Frauen-Karrieren im Theater "Wenn das Schwein toll inszenieren kann"

Regie führen galt lange als Männersache. Aber auch hier setzen sich immer mehr Frauen durch - mit ganz unterschiedlichen Ansichten und Methoden. Eine Ausstellung im Münchner Theatermuseum porträtiert die interessantesten - und entlockt einigen überraschende Einsichten.

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"Als ich angefangen habe, war es sicher so, dass man als Frau mehr wissen musste, und man benötigte unendlich viel mehr Durchsetzungskraft", sagt die große Regisseurin Andrea Breth, 57, die Mitte der siebziger Jahre zum ersten Mal die Chance bekam, ein Stück auf die Bühne zu bringen. Vor allem von Bühnentechnik habe man mehr Ahnung haben müssen als jeder Mann, weil einem sonst die Bühnenarbeiter frech ins Gesicht gesagt hätten: "Das geht nicht."

Durchsetzungskraft, Furor, Krachfähigkeit - mit solchen Attributen werden die Frauen beschrieben, die das Deutsche Theatermuseum in München ab kommendem Samstag in der Ausstellung "Regie-Frauen. Ein 'Männerberuf' in Frauenhand" präsentiert. Rund 40 Regisseurinnen hat die Theaterwissenschaftlerin Christina Haberlik für dieses Projekt interviewt. Die Gespräche werden in den Museumsräumen auf Monitoren zu sehen und zu hören sein, dazu gibt es Fotos wichtiger Inszenierungen der Regisseurinnen.

Regisseurinnen sind Einzelkämpferinnen

Begleitend erscheint im Henschel Verlag ein Katalog, in dem 55 Frauen porträtiert werden, von Ida Ehre bis zur Wagner-Urenkelin Katharina. Beim ersten Lesen fällt vor allem eines auf: Die Frauen sind sehr verschieden, und die allermeisten bestehen auch darauf. Sie sehen sich als Einzelkämpferinnen.

Andrea Breth fasst es so zusammen: "Es gibt ja derzeit sehr viele unterschiedliche Ergebnisse von Frauen, und die unterscheiden sich in Sachen Modetrends auch nicht von dem, was die Männer machen." Es gehe allein um Qualität, sagt Breth radikal, deshalb spiele es überhaupt keine Rolle, ob das hinter dem Regiepult "nun eine Frau ist oder ein Hund oder ein Mann oder ein Schwein - wenn das Schwein toll inszenieren kann".

Die Autorin Haberlik zählt Breth zur zweiten Regisseurinnen-Generation nach dem Krieg, den "Durchsetzerinnen", die den "Pionierinnen" wie Ida Ehre, Ruth Berghaus und Annegret Ritzel folgten, der ehemaligen Intendantin des Theaters Koblenz.

Ritzel, 65, klingt resigniert, wenn sie zu Protokoll gibt: "Je weniger wichtig Kultur wird, umso mehr Frauen dürfen sie machen." Andererseits spricht sie sehr selbstbewusst von eigenen Inszenierungen und nennt zum Beispiel ihren Hamlet eine "Großtat".

Inzwischen gibt es sogar einige Intendantinnen

In solchen Details liegt die Stärke dieser Porträts; der fast unmögliche Versuch, die Frauen auf einen Nenner zu bringen, tritt in den Hintergrund. Aber natürlich hat die Autorin Haberlik Recht, wenn sie sagt, es habe sich viel verändert für Frauen seit 1945, nicht nur im Theater. Wegbereiterinnen für die vierte Generation, die "Regisseurinnen von (heute und) morgen", waren die Frauen der dritten Generation, unter denen sich erstmals auch einige als Intendantinnen durchgesetzt haben: von Barbara Frey (Schauspielhaus Zürich) über Karin Beier (Schauspiel Köln) bis zu Amélie Niermeyer (Schauspielhaus Düsseldorf).

Bleibt die Frage, "inwieweit sich Aspekte wie Karrieredenken, Führungsstil, Sozialverhalten, kreative Vorgehensweise, Auswahl der Themen und Stücke und letztlich auch das künstlerische Ergebnis 'feminisiert' haben". Die Autorin stellt diese Frage, beantwortet sie aber leider nicht. Einzelne, individuelle Überlegungen dazu finden sich aber in den Porträts. Ruth Berghaus etwa soll gesagt haben, "die Selbstzensur der Frau verhindere die Auflehnung, sie dränge das Aufbegehren in die Träume zurück". Und aus den Träumen drängt es dann auf die Bühne?

Jette Steckel, die jüngste der erfolgreichen Regie-Frauen, sagt, sie liebe das Theater auch dafür, dass es ein Raum sei, "in dem man Fragen stellen darf, auf die es keine Antworten gibt".


Ausstellung Regie-Frauen. Theatermuseum München, 15.4. bis 29.8., Tel. 089/210 69 10.



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