Hitlergruß-Prozess: Freispruch für Künstler Jonathan Meese

Freispruch für Künstler Meese: "Ich bin geschmacklos" Fotos
DPA

Im Spott dürfen nationalsozialistische Symbole gezeigt werden: Mit dieser Begründung hat das Amtsgericht Kassel den Berliner Künstler Jonathan Meese im Hitlergruß-Prozess freigesprochen - und damit klar zugunsten der Kunstfreiheit entschieden.

Kassel - Das Urteil im sogenannten Hitlergruß-Prozess gegen Jonathan Meese ist gefällt: Das Amtsgericht Kassel hat den 43-jährigen Künstler am Mittwoch von dem Vorwurf freigesprochen, ein Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen verwendet zu haben. Meese hatte im SPIEGEL-Gespräch zum Thema "Größenwahn in der Kunst" in Kassel eine "Diktatur der Kunst" gefordert und den Arm zweimal zu dem verbotenen Gruß gehoben.

"Es ist klar, dass der Angeklagte sich nicht mit nationalsozialistischen Symbolen oder Hitler identifiziert, sondern das Ganze eher verspottet", sagte die vorsitzende Richterin. Es sei bei seiner Performance um eine Kunstdiskussion gegangen, urteilte sie weiter. Zudem sei die Atmosphäre auch im Zusammenhang mit der damals bevorstehenden Weltkunstausstellung Documenta "aufgeladen mit Kunst" gewesen.

Mit dieser Begründung folgte die Richterin dem Plädoyer der Verteidigung. Die hatte am Mittwoch argumentiert, der Hitlergruß, wie Meese ihn verwendet hatte, sei Teil einer Inszenierung gewesen und keine persönliche Äußerung des Künstlers. Die Staatsanwaltschaft hatte Meese vorgeworfen, "den Hitlergruß wieder salonfähig zu machen", und eine Geldstrafe von 12.000 Euro gefordert.

Meese selbst hatte als Angeklagter das Schlusswort. Er erklärte, wie auch in der umstrittenen Performance, dass er jede Art von Ideologie ablehne, auch die nationalsozialistische. Kunst sei kein "Ideologiebestätigungssystem", sondern Künstler müssten die Zeit, in der sie leben, "aufs Korn nehmen": "Ich bin geschmacklos und habe das Recht dazu."

Das Gericht hat mit seinem Spruch die Kunstfreiheit entscheidend gestärkt. Laut der Begründung erlaubt das Strafgesetzbuch den Hitlergruß und andere NS-Symbole, wenn deren Darstellung "der Kunst dient". Dies sei hier der Fall gewesen, urteilte das Amtsgericht.

Der Berliner Meese ist dafür bekannt, in seiner Malerei und seinen Performances mit Symbolen des Nationalsozialismus wie Hitlergruß oder Hakenkreuz zu spielen. Sich selbst bezeichnet er als Gegner jeglicher Ideologie. In dem Prozess ging es also auch um die Frage, was mehr wiegt: die Freiheit der Kunst oder das Verbot nationalsozialistischer Symbole. Meese selbst hatte bereits zum Beginn des Prozesses betont, die Geste sei Teil einer Kunstaktion.

Das Publikum im Gerichtssaal applaudierte, als die Richterin den Freispruch verkündete. Meese und seine Verteidiger freuten sich sichtlich, Meese setzte eine goldene Sonnenbrille auf und verkündete, dass er nun endliche wieder in Ruhe arbeiten könne.

Doch damit könnte er falsch liegen, denn in Mannheim droht Meese weiterer juristischer Ärger. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen möglicher Volksverhetzung. Der Künstler hatte bei einer Theateraufführung im Juni mehrmals den Hitlergruß gezeigt und eine Alien-Puppe mit einem Hakenkreuz beschmiert.

bos/mwe/dpa

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Kultur
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Gesellschaft
RSS
alles zum Thema Jonathan Meese
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback

PDF-Download
PDF aufrufen... Meeses Manifeste - Teil 1 - PDF-Größe 1 MByte
PDF-Download
PDF aufrufen... Meeses Manifeste - Teil 2 - PDF-Größe 2 MByte

Vote
Der Hitlergruß-Prozess gegen Meese

Würden Sie als Richter den Künstler Jonathan Meese verurteilen - oder muss der Hitlergruß als Performance erlaubt sein?