"Frauen"-Ausstellung in München: Schwüle Männerträume

Von Karin Schulze

Waren sie fiese Machos? Oder genau das Gegenteil, nämlich Vorreiter der Emanzipation? Eine Münchner Schau will die Kunstgrößen Picasso, Beckmann und de Kooning von ihrem Macker-Image befreien. Das dürfte aber nur gelingen, wenn man an ihren übersexualisierten Bildern vorbeiguckt.

Die Frauen kommen! Und zwar nur aus den allerbesten Häusern. Aus St. Petersburg, aus New York oder aus der Schweiz. Sie reisen an aus der Eremitage, dem Museum of Modern Art, der Fondation Beyeler und vielen anderen Sammlungen. Diese Frauen, gemalt von Pablo Picasso, Max Beckmann und Willem de Kooning, stellen sich ab Freitag in der Münchner Pinakothek der Moderne den Blicken der Besucher. Und es werden sehr prüfende Blicke sein.

Denn die Ausstellung will belegen: Anders als Biografen oder Kunstexperten häufig bemängelten, haben in diesen Frauenbildnissen nicht malende Machos ihre Sehnsüchte und Aggressionen auf willfährige Leiber projiziert. Vielmehr haben die Herren vor allem freie und emanzipierte Frauen auf die Leinwand gebracht.

Und darüber hinaus sei den drei Meistermalern das Motiv "Frau" Katalysator für tiefergehende Gehalte gewesen: Picasso habe sich mittels der Damen mit der Zeitgeschichte auseinandergesetzt. Beckmann generiere mit ihnen ein positives Gegenbild zu quälenden Gedanken. Und bei de Kooning stünden sie für die Freiheit künstlerischer Möglichkeiten.

Aber untermauern die Münchner Exponate wirklich diese Sicht? Sicher: Es ist interessant zu sehen, in welchem Maße bei Picasso die Frauen das Entsetzen über Gewalt, Grausamkeit und den Schrecken der Geschichte zum Ausdruck bringen. Aber Bilder wie "Weinende Frau" von 1937 machen sie zu tränenüberströmten Klageweiber. Und viele andere Gemälde zeigen sie dann doch lächelnd, schlafend oder selbstversunken. Erst ab Mitte der sechziger Jahre, als alter, schwächer werdender Mann, als er mit der 46 Jahre jüngeren Jacqueline Roque verheiratet ist, malt Picasso Paare, bei denen Mann und Frau, versunken in Küsse oder Umarmungen, gleich stark scheinen.

Dämonisch grimassierende Weiber

Die Frauen de Koonings, der dem Abstrakten Expressionismus zugerechnet wird, sind oft nur mühsam inmitten verwirbelter Farbflecken und Pinselstrichballungen zu erkennen. Doch malt er sie damit als wilde, jedem Klischee widersprechende Überfrauen, wie es die Ausstellung sehen will? Oder zermalt er sie nicht nur? Weidet sie malerisch aus und versagt er ihnen, indem er sie in Landschaften auflöst, die Existenz als mit Eigensinn begabte Subjekte? Seine Bilder dämonisch grimassierender Weiber sind schon zu ihrer Entstehungszeit nicht zu Unrecht als aggressiv, als frauenfeindlich begriffen worden.

Max Beckmann stellt als Gegenbild seiner eigenen selbstquälerischen Natur, die viele seiner Selbstporträts bezeugen, häufig gelöste, in sich ruhende Frauen dar. Gleichzeitig aber überzeichnet er bei vielen seiner Weiblichkeitsvisionen: pralle Bäuche, breite Schenkel, große Brüste - und vor allem im Verhältnis dazu ziemlich klein geratene Köpfe.

Seine "Kriechende" von 1929/30 zeigt sich mit gerecktem Hinterteil und demütig gesenktem Kopf in einer Pose, die sadistisch-voyeuristische Blicke auf sich zieht. Auch die "Frau mit Mandoline" wirkt wie ein schwüler Männertraum: Verführerisch räkelt sie sich im Hemdchen, das die kugelrunden Brüste nicht nur durchscheinen lässt, sondern freilegt. Röntgenuntersuchungen haben gezeigt, dass Beckmann das Bild noch "unzüchtiger" angelegt hat: Anstelle des Instruments war ihr als "Leda" aus der griechischen Mythologie ein Schwan in den Schoß gelegt.

Irgendwie fällt es also doch schwer, diese Malerheroen, die ja noch vor 1900 (Picasso, Beckmann) oder kurz danach (de Kooning) geboren wurden, als Vorreiter emanzipierter Frauendarstellungen zu sehen. Spannend ist die Münchner Schau aber auch, wenn man ihre These nicht teilt - denn es wird sich prima streiten lassen. Beispielsweise vor Picassos frisch-frechem "La Pisseuse" von 1965: Eine Sommerfrischlerin hockt mit gerafftem Hemd in den auslaufenden Wellen, wo sie deutlich sichtbar unter sich lässt, was ihre Blase nicht mehr halten mag.

Werden hier die Freuden des Strandlebens einmal jenseits aller Klischees von Sexiness gezeigt? Oder wird auf den Blick zwischen die Schenkel der "Pisseuse" spekuliert? Bilder wie dieses verdeutlichen, wie schwer zu entscheiden ist, ob Frauen vitaler, unkonventioneller Eigensinn zugestanden wird - oder ob sie als Ornament männlicher Lust herhalten.

Wo sich so leicht ein Geschmäckle einstellt, ist es kein Zufall, dass sich spätere Künstlergenerationen nicht mehr in dem Maße an Frauendarstellungen wagten. Und dass ab den Sechzigern und Siebzigern vor allem Künstlerinnen weibliche Identitäten und Widersprüche in den Mittelpunkt stellten. Das heutige Bild der Frau in der Kunst prägen die Frauen selbst: etwa die österreichische Malerin Maria Lassnig, die Medienkünstlerin Valie Export oder die gerade mit einer Retrospektive im New Yorker Museum of Modern Art gefeierte Fotokünstlerin Cindy Sherman.


Frauen. Pablo Picasso, Max Beckmann, Willem de Kooning. Pinakothek der Moderne, München, 30. März bis 15. Juli.

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1. Macker ?
albert schulz 28.03.2012
Die drei Maler sind an keiner Stelle vergleichbar. Picasso ist allerdings hochinteressant. In jungen Jahren malt er recht füllige Damen, und zwar richtig schön fett an Hintern und Bauch mit recht gewöhnlichen und auch hängenden Brüsten, mit kleinen Köpfen und ausgesprochen nichtssagenden fast häßlichen Gesichtern, während er alternd dem Körper wenig Bedeutung beimißt, er wird karg und hager, das Gesicht hingegen wird zum Mittelpunkt des Bildes, nicht zuletzt Augen und Nase. Und dies hat sehr viel mit den Frauen zu tun, die ihn mit ihrem Liebreiz verwöhnten, ganz sicher auch mit den männlichen Wertigkeiten in den Altersstufen. Aber mal nüchtern: gibt es irgendeinen Grund, auf Grund dieser Beschreibungen die Ausstellung zu besuchen ? Irgendwo müßten doch Kunstkenner aufzutreiben sein, die die Exponate halbwegs sachlich und erkenntnisleitend würdigen können.
2. Das Unittelbare der Schere des Kritikasters
twellb 29.03.2012
Zitat von albert schulzDie drei Maler sind an keiner Stelle vergleichbar. Picasso ist allerdings hochinteressant. In jungen Jahren malt er recht füllige Damen, und zwar richtig schön fett an Hintern und Bauch mit recht gewöhnlichen und auch hängenden Brüsten, mit kleinen Köpfen und ausgesprochen nichtssagenden fast häßlichen Gesichtern, während er alternd dem Körper wenig Bedeutung beimißt, er wird karg und hager, das Gesicht hingegen wird zum Mittelpunkt des Bildes, nicht zuletzt Augen und Nase. Und dies hat sehr viel mit den Frauen zu tun, die ihn mit ihrem Liebreiz verwöhnten, ganz sicher auch mit den männlichen Wertigkeiten in den Altersstufen. Aber mal nüchtern: gibt es irgendeinen Grund, auf Grund dieser Beschreibungen die Ausstellung zu besuchen ? Irgendwo müßten doch Kunstkenner aufzutreiben sein, die die Exponate halbwegs sachlich und erkenntnisleitend würdigen können.
Die Autorin geisselt da wohl Autentizität, die sich aus der Unmittelbarkeit der Maler nährt, nicht mehr. Sie unterwirft alles ihren Massstäben. Soll sie sich doch Klimsch's =Hockende= in ihr wohlgenormtes Boudoir stellen, da treffen sich dann zwei Unangreifbare. Picasso auf political correctness zu prüfen ist wie gegen den Wind furzen.
3. Das Weib, ein sphärisches Wesen
Ylex 29.03.2012
Zitat: „...Ornament männlicher Lust...“ Nicht nur Ornament, sondern Objekt – da ist sie wieder, steigt aus der Vergangenheit in die Gegenwart, die Frau als Lustobjekt, Subjektverlust, eigenhändig ausgesteller Ausweis der Reduzierung und Erniedrigung. Aber was hatte Frau Schulze denn von Picasso, Beckmann und de Kooning erwartet? – dass sie ihre Begierden an der Leinwand abstreifen würden und das Weib zu einem sphärischen Wesen verkünsteln würden? Nein, das sind zumeist sehr handfeste Gemälde, die in ihrer oft derben Opulenz fast wie Vorläufer der Nanas von Niki de Saint Phalle anmuten. Picassos Frauenbilder sind Ausdruck seiner künstlerischen Entwicklung und seines Lebens, das von der Erotik entscheidend mit bestimmt wurde, die Gemälde reichen von hoher Abstraktion bis zu realistischen Überzeichnungen – Picassos Frauenbild soll ziemlich rustikal gewesen sein, zwei seiner Ehefrauen endeten im Suizid, er galt in seiner Einstellung zu Frauen als autoritär und verlangend. Pinsel ist Pinsel, das galt auch für die größten Maler des vorigen Jahrhunderts, und es wirkt müßig, sie aus heutiger Sicht mit emanzipatorischen Standard-Etiketten wie Macho auszustatten.
4. Darf man sich als emanzipierte von einem Macho malen lassen?
atpsych 29.03.2012
Ich denke schon. Denn Emanzipation Anfang des 20.Jhdts war eben nur weiblich. Meine männlichen Geschlechtsgenossen waren , wie auch der Großteil Ihrer weiblichen Mitbürger, "Kinder ihrer Zeit". Einer patriarchischen und rassistischen Zeit. Das deren Frauenbild nicht mit dem eines gebildeten Menschen aus dem Anfang des 21.Jhdts gemein hat ist wohl eine sogenannte historisch-soziale Tatsache. Und Picasso hat das gewusst. Und seine Unfähigkeit zum Ablegen des konservativen, machistischen Sexualbilds seiner Selbst als Minothaurus ikonisiert. Denn wie sollen Männer und Frauen in puritanisch-preussischen Zeiten oder im Katholischen ein gesundes Geschlechter- und Sexualbild haben. Projektion des Eigenbildes ist wohl alles, was man der Kuratorin der Ausstellung und auch Ihnen attestieren kann. Das sieht man an Ihrer Betrachtungsweise der "pisseuse". Ihnen entgeht das Natürliche und vor allem von allen Konventionen Freie dieses Werkes. Das hätte schon im Geist des Symbolismus entstehen können.Sie betrachten alle diese Werke vor sich und unserer Zeit. Und Ihre persönliche Scham überträgt sich auf Ihre Urteilsfähigkeit. Das ist natürlich. Aber da Sie Journalistin sind erwarte ich da schon etwas mehr Differenziertheit und historisches Einfühlungsvermögen. Wie können Sie dann Picasso nicht verachten, der ja mit seiner "minothaur"-Serie in jedem Bild eine Vergewaltigung darstellt. Darf das Ihrer Meinung nach überhaupt ausgestellt werden?? Ich möchte Sie aber daran erinnern, das das Bilder sind. Und nicht so youPorn-Bilder voller "Sexiness". Sondern Bilder als Türen zu komplexen Sachverhalten. Die Darstellung von Erotischem in dieser Zeit ist doch revolutionär und feministisch. Gerade in seiner freien Darstellung. Ob im plakativen Bekenntnis Beckmanns zum offenen Voyeurismus und einer Erotik, jenseits des damals als Gut und Schön Geltenden. Oder in der die Gewaltätigkeit des männlichen Sexismus thematisierenden "minothaur", dem immer eine sanfte Nackte ausgeliefert wird, als Symbol der damals ja noch ausgelieferteren weiblichen Sexualität. Denn der Mensch kann nicht frei sein, wenn er sich verklemmt von den dunkleren Winkeln seiner Seele abwendet. Die emanzipierten Frauen dieser Zeit waren wahrscheinlich ziemlich kämpferisch. Und damit stark. Denen haben diese, ja sicherlich Machos, aber eben Visionäre, "Neues" Schaffende, die ja durch ihre Darstellung der Frau als sexuelles Wesen der Emanzipation in die Hand arbeitete, gut gefallen. Denn wir[emanzipierten(Mönnör)] wollen genausowenig, das jede intelligente Frau eine zugeknöpfte Dörrpflaume ist, wie Sie als hoffentlich gleichberichtigte Frau nicht wollen können, das alle Männer hühnerbrüstige Nickelbrillenträger sind, die "Ja, Schatz" sagen. Rollenverständnis sollte ja auch dynamisch sein und nicht dogmatisch. Denn man kann sich sich respektieren und auf "archaische" wie "chöngeistige" Art und Weise glücklich machen. Der Respekt liegt nämlich immer im Betrachter. Oder user. Einfach mal locker machen. Und den Pinselstrich geniessen. Ansonsten einfach mit einer Burka verhüllen das Ganze, auf das es und wir "geschützt" seien. Und die barbusigen BH-Verbrennerinnen der 60er als sexistische Reaktionäre anprangern. Der mal eben geschlagene Bogen zu den Künstlerinnen des späten 20. bzw frühen 21.Jhdts zeigt das Sie sich intensiver mit der ersten Form der Rhetorik auseiandersetzen sollten. Aber die ist ja heutzutage eh nicht mehr sexiesk, oder? Eher so blow-up ;)
5. Verklemmtheit nutzt Frauen
albert schulz 29.03.2012
Zitat von twellbDie Autorin geisselt da wohl Autentizität, die sich aus der Unmittelbarkeit der Maler nährt, nicht mehr. Sie unterwirft alles ihren Massstäben. Soll sie sich doch Klimsch's =Hockende= in ihr wohlgenormtes Boudoir stellen, da treffen sich dann zwei Unangreifbare. Picasso auf political correctness zu prüfen ist wie gegen den Wind furzen.
In jedem und allem einen tieferen Sinn zu erkennen oder notfalls hineinzuinterpretieren ist arg abendländisch gebildet und unsagbar weltfremd. Was die unweibliche Emanzenriege sich an Worten einfallen läßt, ist zwar hinreißend intellektuell, aber genauso außerirdisch. Die Frau macht den Macker, den Chauvi, den Macho, auch den Softi und den Schwulen. Die Frau sorgt dafür, daß der Mann über sie herfällt. Sie bekommt das hin. Sie toleriert es auch, wenn er lieber den Sklaven macht. Die Frau sortiert die Männer, sie wählt aus, und sie schafft damit die gesellschaftlichen Werte. Erstaunlich wie sie das immer hinbekommt. Bildende Künstler haben Augen im Kopf und die Verbindung zum Gehänge ist kurz und problemlos, vor allem frei von hinderlicher Prüderie. Es wird ohne irgendeine geistige Vernebelung das Paradies gesucht, und zwar auf dem kürzesten Wege. Die Frau ist phantastisch, für den Mann ist dieses höchst reale und realistische Wesen die reine Phantasie. Eigentlich geht es um die einzige wesentliche Fragestellung seit der Erfindung des homo sapiens: Wie geht der Mann mit dem Problem der frigiden Nymphomanin um ? Spielt die Frau immer nur eine Rolle ? Und wie bekommt man die Berge von Tabus aus dem Kopf, um zum Allerheiligsten vorzudringen ? Zwar nur ein Photo, aber von tiefem inneren Verständnis für die wesentlichen Triebfedern männlichen Seins zeugend: Man Ray: La Priére, 1930 La Priére (Prayer) (Getty Museum) (http://www.getty.edu/art/gettyguide/artObjectDetails?artobj=53241) Man könnte natürlich die banale Frage stellen, ob Frauen sich als Sexualobjekte schmücken oder ob Männer ihre Frauen verschönern. Nach meiner Kenntnis ist Letzteres höchst unbeliebt. Während sich rattengeile Schminkungen neuerdings großer Beliebtheit erfreuen. Die Mädels scheinen gemerkt zu haben, daß diese weit effektiver sind als Riesentitten. Hakennasen als Zeugnisse eines habhaften Charakters bekommt man noch nicht künstlich hin.
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