Flüchtlingsmuseum Wer von Friedland spricht, darf vom Krieg nicht schweigen

Heimkehrer, Aussiedler, Flüchtlinge: Das Durchgangslager Friedland steht für 70 Jahre Migration in Deutschland. Ein neues Museum stellt nun althergebrachte Deutungen von Flucht und Vertreibung infrage.

Von Jörg Schöning

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Das Telegramm ist denkbar knapp gehalten: "Ankomme Sonntag 8.24 = Paul". Aufgegeben wurde es in Friedland 1949, am 27. August um 19:17 Uhr.

Der Absender, Paul S., ist zu diesem Zeitpunkt 24 Jahre alt. Seine Eltern, die Empfänger seiner Nachricht, leben in der Nähe Hamburgs. Seit fünf Jahren haben sie zu ihrem Sohn keinen Kontakt. 1944 wurde er zur Wehrmacht eingezogen, wenig später Kriegsgefangener der Roten Armee.

Der Kriegsheimkehrer mit dem Flüchtlings-Meldeschein Nr. S25268 wird anderthalb Tage in Friedland verbringen. Dann wird er mit dem Attest, "dass der Inhaber ungezieferfrei ist und dass er keinerlei ansteckende oder übertragbare Krankheit hat", nach Hamburg entlassen. Dort erwartet ihn eine Heimkehrerhilfe von 300 Mark. Als im Oktober 1967 oberhalb Friedlands eine Gedenkstätte eingeweiht wird, fährt Paul S. noch einmal dorthin. Auf Schildern an den Stelen aus Beton entdeckt er auch den Namen seines Lagers am Ural: Asbest II.

Erinnerungen wie diese kursieren in vielen Familien. Mehr als vier Millionen Menschen haben das Grenzdurchgangslager Friedland seit 1945 passiert: Kriegsheimkehrer, Aussiedler und Flüchtlinge. Zunächst waren es ausschließlich "deutsche Volkszugehörige", respektive solche, die dazu erklärt worden waren. Später trafen hier auch Asylsuchende ein: politisch Verfolgte aus Chile, "Boat People" aus Vietnam. 2009 kamen irakische, seit 2013 vor allem syrische Flüchtlinge.

Für sie alle war oder ist das Lager Friedland der Anfang eines neuen Lebens. Schon deshalb sind ihre Erinnerungen an diesen Ort hochgradig emotional. Wie aber stellt man Gefühle aus? Wie bringt man persönliches Erleben und kollektives Gedächtnis überein?

Eine Kinderpuppe, eine Brille, eine Tasse

Joachim Baur, wissenschaftlicher Leiter des vom Niedersächsischen Innenministerium berufenen Ausstellungsteams, setzt auf subjektive Momente. Administratives Handeln wird hier deshalb zu den Schicksalen Einzelner in Beziehung gesetzt. Demnächst sollen auch Asylbewerber aus dem benachbarten Lager durch das im alten Bahnhof Friedland eingerichtete Museum führen. Womöglich können sie wirklich am besten den historischen "Herzschlag", wie eine syrische Mitarbeiterin des Projekts es nennt, nachempfinden und wiedergeben.

Nun darf, wer von Friedland spricht, vom Zweiten Weltkrieg nicht schweigen. Und auch nicht von den Verbrechen, die die Deutschen damals begingen. Die aktuelle historische Forschung begreift Friedland inzwischen als Konsequenz der "ethnischen und technokratischen Umsiedlungsphantasien in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, insbesondere und vor allem der nationalsozialistischen Rassen- und Eroberungspolitik", wie der Göttinger Historiker Sascha Schießl in seinem jüngst erschienenen Buch "Das Tor zur Freiheit" schreibt.

Die Ausstellung reagiert darauf schon im ersten Raum, wo als "Intro" das Inferno des Krieges in einer Bild- und Toninszenierung verdichtet auf die Besucher einwirkt. So wird verhindert, dass die einstmals dominante deutsche Selbstwahrnehmung als die "Leidtragenden" des Krieges ungebrochen bleibt. Apologien einer deutschen "Opfergemeinschaft", die sich in Friedland verorten möchten, beugt die Ausstellung von vornherein vor.

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Flüchtlingsmuseum: Die Geschichte des Durchgangslagers Friedland
Das Chaos im Frieden, als innerhalb von drei Monaten mehr als eine halbe Million Flüchtende das an der Schnittstelle von britischer, amerikanischer und sowjetischer Besatzungszone gegründete Durchgangslager passieren, gibt eine zwei Wände füllende Fotosammlung wieder. Dass sich in den Flüchtlingsströmen individuelle Schicksale verbergen, kommt in Mitbringseln plastisch zum Ausdruck: einer Kinderpuppe, einer Brille oder einer Tasse, deren Herkunft die Besitzer via Audio-Guide erläutern.

Exponate wie diese, aber auch Briefe und Tagebücher verhindern, dass die Einzelnen in der straff ordnenden Bürokratie untergehen. Meldescheine, Kennkarten und Ausweise stehen für die Leistungsfähigkeit einer Verwaltung, die auf Erfahrungen aus den Vernichtungslagern des Ostens zurückgreifen konnte - was bis heute niemals wirklich thematisiert worden ist. So wie Schießl zufolge "die Prozeduren zur Aufnahme von 'Deutschen' in den ersten Nachkriegsjahrzehnten auf Entscheidungen und Definitionen der nationalsozialistischen Rassenpolitik und Besatzungsherrschaft zurückgriffen", stand auch die Lagerverwaltung in dieser Kontinuität. Der Lagerleiter der Jahre 1952-60 war zuvor SA-Sturmführer, NSDAP-Mitglied und Wehrmachtsoffizier gewesen.

Ein bisschen wie bei Kafka

Karteikästen, die einen Raum bis unter die Decke füllen, illustrieren die Effizienz der Nachkriegsbürokratie. Mit ihrem Anklang an ein Szenenbild des Orson-Welles-Films "Der Prozess" wirkt das Ganze aber auch ein bisschen wie bei Kafka.

Wie sehr Friedland seinerseits seinen Ruhm einer planvollen Inszenierung verdankt, beleuchtet das Kapitel "Friedland als Bühne". Als nach Stalins Tod die Sowjetunion Mitte der Fünfzigerjahre die Rückführung der letzten Kriegsgefangenen beschloss, wurde hierzulande die "Heimkehr der Zehntausend", unter denen sich erwiesenermaßen auch Kriegsverbrecher befanden, zum "Triumphzug", den die Bundesregierung politisch entsprechend instrumentalisierte.

Wochenschauen und Presseberichte über die "Opfer kommunistischen Unrechts", mehr aber noch Devotionalien und Nippes künden davon - Friedlandglocke, Friedlandlied, Friedlandteller samt Ansichtspostkarten und Kofferaufkleber stehen für das Merchandising einer nationalen Ikone, zu der Friedland nun wurde.

Viel Raum widmet die Ausstellung politischen Flüchtlingen, die ab Mitte der Siebzigerjahre in Friedland ankamen. Sie setzten eine Debatte in Gang, die bis heute andauert. Ist die Bundesrepublik ein Einwanderungsland? "Unsere Aufnahmefähigkeit hat ihre Grenzen", lautet die damals gängige CDU-Position in einer lautstark geführten Diskussion.

Relativierung der Hysterie

Aktuelle Flüchtlingszahlen liegen hinter früheren weit zurück. Joachim Baur hofft denn auch, dass die Ausstellung zu einer Relativierung momentaner Hysterisierungen beiträgt. Ein Fazit kann es nicht geben. Stattdessen ist die Ausstellung darauf angelegt, fortgeschrieben zu werden.

Das ist auch unumgänglich. Kurz nach Weihnachten 2015 konnte man beobachten, wie ein Mann über die kahlen Felder nördlich von Friedland irrte. Er war großgewachsen, dunkelhäutig, und an den nackten Beinen trug er schwere Stiefel. Den Oberkörper hatte er in eine Bettdecke gehüllt. Der Mann, in dem man aus der Ferne einen traumatisierten Kriegsflüchtling aus Syrien vermuten konnte, lief sehr schnell. Rätselhaft blieb, wohin er lief. Eines aber ist sicher: nicht ins nächste Telegrafenamt, um seine Rückkehr anzukündigen.

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