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Frauenrechte in Iran: Freie Sicht auf Kickerbeine

Von Mohammad Reza Kazemi

Der iranische Präsident Ahmadinedschad hatte eigentlich die Aufhebung des Stadionverbots für Frauen angeordnet, wurde aber von den Mullahs zurückgepfiffen. Die fußballbegeisterten Perserinnen wollen den Kampf um ihre Rechte nun ins WM-Gastgeberland Deutschland verlegen.

Es ist der 29. Februar 2006. Die 15-jährige Shirin wartet mit etwa 50 anderen weiblichen Fußballfans seit vier Stunden vor dem West-Eingang des Teheraner Azadi-Stadions. In der Hand hält sie ein Fähnchen, ihr Gesicht hat sie in den Farben der iranischen Nationalflagge grün, weiß und rot bemalt. Um 16 Uhr bestreitet die iranische Fußballnationalmannschaft gegen Costa Rica ein Testspiel. Endlich kommt der Bus der iranischen Fußballer. Fassungslos vor Freude springt Shirin winkend auf und ab. Bisher hat sie die Kicker immer nur im Fernsehen gesehen. Einige Spieler winken zurück, dann ist der Bus auch schon vorbeigefahren. Für Shirin und die anderen Frauen ist die Partie vorbei, sie müssen draußen bleiben. Später werden sie sogar von der Polizei verprügelt und von ihrem Versammlungsort vertrieben.

Iranische Fußballfans bei der Ankunft der iranischen Mannschaft in Deutschland: Kampf um den Stadionbesuch
AFP

Iranische Fußballfans bei der Ankunft der iranischen Mannschaft in Deutschland: Kampf um den Stadionbesuch

Zwar hat das Gesetz in der Islamischen Republik den Frauen den Stadionbesuch nicht verboten, in der Praxis sieht es allerdings anders aus. Die Atmosphäre sei dort zu vulgär für Frauen, lautete bisher die Begründung. Um das ungeschriebene Gesetz zu umgehen, haben sich bisher viele Mädchen als Jungs verkleidet ins Stadion geschmuggelt. Ihre Zahl beträgt mittlerweile schätzungsweise etwa 5000 unter 100.000 Zuschauern - ein seltsames Phänomen, das der iranische Regisseur Jafar Panahi in seinem Film "Offside" thematisiert, der im Februar auf der Berlinale gezeigt wurde.

Die Frauen, die das Spiel der iranischen Mannschaft gegen Costa Rica anschauen wollten, gehörten allerdings zu denen, die sich offen mit den Mullahs angelegt haben. Sie wollen als Frau, nicht als "Junge" in die Arena. "Es geht um unser ziviles Recht", sagt die 26-jährige Sportjournalistin Neda Kasemi, die an der Aktion teilgenommen hat. "Wir wollen nicht, dass man uns vorschreibt, wo wir hingehen dürfen und wohin nicht."

Niemand konnte sich vorstellen, dass ausgerechnet der ultrakonservative Präsident Mahmud Ahmadinedschad auf dieses Anliegen eingehen würde. Am 24. Februar wies er den Leiter des Sportwesens, Mohammad Aliabadi, an, die "besten Zuschauerplätze" in den Stadien Frauen und Familien zur Verfügung zu stellen. Diese Anweisung führte bei vielen Frauen zu großer Euphorie. "Wir tauchen im Genuss des Sieges", beschrieb Kasemi die Reaktion der Frauen in einem Beitrag im Sportblatt "Iran-Varzeshi" am Tag darauf. "Süß, obwohl klein" – so feierte die Frauenaktivistin Parastoo Dokuhaki den Erfolg in ihrem Internet-Tagebuch.

Es blieb ein kurzer Triumph. Unmittelbar nach Bekanntmachung der Präsidenten-Entscheidung äußerten einige hochrangige Mullahs ihren Unmut und forderten deren Zurücknahme. Der Großajatollah Makarem Shirazi bewertete die Sportplätze als "unsicher" und die Öffnung der Stadien für Frauen als "unnötig", da die Spiele im Fernsehen übertragen würden. Zwei weitere Geistliche, Safi Golpayegani und Fazel Lankarani, verkündeten, dass der Blick einer Frau auf den Körper eines fremden Mannes nicht zulässig sei. Daher verstoße das Vorhaben des Präsidenten gegen die islamischen Regeln.

Die Fatwas - religiöse Rechtsgutachten - des Klerus stoßen bei vielen Iranerinnen auf Unverständnis. "Was sieht man am Körper der Spieler, außer einer Handbreit zwischen der Hose und den Strümpfen?", fragt Dokuhaki aufgeregt. "Sie wollen wohl, dass die Spieler im Anzug spielen", amüsiert sich die 27-jährige Fatemeh über die Meinung der konservativen Geistlichkeit. "Außerdem wissen die Herren nicht, dass die Frauen schon jetzt das Training der Fußball-Mannschaften anschauen dürfen." Zu gern würde sie einmal ein Spiel der iranischen Nationalmannschaft live verfolgen.

Freundschaftsspiel zwischen deutschen und iranischen Fußballfrauen (im April in Teheran): Spielen ja, zuschauen nein.
REUTERS

Freundschaftsspiel zwischen deutschen und iranischen Fußballfrauen (im April in Teheran): Spielen ja, zuschauen nein.

Ihr Traum wird sich allerdings wohl nie erfüllen. Vor zwei Wochen kam der religiöse Führer, Ali Chamenei, dem Wunsch der fanatischen Geistlichen nach und ließ seinen treuen Untergebenen Ahmadinedschad die Anordnung zurückziehen. "Da sich der Führer dagegen ausgesprochen hat, bleiben die Frauen für immer hinter den Stadiontoren", sagt Mahbubeh Hosseinzadeh. Die 30-jährige Journalistin ist der Auffassung, dass der Präsident von Anfang an den Standpunkt der Mullahs gekannt und sich durch seine Entscheidung ausschließlich Popularität habe schaffen wollen. "Als Bürgermeister von Teheran wollte er extra Aufzüge für Frauen installieren lassen. Außerdem ließ er nach seiner Wahl zum Präsidenten das 'Zentrum für die Partizipation der Frauen' in 'Zentrum für Familie und Frauen' umbenennen", stellt sie die konservative Frauenpolitik des Präsidenten dar. Dessen Stadion-Entscheidung bringt sie mit dem internationalen Druck auf Iran wegen des umstrittenen Atomprogramms in Verbindung.

Hosseinzadeh ist mit ihrer Meinung nicht allein. Die Frauenrechtlerin Shadi Sadr sieht die Zusammenhänge ähnlich: "Ahmadinedschad versucht durch seinen Erlass, die Öffentlichkeit in Iran von wichtigen Fragen des Landes, nämlich Atomkonflikt, drohenden Sanktionen und militärischem Konflikt abzulenken." Trotzdem sieht sie in der ganzen Debatte positive Aspekte. "Der Fall ist so konkret, dass jeder dadurch feststellen kann, wie miserabel die Lage der Frauen in Iran ist." Außerdem ziehe die Debatte auch andere wichtige Probleme, wie das von Kopftuch und Trennung der Geschlechter in der Öffentlichkeit, nach sich.

Für die Frauenaktivistin ist der Kampf um den Stadionbesuch wie eine Fußballpartie, und Ahmadinedschad habe sich als unerwünschter Spieler daran beteiligt, um sich als Vorkämpfer der Frauensache darzustellen. Daher haben die Iranerinnen nun vor, den Platz zu wechseln. In Deutschland und bei der WM soll es weitergehen mit ihrem Protest. Mehrsprachige Plakate sollen die Fußballfans aus der ganzen Welt mit Diskriminierungen vertraut machen, die Frauen in Iran tagtäglich erleben. "So können wir ohne Zensur auf radikalste Art und Weise die Situation der Frauen in Iran kritisieren. Da kann Ahmadinedschad nicht mehr mithalten", verkündet Sadr mit großer Vorfreude.

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