Sexualität in Ägypten "Der Frauenkörper ist das Ziel eines Klassenkampfs"

Sexuelle Gewalt ist ein Symbol der Krise, sagt Wissenschaftlerin Miral al-Tahawy. Die Übergriffe in der Kölner Silvesternacht und im arabischen Frühling waren kein Zufall - sondern Symptom einer kranken Gesellschaft.

Belästigung 2012 in Kairo: "Freiwild und Triumph"
AP/ El Shorouk Newspaper

Belästigung 2012 in Kairo: "Freiwild und Triumph"


Zur Person
  • Miral Al-tahawy
    Miral al-Tahawy, Jahrgang 1968, wuchs in einer ägyptischen Beduinenfamilie auf. Sie studierte Arabische Literaturwissenschaft; 1996 erschien ihr erster Roman "Das Zelt". Darin erzählt al-Tahawi die Geschichte eines Beduinenmädchens, das gegen traditionelle Rollenbilder und für die eigene Freiheit kämpft. Miral al-Tahawi lebt und arbeitet heute in Phoenix, USA.
Mit revolutionären Rufen übertönten die Täter auf dem Tahrir-Platz die Schreie der Opfer. Ein häufiger Ruf, ursprünglich ein Slogan der Revolution, war "Id wahda" (auf Deutsch etwa: "Eine Hand/Einheit"). Daraus wurde ein Geheimcode, der bedeutete, dass die Angriffe losgingen. Die Opfer lagen anschließend entkräftet vor Passanten, die sich in der Regel jedoch nicht einmischten.

Wir können die sexuellen Übergriffe in Köln nicht von diesen sexuellen Übergriffen in Ägypten trennen, die während und nach des Arabischen Frühlings auf dem Tahrir-Platz passierten. Denn wir können die Angriffe in Köln und Ägypten als Sinnbild einer Krise verstehen, bei der Gruppen sozial marginalisiert wurden. Der Übergriff wird zum Ritual, bei dem sich das Opfer von der Unterdrückung entfernt und entfremdet hat - und zum Täter wird. Der Frauenkörper fungiert dabei als Ziel eines Klassenkampfs, weil die Übergriffe auf ihn keine Einzeltat sind. Sondern eine kollektive Tat, die einen Raum schafft, in dem der Frauenkörper als Freiwild und Triumph betrachtet wird.

Vor allem in Ägypten und während des Arabischen Frühlings waren Frauen öffentlich besonders präsent. Diese Präsenz wurde aber von systematischen körperlichen und sexuellen Übergriffen begleitet. Diese wurden in manchen Fällen als politisches Instrument vom Regime eingesetzt, um die Frauen zu unterdrücken. Menschenrechtsorganisationen dokumentierten, dass die sexuellen Übergriffe und Entblößungen dazu dienten, "Frauen auf besondere Anweisungen hin zu demütigen".

Ein fruchtbarer Boden für Gewalt und Wut

Diese systematischen Angriffe waren aber nicht nur ein Mittel der politischen Autoritäten oder ihrer Schlägerbanden. Sondern auch eines der gesellschaftlichen Randschichten; konkret eines der sogenannten Baltagiya-Banden. Diese Straßengangs aus Kairos Slums fanden bei den Protesten eine Atmosphäre vor, in der die Autorität des Staates und die des Rechtes geschrumpft waren. Ein fruchtbarer Boden also, um Gewalt und Wut zu entladen. Um mit sexuellen Übergriffen oder Festnahmen von Passanten, manchmal auch mit Raubüberfällen und Straßenblockaden, Straßen und Plätze zu erobern.

Das war kein zufälliges Phänomen in Abwesenheit des Gesetzes, sondern Symptom einer chronischen, tiefgreifenden Erkrankung einer Gesellschaft, die, voller Gegensätze und Klassenunterschiede, den Frauenkörper schon lange vorher verachtete.

Denn die Wahrheit, die in diesem Zusammen oft übersehen wird, ist, dass der Frauenkörper immer wesentlicher Bestandteil politischer, sozialer und religiöser Konflikte in der arabischen Kultur vor und nach der islamischen Zeit war. Das Thema des sexuellen Missbrauchs war schon ein Schlüsselthema in Stammeskonflikten, bei denen Frauen vergewaltigt und lebendig begraben wurden. Der Körper der arabischen Frau ist in der von Männern dominierten Gesellschaft allen Arten von Unterdrückung unterworfen: Er ist anfällig für Vergewaltigung, Beschneidung, für Entehrung, Entblößung. Diese Unterdrückung wurde mit dem Anstieg konservativer religiöser Gruppen und dem Einfluss auf den religiösen Diskurs noch verstärkt. Für diese ist der Frauenkörper ein Reizthema, eine Quelle der sexuellen Versuchung, wenn die Frauen nicht "züchtig" gekleidet sind.

Die zweite Wahrheit, die man nicht leugnen kann, ist, dass man die Verstöße gegen den Körper der Frau im Mittleren Osten nicht von der salafistischen Idee von Rechtsprechung trennen kann. Diese wertet den Frauenkörper nicht bloß ab, sondern kriminalisiert ihn - trotz der Versuche aufgeklärter Wissenschaftler, islamischer Denker und Theologen, einige dieser Texte neu zu lesen. Das Hauptargument dieses reaktionären religiösen Diskurses ist, dass der nackte Frauenkörper zur Sünde anstiftet und zum moralischen Absturz führt - und deshalb verhüllt werden muss. Frauen sind laut dieser Überzeugung nur geschaffen, damit man sich an ihnen als Lustobjekt erfreut. Diese Sicht gilt in der religiös sunnitischen wie auch schiitischen Denkweise.

Diese reaktionäre Sicht hat sich in den letzten Jahrzehnten intensiviert und die Befreiungsbewegungen der Frauen gesellschaftlich ausgebremst. Trotz der Betonung, dass der Islam Frauen respektiert und dem Mann gleichstellt, belehrt uns die Realität in der arabischen und muslimischen Welt eines besseren.



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