Fremdenfeindlichkeit Wenn der Buhmann umgeht

In der aktuellen Debatte über Flüchtlinge werden uralte Ängste vor dem Fremden geschürt.

Pest-Arzt im Mittelalter: Ursprung der Angstfigur "Schwarzer Mann"?
Corbis

Pest-Arzt im Mittelalter: Ursprung der Angstfigur "Schwarzer Mann"?

Ein Essay von


"Eine Immigranteninvasion überschwappt Deutschland", schrieb Jürgen Mannke, Vorsitzender des Philologenverbands in Sachsen-Anhalt und Leiter eines Gymnasiums, mit leicht verrutschter Metaphorik in einem Artikel für sein Verbandsblatt. Darin raunte er von empirisch nicht belegten sexuellen Übergriffen auf Frauen durch Migranten und fragte: "Wie können wir unsere jungen Mädchen im Alter ab 12 Jahren so aufklären, dass sie sich nicht auf ein oberflächliches sexuelles Abenteuer mit sicher oft attraktiven muslimischen Männern einlassen?"

Nach heftiger öffentlicher Kritik hat sich Mannke inzwischen entschuldigt: Er habe nicht die Absicht gehabt, "Menschen anderer Religionen, Nationen und Kulturen zu diffamieren, Ängste zu schüren, nationalistische Klischees zu bedienen oder zu pauschalisieren", schrieb er. Seine Wortwahl sei in einigen Passagen "missverständlich" und "unglücklich" gewesen.

Unglücklich kann man das schon nennen, wenn ausgerechnet der Vorsitzende eines Philologenverbands, der in der aufgeheizten Debatte über Flüchtlinge eigentlich eher im humanistischen, nicht im hetzerischen Sinne aufklären sollte, die gleichen Ressentiments bedient wie einige der zurzeit schlimmsten Demagogen im Lande, zum Beispiel AfD-Mann Björn Höcke, der gerne von "Angstträumen" schwadroniert, die besonders für "blonde Frauen" größer würden und in denen sie unsittlich angesprochen werden könnten, "wie es bei uns im Abendland normalerweise nicht üblich ist".

Er geht also um in Deutschland, der Butzemann, der Buhmann, der mit diffusen Ängsten besetzte Fremde. Zu Tausenden kommt er zurzeit aus aller unchristlicher Herren Länder zu uns und hat es vermeintlich zuallererst darauf abgesehen, unsere Frauen und Kinder zu schänden, zu morden und zu brandschatzen, unsere Kultur zu usurpieren und unsere Reichtümer zu rauben. Das klingt mittelalterlich? Kein Wunder, denn die Angstfigur des "schwarzen Mannes", die hier heraufbeschworen wird, stammt aus dieser dunklen Zeit. Als die Pest in Europa grassierte, waren es wohl die vermummten Ärzte, die von Haus zu Haus gingen, um die Toten zu holen. Sie trugen Masken mit schnabelartigem Mundschutz, in denen sich Kräuter und Filter befanden und wurden von tapferen Helfern zu Schreckensgestalten umgedeutet. Nicht von ungefähr: Wo sie auftauchten, war längst die Seuche eingefallen.

Anerzogene Ängste

Schon damals waren es vor allem die kulturellen Randgruppen und Minderheiten, die für den Ausbruch des "Schwarzen Tods" zur Verantwortung gezogen wurden. Während Klerus und Staat immer mehr die Kontrolle verloren, kam es um 1350 vor allem in Frankreich und Deutschland zu verheerenden Pogromen, denen vor allem Juden zum Opfer fielen.

Der Krankheit und Verderben bringende "schwarze Mann" fand seinen Weg in Kinderbücher und elterliche Ermahnungen, wenn der Nachwuchs allzu abenteuerlustig und tollkühn in die weite Welt hinaus wollte: "Lass dich nicht mitschnacken" oder "Wenn du nicht gehorchst, kommt der schwarze Mann und holt dich", sind schwarzpädagogische Sprüche, die noch bis weit ins 20. Jahrhundert gängig waren und zum Teil noch gültig sind. In der NS-Zeit waren es Kinderbücher wie "Der Giftpilz", in denen Juden als groteske Karikaturen dargestellt wurden, die üble Gerüche verbreiteten. Das Buch ist voller Geschichten über betrügerische jüdische Händler und Anwälte oder Ärzte, die sich an deutschen Mädchen vergreifen.

Solche anerzogenen Ängste und Ekelzuschreibungen sind die Grundlage, auf der fremdenfeindliche, wenn nicht rassistische Ressentiments einen fruchtbaren Boden finden, den Populisten eifrig beackern. Die komplexe Gemengelage aus Unwissenheit und Hörensagen, aus Buhmann-Horror, Aberglaube und Vorurteilen führt zu durchaus realer Furcht, wie sie eine anonym bleibende Frau aus Leipzig in einem offenen Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel formuliert: "Lassen Sie nicht weiter zu, dass so erschreckend viele afrikanische und muslimische Männer hier herkommen dürfen, um Asyl zu beantragen. Wir Frauen haben Angst! Die meisten jedenfalls."

Der "schwarze Mann", er kommt nicht zuletzt qua Hautfarbe aus Afrika und dem Orient, seine Geschichte als Buhmann ist lang und schreckensreich, vor allem in den USA, wo der zunächst zwecks Versklavung eingeschleppten afroamerikanischen Minderheit stets auch eine sexuelle Omnipotenz zugeschrieben wurde. Im Rassismus-Diskurs wie auch in Porno und Pop-Kultur existiert der zornige, fremde Schwarze mit dem Mega-Gemächt und der unersättlichen Rache- und Sexlust bis heute.

Zweifel an der eigenen Potenz

In der aktuellen Migranten-Diskussion werden solche Karikaturen auf den jungen, starken und virilen Muslim umgemünzt. Zur psychosexuellen Angst-Projektion, der Fremde könne sich über das deutsche Weib hermachen und somit das hiesige Erbgut mit seiner aggressiven Saat förmlich penetrieren, gesellt sich das kulturelle Ressentiment: Der Muslim an sich achte die Frau ja nicht im gleichen Maße wie der vermeintlich christlich-zivilisierte Deutsche, seine Religion wird ohnehin als barbarisch wahrgenommen. Hinter der arroganten Überlegenheitsgeste sitzt jedoch ein tiefsitzender Zweifel an der eigenen Potenz und kulturellen Identität.

Dass der junge männliche Muslim, der die beschwerliche Flüchtlingsroute nach Deutschland auf sich nimmt, im Grunde auch nur seine zunächst zurückgelassene Familie beschützen will - und zwar vor dem Fremden und der Gewalt in seinem eigenen Land, in Syrien manifestiert durch den "Islamischen Staat" und seinen Glaubensterror, ist eine ironische Volte, die den aktuellen Buhmann-Rufen eine fast schon tragische Note verleiht.

Denn je weniger der Migrant das Gefühl hat, in Deutschland auf eine Gesellschaft zu treffen, die bereit ist, ihn zu integrieren, je vehementer ihm also das verweigert wird, was in der Soziologie Inklusion genannt wird, desto eher bleibt er eine an den Rand gedrängte Minderheit. So schafft sich eine aus Selbstzweifel zur Xenophobie tendierende Gesellschaft ihre Parallelgesellschaften selbst, die sie dann wieder zur Befeuerung ihrer Ängste instrumentalisieren kann. Ein Teufelskreis.

Dabei ist gerade Deutschland eigentlich eine historisch eher inkludierende Gesellschaft, geprägt von Völkerwanderungen, Eroberungen, polyphoner Kleinstaaterei und nicht zuletzt auch regem internationalem Handel, von der Hanse bis zur modernen Industrienation, die sich gerne Exportweltmeister nennt und für merkantile Kommunikation mit fremden Kulturen also denkbar offen ist. Dialog, Aufklärung und daraus resultierendes gegenseitiges Verständnis, so banal es klingt, bleiben die wirksamsten Mittel gegen Fremdenfeindlichkeit. Gerade die Deutschen, deren Kulturraum im Lauf der Jahrhunderte immer wieder zersplittert und mit Eroberern ebenso wie mit Flüchtlingen, Vertriebenen und Gastarbeitern angereichert wurde, haben also die besten Voraussetzungen, auch diese neue Bevölkerungsgruppe zu integrieren. Allerdings gilt das vor allem für Westdeutschland.

Der Ostdeutsche, zuweilen berechtigt, sieht sich als Verlierer

Denn dass die größten Ängste vor Überfremdung im Osten Deutschlands virulent sind, hat nach wissenschaftlichen Erkenntnissen ebenfalls sozio-historische Ursachen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs galten vor allem die siegreichen Sowjetsoldaten als übergriffige Buhmänner, die in den Ostgebieten marodierten und vergewaltigten, entvölkerten und demontierten. Dieses Trauma wirkt wahrscheinlich besonders tief nach. Der Schulterschluss mit dem russischen Besatzer war also unpopulär, aber auch gegen den kapitalistischen Westen musste sich das DDR-Regime abgrenzen.

Das Ergebnis war die Abschottung der Bevölkerung: Reisen, internationale Kommunikation und kultureller Austausch wurden unterbunden, gleichzeitig implementierte die SED, der Volkssehnsucht nach Identität und Heimat folgend, einen DDR-Patriotismus, der sich vor allem auch gegen Ausländer richtete. Sie galten alsbald als Konkurrenten, wenn es um Konsum und Sozialleistungen ging.

Gepaart mit dem Misstrauen gegen Staat und Obrigkeit entstand so ein besonderes Ungerechtigkeitsbewusstsein, ein Gefühl der Benachteiligung, das sich im Güter- und Leistungs-Verteilungskampf nach der Wende noch verstärkte: Auch hier sieht sich der Ostdeutsche, zuweilen berechtigt, als Verlierer. So erklärt sich vielleicht die Heftigkeit, mit der aktuell das Zerrbild des parasitären Wirtschaftsflüchtlings entworfen wird, der den Deutschen Jobs, Arbeitslosengeld und Rente streitig machen will. Der fremde "schwarze Mann", er will also nicht nur an die Frauen ran, sondern auch noch ans Geld!

Dieses Gefühl der Impotenz äußert sich auf Pegida-Märschen und AfD-Kundgebungen auch im Hass auf die Merkel-Regierung und ihre vermeintlich gleichgeschaltete "Lügenpresse", getarnt als Bürgerprotest. "Ich habe mir vor 1989 nicht den Mund verbieten lassen und tue das jetzt auch nicht", verteidigte denn auch Jürgen Mannke zunächst in einer ersten Reaktion seinen fremdenfeindlichen Artikel, in dem er den aggressiven muslimischen Sexprotz beschwor.

Der Fremde, schrieb der Soziologe Georg Simmel in einem berühmten Aufsatz von 1908, ist nicht der "Wandernde, der heute kommt und morgen geht, sondern der Gast, der heute kommt und morgen bleibt." Nur wenn der Fremde uns nahe kommt, so wie jetzt, kann sich die Entfernung im Miteinander auflösen.

Zum Autor
Jeannette Corbeau
Andreas Borcholte ist Autor mit Sitz im Hauptstadtbüro von SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Andreas_Borcholte@spiegel.de

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insgesamt 121 Beiträge
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Seite 1
Wofgang 12.11.2015
1.
Unglaublich gut auf den Punkt gebracht! Danke!
josefinebutzenmacher 12.11.2015
2. Danke!
Habe selten so ein gutes Essay gelesen. Sollte für alle AfDler, Pegiden und sonstige ängstlichen Kauze Pflichtlektüre werden.
Katzazi 12.11.2015
3. Danke
Gut das dies einmal so klar ausgesprochen wird. Wobei für mich tatsächlich die Erklärungen zur speziellen Sozialisierung in Ostdeutschland neu waren. Erschreckend, wie lange sowas anhält. - Vielleicht wäre es einmal hilfreich, wenn "die Medien" anfangen würden von den "Ängsten" zu sprechen und nicht von den "berechtigten Ängsten". Vielleicht gibt es ja noch berechtigte Sorgen, aber bis auf vielleicht wenige Spezialfälle, scheinen die Ängste unberechtigt zu sein. Derzeit gibt es weder vergewaltigende Meuten, noch sind gravierende Einschnitte für die Bevölkerung geplant oder werden diskutiert.
petra.blick 12.11.2015
4. Absolut richtig.
Ich bin der Buhmann und fühl mich fremd.... oder hab ich da jetzt was falsch verstanden ? Was ist wirklich wirklich ? Einfach mal vor die Tür treten und mit jedem sprechen... dann kommt man sich schon ein wenig näher... und merkt wie "weit" man doch verschieden ist.
G111 12.11.2015
5. Traurig und doch wahr
Meine erste Begegnung mit "original" Ostdeutschen hatte ich im Oktober 1990 auf der Insel Rügen. Ein nettes Lehrerehepaar, dass auf Rügen Gästezimmer vermietete, sagte mir damals, "unser Problem (das von Gesamtdeutschland) seien die Ausländer". Sie selbst kannten keine, aber sie hatten das gelesen. Und ich? Ich hatte keins, ich wohnte damals in Wiesbaden, umgeben von türkischen und kurdischen Einzelhändlern und einem Ausländeranteil in meinem Viertel von rund 50%. Angst vor dem Ausländer habe ich nicht, weil er mir auch nicht fremd ist.
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