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Freiwilliger Internetverzicht: Ich zieh' den Stecker

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Keine E-Mails, kein Google - kann man so überhaupt leben? Zwei Autoren haben den Selbstversuch gewagt und über ihre Netz-Zwangspausen geschrieben. So unterschiedlich die Bücher auch sind: Mehr Zeit offline können beide sehr empfehlen.

Das Internet ist aus unserem Leben kaum wegzudenken - oder etwa doch? Zur Großansicht
Corbis

Das Internet ist aus unserem Leben kaum wegzudenken - oder etwa doch?

Sie sind ja schon wieder da, ja, genau, Sie. Sie sind ja schon wieder auf dieser Seite. Nicht, dass hier jemand etwas dagegen hätte, wir freuen uns über jede Page-Impression und jeden Unique Visitor - aber waren Sie nicht eben erst schon mal da? Wollten Sie nicht eigentlich etwas ganz anderes tun? Sie surfen schon wieder im Netz, schauen, was es Neues gibt, nur kurz wollten Sie etwas nachsehen, und jetzt haben Sie sich schon wieder festgelesen.

Halt, ich wollte Sie nicht vertreiben! Hier geblieben! Nicht ins Mailprogramm wechseln! Ist ja gut, ich habe auch gehört, dass es gerade "Pling" gemacht hat. Sie haben eine E-Mail bekommen, na und? Glauben Sie im Ernst, dass Sie diese E-Mail wirklich sofort lesen müssen? Wahrscheinlich ist es doch nur wieder mal unnützes Zeug. Und überhaupt: Es ist doch erst fünf Minuten her, dass Sie das letzte Mal in Ihre Mailbox geschaut haben.

Sind Sie überhaupt noch in der Lage, sich auf einen längeren Text zu konzentrieren? Kommen Sie, das schaffen Sie. Zwei Absätze haben Sie bereits, und den dritten auch schon beinahe. Oder fällt es Ihnen zunehmend schwerer, sich zu konzentrieren? Dann sind Sie reif für eine Kur. Und Sie sind nicht alleine.

Sehr viele Menschen benutzen das Internet in allen Lebenslagen, können sich nichts mehr merken, wissen nichts und googeln alles, ein wachsender Anteil dieser Internet-Junkies, mit internetfähigen Smartphones ausgestattet, sogar auf dem Klo. Die genauen Zahlen googeln Sie bitte später. Nur sehr wenige schaffen es, davon auch nur zeitweise loszukommen, oder zumindest einen vernünftigen, kontrollierten Umgang mit dem Internet zu finden.

Phantomvibrieren, wo einst das Smartphone war

Christoph Koch und Alex Rühle haben es versucht. Und sie haben ein Buch darüber geschrieben, beziehungsweise: zwei. Denn wie das so ist, wenn ein Thema in der Luft liegt, kommt kurz darauf nicht nur ein Werk dazu heraus, sondern gleichzeitig sein Konkurrenzprodukt. Und so erscheint an diesem Freitag bei Klett-Cotta "Ohne Netz. Mein halbes Jahr offline" von Alex Rühle. Und am Dienstag darauf bei Blanvalet "Ich bin dann mal offline. Ein Selbstversuch. Leben ohne Internet und Handy" von Christoph Koch. Auf beiden Covern ist ein Smartphone abgebildet, beides sind Tagebücher, beide Autoren haben sich feste Regeln auferlegt und diese ihren Tagebüchern vorangestellt: Sie dürfen nicht ins Netz, weder am Arbeitsplatz noch privat, Fax ist erlaubt, Telefon auch.

Bei Koch ist zusätzlich das Handy verboten, Rühle darf nur keines mit Internetzugang benutzen. Rühle ist Familienvater, Koch kinderlos, bei beiden reagiert das Umfeld ähnlich auf die Entnetzung: Viele machen sich lustig, die meisten finden die Idee reizvoll. Koch, 35, ist Mitglied der "Neon"-Redaktion. Rühle, 40, Kulturredakteur bei der "Süddeutschen Zeitung". Beide müssen ihren Berufsalltag ohne E-Mail, Google und Wikipedia bewältigen. Koch lebt einen Monat lang enthaltsam und legt dann noch zehn Tage drauf. Rühle verzichtet für ein halbes Jahr.

Erst Aufmerksamkeitsstörungen, dann Phantomvibrieren an der Stelle, an der das Smartphone am Körper getragen wurde, Nervosität, später Entspannung, Rückkehr des Vertrauens in die eigenen Erinnerungen, Genuss, zwischendurch einige Studien und Suchtgeschichten anderer Leute - die Erfahrungen und Anekdoten des Entwöhnungsverlaufs ähneln sich bei Rühle und Koch und wahrscheinlich auch jeder anderen Person, die schlagartig von übermäßigem Gebrauch des Internets auf kalten Entzug gesetzt wird. Und dennoch sind es höchst unterschiedliche, jedes auf seine Art unterhaltsame und aufschlussreiche Bücher.

Offen bleiben. Bach hören.

Rühle beschreibt schön und viel, seinen Redaktionsalltag wie sein Familienleben, und schöpft ganz nebenbei aus seinem reichen Bildungsschatz. Koch streift sein Privat- und Arbeitsleben nur dann, wenn es sich geradlinig mit dem Thema seines Buches verbinden lässt. Er geht weniger literarisch und mehr journalistisch vor, zitiert weniger Denker, mehr Praktiker. Am Ende gibt Christoph Koch den Leserinnen und Lesern Lebenshilfe für einen besseren Umgang mit dem Netz mit auf den Weg: Pro Woche einen internetfreien Tag einhalten zum Beispiel. Höchstens dreimal am Tag seine E-Mails abrufen. Und nicht jede gleich beantworten. Alex Rühle rät zum Abschluss hingegen: Offen bleiben. Bach hören.

Es gibt eine Geschichte, die sowohl Koch als auch Rühle erzählen, die Geschichte des Philosophen und Autors Henry David Thoreau, der sich vor über 160 Jahren für zwei Jahre in einen Wald zurückgezogen hat, um dort möglichst einfach und in freier Natur zu leben. Später schrieb Thoreau über diese Zeit das Buch "Walden". Rühle widmet Thoreau fast vier Seiten, beschreibt detailreich sein Experiment, und will wissen, ob sein eigener Verzicht ein ähnlich einschneidender Schnitt sein wird wie für Thoreau der Aufbruch in den Wald. Ob auch sein Leben "dadurch den breiten Rand bekommt, von dem Thoreau einmal in 'Walden' spricht".

Koch hingegen mag dem alten Waldmeister keinesfalls nacheifern: Unter der Zwischenüberschrift "Walden kann mich mal!" richtet er das Aussteigerbuch geradezu hin, er braucht dafür nur einen einzigen Absatz, in welchem er "Walden" "nach der Hälfte wütend in die Ecke" wirft, "entnervt von dem selbstzufriedenen Geschwafel des Einsiedlers". Kurzum: "Der altkluge Eigenbrötler Thoreau kann mir gestohlen bleiben."

So unterschiedlich sie da sind, am Schluss geht es Rühle und Koch doch wieder gleich. Sie bedauern das Ende der Abstinenz. Haben in ihrer Abwesenheit weniger E-Mails bekommen als erwartet. Und sind bald wieder Netzbürger wie du und ich. Facebook-Freunde sind sie übrigens nicht. Ich habe es gerade noch schnell nachgeschaut, während Sie diesen Text gelesen haben.


Alex Rühle: "Ohne Netz", Klett-Cotta Verlag, 220 Seiten, 17,95 Euro (ab 23. Juli)

Christoph Koch: "Ich bin dann mal offline", Blanvalet Verlag, 272 Seiten, 12,95 Euro (ab 26. Juli)

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 48 Beiträge
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1. Schöner Artikel
John2k 19.07.2010
Verzicht auf neue Medien ist fast wie Urlaub irgendwo am Ende der Welt :-)
2. ...
IsArenas, 19.07.2010
Zitat von sysopKeine Mails, kein Google - kann man so überhaupt leben? Zwei Autoren haben den Selbstversuch gewagt und über ihre Netz-Zwangspausen geschrieben. So unterschiedlich die Bücher auch sind: Mehr Zeit offline können beide sehr empfehlen. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,707213,00.html
Auf jeden Fall. Und jeder, der aelter als 30 Jahre alt ist, wird sich auch noch daran erinnern koennen (Stichjahrgang 1998 als allgemeiner Internetstart - bzw. 1980 als Geburtsdatum). Ansonsten: ich kann zwar beruflich definitiv nicht mehr darauf verzichten. Trotzdem lohnt es sich gegebenenfalls, darueber nachzudenken, ob man nicht mehr Zeit verliert im Internet als man durch (vermeintlich) schnelle Recherchen gewinnt. Das Ergebnis koennte sein, dass man sich dazu entschliesst, alle unnuetzen Angebote, wie zum Beispiel auh dieses Forum hier, nicht mehr zu nutzen;-)
3. Oh Mann...
sk2212 19.07.2010
...wieder so ein "Früher war alles besser" und "Tod dem Fortschritt" Artikel. Ich finde das Internet ist einfach die beste Möglichkeit schnell und gezielt an Informationen zu kommen, zu kommunizieren, einzukaufen usw. Einfach alles was vor ein paar Jahren noch teuer und umständlich war. Ich kann mir ein Leben ohne das Internet nicht mehr vorstellen...! Wieso fühlt man sich also besser, wenn man sich absichtlich wieder in die Steinzeit versetzt...?
4. Wie ein Hammer
mbschmid, 19.07.2010
Wenn ich einen nagel in die Wand schlagen will, hole ich eien Hammer. Gäbe es den Hammer nich nähme ich vielleicht einen Stein, aber Gott sei Dank gibt es den Hammer. Wenn ich Rechnung zahlen will, dann mache ich das übers Internet. Suche ich einen Flug, dann übers Internet. Suche ich eine speziellen Laden, dann übers Internet. Als Internet noch nicht gab, ging das natürlich alles auch. Aber ich weiss es noch, es war verdammt viel mühsamer. Wer natürlich meint, er brauche Twitter oder Facebook, der ist selber schuld.
5. +++
tweety81 19.07.2010
Zitat von sk2212...wieder so ein "Früher war alles besser" und "Tod dem Fortschritt" Artikel. Ich finde das Internet ist einfach die beste Möglichkeit schnell und gezielt an Informationen zu kommen, zu kommunizieren, einzukaufen usw. Einfach alles was vor ein paar Jahren noch teuer und umständlich war. Ich kann mir ein Leben ohne das Internet nicht mehr vorstellen...! Wieso fühlt man sich also besser, wenn man sich absichtlich wieder in die Steinzeit versetzt...?
Sie haben den Sinn nicht verstanden...es war ein Experiment...und es ist sehr erholsam wenn man im Sommer beim Campen kein Handy nutzt und kein I-Net. Warum muß man ständig für alles und jeden erreichbar sein?? Ich bin nachmittags lieber draußen und laß mein Handy daheim...meinen Sohn freut es... Klar auf Arbeit ohne Netz ginge nicht(ich frage mich wie das früher ging:))Aber daheim bin ich nicht ganz so soft online...ich habe es eingeschrengt...es ist entspannend
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