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Frauenfußball-WM: Wo Deutschlands Damen im Abseits stehen

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Es schwingt immer ein kleines "obwohl" oder "trotz" mit, auch wenn in wenigen Tagen die WM beginnt: Deutschlands Printmedien tun sich schwer mit der Berichterstattung über Frauenfußball. Nur wenige widmen sich ausschließlich den kickenden Damen. Wir stellen sie vor. Alle beide.

Printmedien: Frauenfußballmagazine in Deutschland Fotos
FF Magazin

Jeden Tag landen in den elektronischen Archiven des SPIEGEL die Inhalte zahlreicher deutscher und internationaler Zeitschriften und Zeitungen. Das liefert Antworten auf Fragen wie diese: Wie oft wurde Frauenfußball in den maßgeblichen Printmedien deutscher Sprache im April 2011 erwähnt? Die Antwort, so wie sie unser Archiv sieht: 252 mal.

Klingt viel, ist es aber nicht. Der Anfang April geschasste Bayern-Trainer Louis van Gaal brachte es im selben Zeitraum auf 332 Nennungen, die Frage, ob der Schalke-Torwart Manuel Neuer nun nach München ziehen würde oder nicht, wurde 529 mal gestellt.

Frauen-WM hin oder her: Man kann nicht sagen, dass Frauenfußball in deutschen Medien ein Top-Thema wäre. Gegenüber dem Vorjahr stieg die Zahl der Erwähnungen des Themas in der von uns erfassten Presse zwar um rund 72 Prozent - aber was ist das schon, wenn man bedenkt, dass demnächst eine Weltmeisterschaft im eigenen Lande stattfindet (vom 26. Juni bis 17. Juli)?

Deutschlands Medien fremdeln mit dem Thema, immer noch. Dabei gibt es keinen Sport, in dem eine deutsche Nationalmannschaft erfolgreicher wäre als im Frauenfußball. Seit 1989 wurde das deutsche Damen-Team siebenmal Europameister und zweimal Weltmeister. Wenn Medien darüber berichten, geschieht das trotzdem meist aus der "Ach, die können das ja auch!"-Perspektive.

Immer schwingt der Vergleich mit dem "richtigen" Fußball mit - als ob es um Golf gegen Minigolf gehe. Das ZDF kündigt seinen Thementag (29. Juni) zur Frauenfußball-WM wie folgt an: "Mannomann", so das Motto, "Frauen am Ball". Ist das noch zielgruppengerechte Ansprache des ZDF-typischen Seniorenpublikums oder doch schon Realsatire?

Andererseits steht der mangelnden Popularität des Frauenfußballs in den Medien ja auch das mangelnde Interesse des Publikums gegenüber - einschließlich des weiblichen. Doch Nachfrage kann man wecken, Interesse an Sportarten entdecken.

"Unfairer Vergleich"

Jens Kirschneck heißt nicht Jessica, und natürlich hat er die Frage erwartet, warum auf seinem Posten keine Frau sitzt: Kirschneck, Redakteur beim Fußball-Kulturmagazin "11Freunde", verantwortet im Nebenamt auch den Beileger "11Freundinnen". "Wenn es um Radiointerviews geht", sagt Kirschneck, "schicke ich am liebsten eine weibliche Mitarbeiterin, um diese Frage zu umgehen."

Er findet sie unfair. "Wenn Sie eine weibliche Redakteurin danach fragen, warum sie über Männerfußball schreibt, haben Sie direkt sämtliche Gleichstellungsbeauftragte der Republik im Nacken." Da hat er recht, und auch damit: In keiner Sportart müssen sich die Sportlerinnen so permanent und penetrant den unfairen Vergleich mit der Männerversion ihres Sports gefallen lassen.


"11Freundinen"
Auflage: 200.000
Verlag: 11FREUNDE Verlag GmbH & Co. KG
Verkaufspreis: kostenloser Beileger zu "11Freunde"
Projektleitung: Jens Kirschneck

"11Freundinnen" erscheint viermal im Jahr als kostenloser Beileger zum populären Magazin "11Freunde". Ob daraus einmal ein eigenes Objekt wird, das sich selbst am Kiosk behaupten muss, hängt vom Erfolg des Themas Frauenfußball ab: Redaktion und Verlag beobachten und begleiten die Entwicklung, bis auf weiteres aber bleibt es zunächst beim Supplement.


Handball, Leichtathletik, Boxen, Rudern: Wer käme auf die Idee, hier Männer gegen Frauen antreten zu lassen? Die Leistungen direkt zu vergleichen? Wer wirft Regina Halmich (Weltmeisterin von 1995 bis 2007, ungeschlagen in 46 Titelkämpfen) vor, dass sie ihren Gegnerinnen weniger kräftig auf die Nase schlug als Vitali Klitschko (Weltmeistertitel 1999, 2004 und seit 2008, ungeschlagen in bisher 12 Titelkämpfen)? Wer hätte je darüber gemäkelt, dass die zweifache Olympia-Goldgewinnerin Ulrike Meyfarth satte 33 Zentimeter weniger hoch sprang als ihre männliche Konkurrenz?

Stimmt, sagt Kirschneck, solche Vergleiche sind absurd.

Aber sie kommen, immer wieder. Im Sommer 2011 wird eine deutsche Frauenfußball-Nationalmannschaft wieder einmal versuchen, den Beweis anzutreten, dass Frauen doch Fußball spielen können. Zwar nicht so athletisch und schnell wie die Männer, aber doch interessant und packend.

"Ich kann es nicht mehr hören", meint dazu die ehemalige Nationalspielerin Martina Voss-Tecklenburg, "dass oft wohlwollend gesagt wird: Na ja, Frauen können eben nicht so schnell laufen und so hoch springen und so hart schießen. Das schränkt doch die objektive Bewertung der Leistungen der Frauen schon wieder ein."

"Der Vergleich", sekundiert Jens Kirschneck, "ist Blödsinn. Man muss das einfach als eigenständige Sportart sehen. Macht man in jeder anderen Sportart doch auch."

Und schreibt darüber. Über Frauenfußball wird eher selten und dann knapp berichtet. Gibt es da weniger Leserinteresse, weniger Leserinnen? Auf jeden Fall gibt es weniger Schreiberinnen als auf anderen sportlichen Feldern: "11Freundinnen" wird auch deshalb vornehmlich von Männern geschrieben, weil es bisher wenig Frauen gibt, die über Frauenfußball schreiben.

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1. Warum Frauenfußball wenig Resonanz genießt
Michael Giertz, 20.06.2011
Zitat von sysopEs schwingt immer ein kleines "obwohl" oder "trotz" mit, auch wenn in wenigen Tagen die WM beginnt: Deutschlands Printmedien tun sich schwer mit der Berichterstattung über Frauenfußball. Nur wenige widmen sich ausschließlich den kickenden Damen. Wir stellen sie vor. Alle beide. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,767165,00.html
Es gibt Sportarten, welche von Frauen ausgeführt werden und hinreichend in den Medien auftauchen, z.B. Tennis. Und dann gibt es Sportarten, die effektiv ignoriert werden. Ohne Regina Halmich würde wohl heute kaum jemand wissen, dass es auch professionelles Frauenboxen gibt - es ist auch recht ruhig um diesen Sport geworden, seit sie nicht mehr dabei ist. Und der Frauenfußball? Der wartet mit einer gänzlich anderen Qualität (Bewertung überlass ich dem Leser) auf, als Männerfußball. Die Ignoranz des Frauenfußballs ist auch kein deutsches Phänomen, sondern ziemlich global: so richtig ernstgenommen wird Frauenfußball nirgendwo. Ich weiß nichtmal - Bildungslücke - ob es ein Ligasystem für Frauenfußball in Deutschland gibt, es gibt jedenfalls keine Medienberichte über irgendeine Frauenfussballbundesliga. Wenn der Frauenfußball auch nur die Hälfte der Aufmerksamkeit der Medien wie der Männerfußball haben will, muss sich das Image gänzlich ändern und auch die deutschen Ligen vermehrt eine Rolle spielen. Und bis dahin ist es noch ein steiniger Weg - die Akzeptanz ist gering, die Attraktivität von Frauenfußball nicht groß genug.
2. ...
Derax 20.06.2011
Oh mein Gott, schaut euch bitte vorher Fußballvideos an: natürlich ist das ne zweitklassige Veranstaltung. Allerdings wird die definitiv medial gepusht. Bin zwar kein Frauen-WM-Fan, fieber natürlich trotzdem mit. Auch wenn mir die mediale Allgegenwertigkeit ziemlich aufn Sack geht. PS: Auch die Regionalliga generiert nicht so viel Fans wie die Bundesliga, zudem ist nun mal die Zeilgruppe (Frauen) nicht so stark an Fußball interessiert.
3. ...
Derax 20.06.2011
Man sollte sich natürlich auch fragen was es bringen soll eine Sportart künstlich aufzublasen. In den letzten Jahren ist er doch auch wichtiger geworden lasst es doch einfach natürlich geschehen....
4. Wie arrogant muss man eigentlich sein?
xoxox 20.06.2011
Mit welchem Recht(sverständniss) wird hier eigentlich gefordert, dass sich der Deutsche gefälligst für Frauenfussball zu interessieren _hat_? Mal daran gedacht, dass Frauenfussball ebend einer von tausenden Sportarten ist, für die sich in Deutschland einfach mal nur eine Minderheit interessiert? Aber nein, es sind ja wie üblich _immmer_ die _Anderen_ schuld. In diesem Fall die bösen Medien, die es auch noch wagen ihre Nachrichten nach Interesse der Leser auszuwählen. Wann kommt eigentlich endlich die gesetztliche Mindest-Bericht Erstattungsquote und selbstverfreilich der sonntägliche Pflichtbesuch eines Frauenfussballspiels? Mädels, hört die Signale: ES INTERESSIERT SICH FÜR EUREN SPORT NUN MAL KEINER! Akzeptiert einfach mal die Realität und hört auf nach Schuldigen zu suchen.
5. Sportliche Leistung
Michael Giertz, 20.06.2011
Zitat von DeraxOh mein Gott, schaut euch bitte vorher Fußballvideos an: natürlich ist das ne zweitklassige Veranstaltung. Allerdings wird die definitiv medial gepusht. Bin zwar kein Frauen-WM-Fan, fieber natürlich trotzdem mit. Auch wenn mir die mediale Allgegenwertigkeit ziemlich aufn Sack geht. PS: Auch die Regionalliga generiert nicht so viel Fans wie die Bundesliga, zudem ist nun mal die Zeilgruppe (Frauen) nicht so stark an Fußball interessiert.
Lustigerweise schauen sich die Frauen aber auch lieber Männerfußball an. Zwar nicht aus denselben Gründen wie Männer - welcher Mann schaut Fußball wegen der "attraktiven, gestählten Athletenkörper" an, die Technik und Taktik interessiert! Männer wiederum schauen keinen Frauenfußball, weil ... naja. Wegen der Frauenkörper schaut kein Mann Frauenfußball, die Technik und die Taktik sind auf gänzlich anderem Niveau als vom Männerfußball - kurzum: falls Männer Zielgruppe für Frauenfußball sein sollten, dann verfehlt man die Bedürfnisse der männlichen Zuschauer völlig. Und falls Frauen die Zielgruppe sind: welche Bedürfnisse der weiblichen Zuschauer sollen da erfüllt werden? Nur so zum Nachdenken. Sportlicher Wettbewerb ist natürlich beiden Geschlechts möglich, aber die Akzeptanz der Zuschauer sorgt letztendlich dafür, dass die sportlichen Leistungen mal mehr und mal weniger gewürdigt werden.
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