Frauenmagazin "Gazelle" Die Integration zieht neue Seiten auf

Blättern Sie mal eine "Brigitte" durch, eine "Freundin" oder "Für Sie". Von Migrantinnen und ihren Interessen keine Spur. Eine junge marokkanisch-stämmige Journalistin will das nun ändern: mit eigenem Frauenmagazin und ehrgeiziger Agenda.

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Berlin - Sineb el Masrar hat umfangreiche Studien hinter sich. Jahrelang hat sie geblättert - und nichts gefunden. Nicht in der "Brigitte", nicht in der "Petra", nicht in der "Freundin". "Das Leben von Migrantinnen in Deutschland findet in konventionellen Frauenmagazinen einfach nicht statt", sagt die 25-Jährige. Nicht ihres und nicht dass von Millionen anderer Frauen und Mädchen aus Einwandererfamilien, deren Alltag sich in der Bundesrepublik abspielt.

"Gazelle"-Herausgeberin Sineb el Masrar: "Nicht die Julia aus meiner Klasse fragen"

"Gazelle"-Herausgeberin Sineb el Masrar: "Nicht die Julia aus meiner Klasse fragen"

Migranten-Notstand in der deutschen Medienlandschaft? Auch die Staatsministerin für Integration, Maria Böhmer (CDU), hat mehr Einwanderer in den Medien gefordert. Masrar besteht jedoch weniger auf Frauen aus Migrantenfamilien in Redaktionen und vor den Kameras der Nachrichten-Sender, die Journalistin will sie erst einmal als Thema in Zeitschriften und TV-Beiträgen sehen.

Masrar hat deshalb vor einem Jahr das "multikulturelle Frauenmagazin Gazelle" gegründet. Seitdem hat ihr Tag oft mehr als acht Arbeitsstunden, sie muss Autoren anwerben und Anzeigenkunden, Themen überlegen, für den Vertrieb sorgen. Zweimal ist die "Gazelle" bislang erschienen. Von nun an soll das Heft vier Mal im Jahr am Kiosk erhältlich sein. Die Auflage liegt bei 10.000. Momentan finanziert sich die Produktion selbst.

"Nicht immer auf der gleichen, lästigen Ebene"

Auf "positive Art und Weise multikulturell, dabei nicht naiv und träumerisch" solle die "Gazelle" sein, sagt Masrar. Bevor es einfach ein Magazin für alle Frauen in Deutschland werden kann, müsse noch der Schwerpunkt auf das Leben von Migrantinnen hierzulande gelegt werden. Solange, bis auch andere Zeitschriften Frauen mit verschiedenen kulturellen Hintergründen zum Normalfall machen würden. "Jenseits der Klischees. Und nicht immer auf der gleichen, lästigen Ebene."

Schließlich dürfe es nicht sein, sagt die Tochter marokkanischer Einwanderer, dass Fragen von Millionen Migrantinnen in Deutschland unbeantwortet bleiben und höchstens in ethnisch abgeschotteten Communitys ein Echo finden. Aber nicht dort, wo die Probleme von in Deutschland lebenden Frauen eigentlich hingehören: in die deutschen Medien. "Ich konnte als junges Mädchen nicht die Julia in meiner Klasse fragen, wie es denn bei ihr mit dem Ramadan oder dem Verhältnis zu ihren Eltern so laufe", sagt Sineb el Masrar. Sie habe sich, als einzige Migrantin in ihrer Klasse, Berichte über Erfahrungen anderer Frauen gewünscht.

Aber ist nicht genau das integrationstechnisch kontraproduktiv? Die Trennlinien zwischen Migrantinnen und anderen Frauen zu ziehen? Eine Deutsche, die zum Islam konvertiert ist und sich vollkommen verschleiert, im zweiten Heft sehr unkritisch zu befragen? "Ja, aber erstmal muss Aufmerksamkeit geschaffen werden", sagt die Herausgeberin. Sie wolle den Menschen nicht gleich eine Meinung aufdrängen, sondern sie zum Nachdenken anregen und "anpieksen". "Gazelle" sei keineswegs ein muslimisches Magazin; in der Redaktion gebe es Christinnen, Atheistinnen - eben alle Arten von Frauen.

Aber es gäbe tatsächlich spezifische Fragen, die Migrantinnen beschäftigen, die in einem deutschen Magazin diskutiert werden müssten. Zum Beispiel haben viele Migrantinnen schon durch die Herkunftsgeschichte ihrer Eltern mehr durchgemacht als ihre deutschen Altersgenossinnen. Viele fragen sich: Wohin gehöre ich eigentlich?

"Einfach mal Smalltalk führen"

Und wer Masrar trifft, muss sich fragen, welche Rolle die marokkanische Herkunft ihrer Eltern für sie spielt. Sie selbst sagt, dass sie sich, weil sie in ihrem Umfeld immer die einzige Migrantin war, sehr intensiv mit ihrer Identität auseinander gesetzt hat. Dass sie, wenn ihr alles zuviel wurde, auch schon mal ihren Eltern gedroht habe, "zurück nach Marokko zu gehen". Zurück dahin, wo sie nie gelebt hat. "Aber man wächst ja damit auf, dass es eine andere Heimat gibt und dass man dorthin irgendwann zurückkehrt."

Masrar ist geblieben, hat die Schule nach der zehnten Klasse abgebrochen, weil sie schnell selbständig werden wollte, hat mehrere Ausbildungen gemacht, in Dortmund geheiratet. Sie spricht ein klares, gutes Deutsch und saß in der Arbeitsgruppe Medien der Integrationskonferenz von Maria Böhmer im Kanzleramt. Sie steckt mitten in der Debatte um eine offene Aufnahmegesellschaft und eingliederungsbereite Einwanderer.

Und diagnostiziert dabei große Versäumnisse: Deutschland tue sich keinen Gefallen damit, wenn Muslime immer pauschal als integrationsunwillig dargestellt würden. Dass es Extremisten gebe, sei nicht zu leugnen, aber Stigmatisierungen würden ihnen in die Hände spielen. "Seht, ihr seid nicht willkommen, also kommt zu uns!", sei oft das Argument radikaler Fundamentalisten. Auch müsse man über Aussteigerprogramme für extremistische Muslime nachdenken. Für geläuterte Neonazis gäbe es so etwas schließlich.

Einwanderer, auf der anderen Seite, müssten auch über ihren Schatten springen, so wie es die Macher der "Gazelle" täten: "Komm integrier' dich, auch wenn es hart wird. Bring dich ein!", will Sineb el Masrar ihnen allen zurufen. "Wir müssen unverkrampfter miteinander umgehen - alle Kulturen. Und nicht immer nur über unsere Herkunft reden, sondern einfach mal Smalltalk miteinander führen."

Damit es irgendwann keine Klientelfrauenmedien mehr geben muss: "Schließlich kaufen wir auch alle L'Oreal-Shampoo und benutzen Nivea", sagt sie, die Frauenmagazinherausgeberin.



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