Chinesischer Schriftsteller Friedenspreis für Dissidenten Liao Yiwu

"Sprachmächtig und unerschrocken gegen Unterdrückung": Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2012 geht an den chinesischen Schriftsteller Liao Yiwu. Der Regimekritiker hat sich vor einem Jahr in die Bundesrepublik abgesetzt. Die Auszeichnung ist der wichtigste deutsche Kulturpreis.

dapd

Hamburg/Berlin - Der chinesische Schriftsteller Liao Yiwu erhält den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2012. Dies teilte der Börsenverein des Deutschen Buchhandels in Frankfurt mit. Liao Yiwu hatte sich nach Repressionen im vergangenen Jahr aus China nach Deutschland abgesetzt. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE sagte er damals: "Ich lebte wie ein Hund."

In der Begründung des Stiftungsrats heißt es zur Verleihung, Liao sei ein Schriftsteller, der sprachmächtig und unerschrocken gegen die politische Unterdrückung aufbegehre und den Entrechteten seines Landes eine weithin hörbare Stimme verleihe. Liao Yiwu setze in seinen Büchern und Gedichten den Menschen am Rand der chinesischen Gesellschaft ein aufrüttelndes literarisches Denkmal. Der Autor, der am eigenen Leib erfahren habe, was Gefängnis, Folter und Repression bedeuteten, lege als unbeirrbarer Chronist und Beobachter Zeugnis ab für die Verstoßenen des modernen China.

Liao Yiwu, geboren 1958, verfasste 1989 buchstäblich am Vorabend des Blutbads am Platz des Himmlischen Friedens das Gedicht "Massaker", das in Windeseile Verbreitung fand, auch über die Grenzen Chinas hinaus. Hierfür wurde er vier Jahre inhaftiert und schwer misshandelt.

Der Autor wurde 2009 in Deutschland mit dem Buch "Fräulein Hallo und der Bauernkaiser - Chinas Gesellschaft von unten" bekannt. Darin interviewte der chinesische Schriftsteller und Oppositionelle unter anderem eine Prostituierte, einen buddhistischen Mönch und einen Klomann. Das Buch ist in China verboten.

Nach Taiwan geschmuggelt

Entstanden war es, als Liao Yiwu seinen Lebensunterhalt als Straßenmusiker verdiente. Die Begegnungen mit den Menschen, die er auf der Straße und zuvor im Gefängnis kennengelernt hatte, versammelt er 1998 in Form von 60 Interviews, die in bereinigter Form 2001 bei einem chinesischen Verlag unter dem Titel "Interviews with People from the Bottom Rung of Society" erscheinen. Das Buch wird von den Kritikern hoch gelobt, bis die Behörden den Verkauf untersagen. 2002 gelang es, das Buch nach Taiwan zu schmuggeln, wo es ungekürzt in drei Bänden veröffentlicht wurde.

2007 wurde Liao Yiwu vom unabhängigen chinesischen PEN-Zentrum mit dem Preis "Freiheit zum Schreiben" ausgezeichnet, dessen Verleihung in letzter Minute verhindert wurde. Obwohl Liao Yiwu nach mehreren vergeblichen Reiseanträgen in den Besitz eines Reisepasses kam, wurde ihm 2009 die Teilnahme an der Frankfurter Buchmesse, auf der China Ehrengast war, verweigert. Auch die Reise zum Kölner Literaturfest lit.cologne Anfang 2010 wurde nicht zugelassen. Ein öffentlicher Appell an Bundeskanzlerin Merkel führte dazu, dass er im September erstmals aus China ausreisen durfte. Nachdem ihm jedoch Anfang 2011 mehrmals eine Ausreise verweigert wurde, setzte er sich über Vietnam nach Deutschland ab. Ende Juli 2011 erschien bei S. Fischer Liaos Buch "Für ein Lied und hundert Lieder. Ein Zeugenbericht aus chinesischen Gefängnissen".

Mehrfach beschlagnahmt

Um das Leben von Liao Yiwu nicht in Gefahr zu bringen, hatte sein deutscher Verlag die Veröffentlichung des Buches lange zurückgehalten. Es ist die Übersetzung der dritten Version seiner Erinnerungen an die Gefängniszeit. Immer wieder hatte Liao von vorn beginnen müssen, weil die von ihm verfassten Manuskripte zwei Mal bei Hausdurchsuchungen beschlagnahmt wurden. Für das Buch wurde er im November 2011 mit dem Geschwister-Scholl-Preis ausgezeichnet.

2012 erhält Liao Yiwu ein Stipendium des Berliner Künstlerprogramms des DAAD. Im Oktober soll sein neues Buch "Die Kugel und das Opium - Leben und Tod am Platz des Himmlischen Friedens" erscheinen. Dafür führte Liao über Jahre hinweg heimlich Interviews mit Augenzeugen und Angehörigen der Opfer des Massakers am 4. Juni 1989.

Jörg Bong, Geschäftsführer von Liaos deutschem Verlag S. Fischer, sagte zur Verleihung des Friedenspreises, der Schriftsteller sei "ein Dichter, dessen Werke getragen werden von dem unbedingten Willen, Zeugnis abzulegen, und von seinem ungeheuren Vertrauen auf die Rechte des Individuums und die Möglichkeit des respektvollen und friedlichen Zusammenhalts der Menschen."

Die Verleihung des Friedenspreises findet während der Frankfurter Buchmesse am Sonntag, 14. Oktober 2012, in der Paulskirche statt und wird live in der ARD übertragen. Der Friedenspreis wird seit 1950 vergeben und ist mit 25.000 Euro dotiert.

sha

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insgesamt 14 Beiträge
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hbblum 21.06.2012
1. Schon wieder....
... ein Chinesischer Bürgerrechtler! Wenn das so weitergeht verkaufen uns die Chinesen kein giftiges Plastikspielzeug mehr.....
citropeel 21.06.2012
2. und bald...
tönt und kreischt und zetert es wieder aus Peking über die unverfrorene Beleidigung des chinesischen Volkes.
janne2109 21.06.2012
3.
nu is aber gut mit der Anbiederung an China, bekommt Europa, besonders Deutschland auch einen Preis?? Für die Rettung der angeschlagenen EU??
Norbert1981 21.06.2012
4. ...
Rein meine persönliche Meinung: Die letzten Jahrzehnte gab es nie Berichte über China (außer über den umfallenden Sack Reis), wenn ich nicht falsch daran erinnert habe. Nun seit China für den Westen ernsthafte wirtschaftliche Konkurrenz darstellt, such man sich irgendwelche Leute raus und schreibt sie zu sog. "Bürgerrechtlern" hoch. War die Menschrenchtslage in China von damals besser als heute? Wo waren die kritischen Berichte über Chinas Menschenrechtslage von damals?
mickt 21.06.2012
5. Schöne Gerechtigkeit
Ja, da freue ich mich aber für Liao Yiwu und die Gerechtigkeit. Schön zu sehen, dass sein Engagement, sein Mut und seine Ehrlichkeit belohnt werden! Weiter so!
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