenfalls bei so einigen. Beim 70-jährigen Jubiläumstreffen der Frauen-Union hat Angela Merkel neulich gesagt, der Frauenanteil von 25 Prozent in der CDU genüge "nicht den Ansprüchen einer Volkspartei" und sei sogar eine "Existenzfrage" für sie. Stimmt natürlich. Auch Annegret Kramp-Karrenbauer sprach sich für eine stärkere Berücksichtigung von Frauen aus, twitterte dann aber kurz darauf zum Abtreibungsrecht: "Man muss nicht jede 'Mode' mitmachen." Die Regelung zum Verbot für "Werbung" über Abtreibung solle daher beibehalten werden. Was allerdings heißt, Frauen sowie Frauenärztinnen und -ärzten weiterhin das Leben unnötig schwer zu machen.

Mehr Freiheiten für Frauen als "Mode" zu bezeichnen, ist ziemlich frech, denn Frauen gehen nicht so leicht weg. Das merken sogar die Leute in der katholischen Kirche: "Frauen sind keine Erscheinung des Zeitgeistes", sagte die Autorin Christiane Florin auf dem Katholikentag am Wochenende. "Frauen sind eine Spezies, der man mit äußerstem Misstrauen begegnen muss. Ihr Gefahrenpotenzial muss gründlich untersucht werden. In der katholischen Kirche dauert diese Untersuchung nun schon 2000 Jahre, und sie ist längst noch nicht abgeschlossen." Frauen würden in der katholischen Kirche, so Florin, "entweder auf- oder abgewertet", aber nicht gleichgestellt. Auch Annegret Kramp-Karrenbauer forderte mehr Macht für Frauen in der Kirche. Das sei zwar ein Traditionsbruch, "aber die katholische Kirche würde nicht daran zugrunde gehen."

Das ist natürlich immer so eine Frage, was Zugrundegehen heißt. Man kann berechtigterweise schon fragen, ob es sich überhaupt lohnt, konservative Institutionen wie die Kirchen oder die CDU überhaupt feministisch zu reformieren und wie viel dann, wenn man mal Ernst macht, überhaupt von ihnen übrigbleibt.

Auch die FDP hat ein Frauenproblem. Ihr Frauenanteil ist gesunken, er liegt sogar unter dem der CDU. Man hätte schon gerne mehr Frauen in der Partei, aber die Tür soll hart bleiben. Wie auf jeder Eliteparty. Aber eine Frauenquote einzuführen, so verrückt weit will man dann doch noch nicht gehen. "Frauen sind keine förderungswürdigen Opfer", sagt FDP-Vorstandsmitglied Linda Teuteberg. Sie ist von der Frauenquote nicht überzeugt, aber "offen" dafür. Ganz anders die JuLis. "Wir halten Frauenquoten für den falschen Weg", sagte JuLi-Vorsitzende Ria Schröder, "wir wollen nicht, dass Frauen auf ihr Geschlecht reduziert werden." Kaum jemand will das, nur leider werden ja auch Männer auf ihr Geschlecht reduziert, wenn man den Kumpeleien und alten Mechanismen, durch die Männer so häufig an wichtige Jobs gelangen, nichts Handfestes entgegensetzt. Von alleine geht es nicht unbedingt vorwärts, und eine Institution, die hauptsächlich auf sogenannte Leistung setzt, wird immer denjenigen einen Vorteil bieten, die schon oben sind.

Christian Lindner betonte beim Parteitag trotzdem, die FDP sei die "wirkliche Alternative für Frauen" - allerdings nur für solche, die "sich selbst von jeder Form der Genderideologie freimachen wollen." Kurze Hoffnung, ihm möge der rechte Kampfbegriff "Genderideologie" nur versehentlich in die Bäckertüte gerutscht sein, aber auch FDP-Generalsekretärin Nicola Beer erklärte: "Wir möchten Frauen, die nicht auf linke Staatswirtschaft und Genderideologie hereinfallen, aber auch die alten Rollenbilder, wie die der CSU, ablehnen." Da kann man schon mal fragen: Was hat man eigentlich für ein Frauenbild, wenn man meint, diejenigen, die eine andere Meinung in Genderfragen haben, seien auf eine "Genderideologie" "hereingefallen"?

Ärgerlich, wenn durchscheint, dass man womöglich nur mit Feminismus-Attrappen mehr Frauen anlocken will, um als Partei zu überleben. "Ein sinkender Frauenanteil ist für die Marke der neuen FDP nicht förderlich", das weiß die FDP selbst. Die Frage ist, ob es die Marke FDP auf die Dauer braucht.

Wie gut, dass Frauen allerdings auch ohne Mitarbeit in von Männern geprägten Vereinen vorankommen. Im Jahr 1911, lange bevor es die FDP gab, schrieb die Frauenrechtlerin Lida Gustava Heymann einen Aufsatz zur Frage "Wird die Mitarbeit der Frauen in den politischen Männerparteien das Frauenstimmrecht fördern?" (Die Liberalen kamen bei ihr auch schon nicht gut weg.) Frauen durften damals noch nicht wählen, aber in Parteien eintreten und mitarbeiten. Heymann kam zu dem Schluss: "In keinem Lande, wo Frauen heute das Stimmrecht haben, haben sie sich dasselbe auf Grund der in Parteien geleisteten Mitarbeit erobert." Anständige Frauen hätten bisweilen "einen unüberwindlichen Ekel gegen die Parteiarbeit der Männer".

Die Frauenbewegung müsse sich am politischen Leben beteiligen, dürfe sich aber durch Parteiarbeit nicht ermüden und auslaugen lassen. 107 Jahre später ist die Frauenbewegung so weit, dass selbst die ältesten und vertrocknetsten Vereine langsam merken, dass sie an der Frage nach mehr Frauenrechten nicht vorbeikommen werden, wenn sie bestehen bleiben wollen.

Mehr zum Thema
Newsletter
Kolumne - Oben und unten


insgesamt 95 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
pizzerino 15.05.2018
1. "unüberwindlichen Ekel"...
hier muss man aber doch auf etwas andere Zeiten verweisen. Ob ein Beispiel von 1911 taugt? Im Gegenzug frage ich mich ob Aufnahmeanträge von Frauen in der CDU vermehrt abgelehnt werden, oder ob sich einfach zu wenige melden?
az26 15.05.2018
2. Genderideologen meinen
wenn in einer Firma nur 10% Frauen beschäftigt sind, dann müssen Vorstand und Betriebsrat zu 50% gleich besetzt sein. Muss dann in einer Firma, in der 90% Frauen beschäftigt sind, auch 50% gleich besetzt sein? Genderideologen meinen, Gleichstellungsbeauftragte dürften nur von Frauen besetzt werden. Genderideologen meinen, es müssten nur genügend Frauen regieren, dann wäre die Welt ein besserer Ort - und vergessen dabei all die zuvor kritisierten Frauen (Merkel, Clinton, Bhutto, etc.). Genderideologen sprechen den Frauen grundsätzlich nur positive Eigenschaften zu und schlagen rechtsstaatliche Grundsätze in den Wind, nämlich "Im Zweifel für den Angeklagten" und "Kein Urteil ohne Beweis oder belastbare Indizien" und "Vor dem Gesetzt sind alle gleich". Wer als Mann aktuelle Gerichtsverfahren hinterfragt, wo sich hinterher die Beschuldigung als Falschbeschuldigung und Falschaussage herausstellte, wird man umgehend als Feministenfresser, Angry White Man und Patriarch verunglimpft. Ja Frau Stokowski, so ist das mit den Genderideologen und deren Kritikern.
roenga 15.05.2018
3. Selbstverständlichkeiten
1. Institutionen wie politische Parteien verändert man am besten von innen. 2. Es gibt in diesem Land keinerlei Beschränkungen für Frauen beim Eintritt in eine Partei. 3. Mehrheiten bestimmen innerhalb einer Partei. In einer Partei mit einem Frauenanteil von mehr als 50% würden auf Dauer sämtliche Gremien au allen Ebenen mehrheitlich von Frauen besetzt werden, das würde auch auf die FDP zutreffen, denn die Mehrheit wählt Ihre Repräsentanten bzw Repräsentantinnen. 4. Der Geschlechteranteil in einer Partei sollte sich demzufolge auch im Geschlechteranteil dieser Partei in den Parlamenten widerspiegeln. Das ist in allen Parteien aktuell mehr oder weniger der Fall. kein Grund zur Empörung von den üblichen Verdächtigen also! 5. Wer das ändern will, hat dazu die Möglichkeit - siehe 1. und 2.
allufewi 15.05.2018
4. Parteiarbeit
ist staubig, uninspirierend und voller Rückschläge. Vor allem ist sie auch kompetitiv und zeitintensiv. Das ist wie in den meisten Firmen und liegt in der Natur der Sache: Es können halt nur ein paar wenige ganz nach oben. Das scheinen die meisten Frauen überhaupt nicht zu mögen. Selbst in so progressiven Parteien wie den Grünen sind knapp 2/3 der Mitglieder männlich. Immerhin, in der wesentlich bequemeren #Hashtagpolitik haben die Frauen erfolgreich Boden gewonnen.
hrimfaxi 15.05.2018
5.
Zitat von allufewiist staubig, uninspirierend und voller Rückschläge. Vor allem ist sie auch kompetitiv und zeitintensiv. Das ist wie in den meisten Firmen und liegt in der Natur der Sache: Es können halt nur ein paar wenige ganz nach oben. Das scheinen die meisten Frauen überhaupt nicht zu mögen. Selbst in so progressiven Parteien wie den Grünen sind knapp 2/3 der Mitglieder männlich. Immerhin, in der wesentlich bequemeren #Hashtagpolitik haben die Frauen erfolgreich Boden gewonnen.
Das ist wohl weniger Natur, als gemachte Strukturen. Und ja: die Strukturen müssen sich ändern. Es reicht nicht, kompetitive Männer durch Frauen zu ersetzen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.