Frauenlose Kochshows Männer, gebt den Löffel ab!

In Deutschlands TV-Studios wird so eifrig gebrutzelt wie nie zuvor. Doch während der heimische Herd wie eh und je in Frauenhand ist, kochen im Fernsehen fast ausschließlich Männer. Die alte Rollenaufteilung ändert sich nur langsam.

Von Jan Freitag


Mario Kotaska, Ralf Zacherl und Martin Baudrexel sind wirklich coole Jungs. Als "Kochprofis" stürmen sie seit 2005 Deutschlands Herdplatten und bekämpfen für RTL II kulinarische Missstände von Mensafraß bis Kantinenspeisung. Eine Arbeit für echte Spitzenkochkerle – zumindest im Fernsehen. Denn Frauen herrschen zwar bei aller Emanzipation weiter am heimischen Topfset, die TV-Küchen aber bleiben fest in Männerhand. Gerade zur Primetime.

Dass mit Sarah Wiener nun erstmals eine Topköchin in diese Phalanx einbrach, ändert daran zunächst wenig. Die Österreicherin ist Dauergast bei Johannes B. Kerners Rezeptrunde und kocht auf ihrer "Kulinarischen Tour de France" seit Januar regionale Feinkost nach. Immerhin ein Anfang. Wenngleich vor kleinem Publikum: auf Arte.

Der NDR zementiert dagegen das alte Rollenbild. Da darf die erfahrene Moderatorin Sandra Becker für Steffen Henssler gerade mal Kräuter hacken und zwischendurch "mmmh" summen, wenn ihr der Chef de Cuisine ein Löffelchen werdender Luxusgerichte in den Mund schiebt. Der Thirtysomething quittiert das dann stets mit jovialem Lächeln, hetzt seine Hilfskraft ansonsten aber tüchtig durch die Edelstahleinrichtung. "Sieh zu!", raunzt er fröhlich, wenn sie die Mangos für den Tunacocktail zu langsam schält.

Hier also der juvenile Spitzenkoch auf Exkurs vor die Kamera, dort die kommentierende Handlangerin. Was dem Mälzer bei Vox seine Aufnahmeleiterin Nina Heck, ist dem Henssler auf N3 seine servile Assistentin Becker. Diese Rollenaufteilung hat seinen Grund – einen schlichten, wie NDR-Kulturchef Christian Stichler beteuert: "In der gehobenen Gastronomie gibt es eben nur Männer."

Brutzeln ohne Ausbildung

In Hamburg etwa, Standort des Edelrestaurants Henssler & Henssler, gebe es unter den rund 30 herausragenden Küchenchefs gerade mal zwei Frauen. Schließlich, so Stichler, sei der Beruf äußerst anstrengend und familienunfreundlich. Das legt den Schluss nahe, die Spitzengastronomie sei etwa in Frankreich und Skandinavien, wo TV-Köchinnen weitaus verbreiteter sind, entweder geruhsamer oder die ausübenden Frauen toughe Singles. Da beides Unsinn ist, muss es andere Gründe für das strukturelle Ungleichgewicht geben.

"Wir können uns ja keine Köchin ausbilden", bemüht Stichler die Theorie des mangelnden Angebotes als Ursache der miesen Frauen-Quote. Gegen dieses Argument spricht indes die langjährige Küchenpräsenz Alfred Bioleks oder die Popularität eines Clemens Wilmenrod, der ab 1953, als kaum ein Mann daheim den Löffel schwang, 180 Mal am Bildschirm brutzelte – ohne Ausbildung. Wilmenrod war Schauspieler und steckte oft genug Kritik dafür ein, vom Essenmachen nicht halb so viel zu verstehen wie von dessen Präsentation.

Es gab zwar in der Nachkriegszeit durchaus Mamsells im Umfeld biederer Haushaltssendungen, doch hauptamtliche TV-Köche tragen seit jeher Y-Chromosomen. Sei es ein Max Inzinger, der in der öffentlich-rechtlichen Monopolphase bis 1982 am vorabendlichen "Drehscheibe"-Herd stand und später dem Ostpublikum im DFF-Format "HAPS" erklärte, wie man Kiwis isst. Sei es ein Ralf Zacherl, Vorzeigegourmet der privaten TV-Periode von heute. Sei es Alfred Biolek oder Alfons Schuhbeck, die schon immer im Fernsehen zu kochen scheinen. Seit dem Siegeszug des englischen Vorreiters Jamie Oliver geht der Trend indes zum Typus "szeniger Jungkoch". Steffen Hensslers Jugendstil etwa bildet zweifellos einen Gegenpol zum beliebten, aber ergrauten Rainer Sass.

Hinten versauern, statt vorne verkosten

Ein Jahr zuvor setzte der Bayerische Rundfunk mit Alexander Herrmann auf einen ähnlichen Charakter. "Frauentyp" nennt der Sender den "vermutlich charmantesten Koch Deutschlands", dessen Sendung "Koch doch" zeitgleich mit "Hensslers Küche" gerade in die 2. Staffel ging. Genau, was das Zielpublikum wünsche, beschreibt BR-Unterhaltungschef Thomas Jansing seinen Sunnyboy am Herd. Und das besteht nun mal vornehmlich aus denjenigen, die zu Hause den Haushalt schmeißen, ist also überwiegend weiblich. Das gilt übrigens für fast alle der gut 100 Kochsendungen pro Woche (ohne die jährlich 60.000 Minuten des Billigkochsender TV-Gusto). Gäbe es eine Frau, "die das Handwerk mitbringt und gut moderieren kann", so Jansing, "würden wir sie sehr gern nehmen". Diese Suche sei bislang vergebens gewesen. Hierzulande. Doch als der NDR 2006 einige Shows der schwedischen Starköchin Tina Nordström synchronisierte, liefen sie im Outdoor-Monat Juli. Ansonsten gilt Jansings Maxime, "nicht ohne Not das Bewährte durch das Neue" zu ersetzen.

Dabei verdrängt er, wie neu das Bewährte daherkommt. Nur gilt Tim Mälzers Role Model (modisch, locker, jung, schlank) nicht für die einzig wahrnehmbaren Frauen des Genres vor Sarah Wiener. Britta von Lojewski, die bei Vox das "Kochduell" leitete, bis ihr Mälzers "Schmeckt nicht, gibt’s nicht" den Sendeplatz klaute, war von der Sorte kumpelhafte Walküre und ließ andere braten. Lea Linster, laut "Brigitte" Europas beste Köchin, ist eher der Typ robuste Hausfrau, versauert als solche im SR und steht gelegentlich auf Kerners Besetzungsliste. Und Kathrin Rüegg entspricht nicht nur stilistisch dem Titel ihres Formats "Was die Großmutter noch wusste" beim SWR.

Immerhin hat sich mit Sarah Wiener jetzt eine frischere Variante etabliert – und vielleicht den einen oder anderen Mann zum Kochen animiert. Zuhause, statt im Fernsehen. Wenn auch nicht unter Aufsicht von ProSieben, das vier Junggesellen im Ringen um ein Weib je ein "Single-Dinner" zaubern lässt. Bleibt zu klären, ob der Sieger sein Herzblatt auch dann bekocht, wenn die Kameras fort sind.



insgesamt 64 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Azrael, 16.03.2007
1.
---Zitat von sysop--- SPIEGEL-ONLINE-Besseresser Ullrich Fichtner meint: Die Koch-Sendungen fördern unser kulinarisches Engagement nicht, im Gegenteil: Sie ersetzen es. Wie schmeckt Ihnen diese These? Diskutieren Sie mit! ---Zitatende--- Kochsendungen kann man nicht essen. Mein kulinarisches Engagement ist immer noch in Ordnung. Ausserdem denke ich das Kochsendungen Leute inspiriert mal was anderes in die Pfanne zu hauen als ein paniertes Schnitzel.
Reziprozität 16.03.2007
2.
---Zitat von sysop--- ... Sie ersetzen es. Wie schmeckt Ihnen diese These? Diskutieren Sie mit! ---Zitatende--- Ersetzt das Fernsehen den Herd? Leider werden die modernen LCD-Fernseher selbst bei Dauerbetrieb nur noch lauwarm. Spiegeleier braten, komplett verunmöglicht. Ich bleibe beim Herd! (Ausserdem 'abe isch gar kaine Färnsähar)
T. Wagner 16.03.2007
3.
Ich halte diese Sendungen für völligen Quatsch. Die Klientel schaut dort genauso zu, wie früher bei den Krawall-Shows (Hans Meiser, Die Jugendberaterin, Arabella). Aber sie ändert sich deshalb nicht. Leute mit dem Big-Mäc in der Hand schauen sich eine Koch-Sendung an! Das ist so schräg! Im Grunde genommen sind derartige Sendungen nur ein billiger Programmfüller. Billig in Bezug auf die Produktionskosten.
KeyWest, 16.03.2007
4. Und wa ist mit CO2??
Wenn mir jemand glaubhaft beweist, dass Kochherde weniger CO2 entstehen lassen als LCD-Fernseher.. Ich lasse mich von Tim Mälzer und Co. inspirieren "Das perfekte Dinner" bietet sehr schöne Ausblicke auf die Abgründe der menschlichen Psyche... und nebenbei das eine oder andere Rezept, dass mich wieder vom Fernsehgerät weg an den Kochtopf lockt. :-}
Zermelo, 16.03.2007
5.
---Zitat von Reziprozität--- Ersetzt das Fernsehen den Herd? (Ausserdem 'abe isch gar kaine Färnsähar) ---Zitatende--- Aber einen PC und die CPU wird so heiß, dass man da leicht alles notwendige zubereiten kann: vom Spiegelei bis hin zum kompletten Spanferkel. Und wenn man dann noch mit Öl kühlt, dann kann man sich sogar das Btratfett sparen. Ergo muss die Frage lauten: Ersetzt der PC den Herd?
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.