"The Wyld" im Friedrichstadtpalast Wenn Girls gaga glitzern

"The Wyld" im Berliner Friedrichstadtpalast ist eine Show der Superlative - die allerdings völlig sinnfrei ist. Regie führte der Modeschöpfer Manfred Thierry Mugler.

Robert Grischek

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Ein BMX-Fahrer ist verliebt in ein schüchternes Mädchen, das hoch oben im Berliner Fernsehturm lebt - und sich mehr zu Außerirdischen hingezogen fühlt als zu Menschen. Doch dann gelingt es einer berühmten Berlinerin, zwischen den beiden zu vermitteln: Nofretete. Sie entpuppt sich als uralte Königin der Außerirdischen, die in Berlin landen. Die enorme Energie der Stadt hat sie aus dem All angezogen.

Das klingt verrückt, aber so oder so ähnlich fasste der Berliner Friedrichstadtpalast seine Show in Vorberichten zusammen. Noch verrückter ist nur, dass man in der Show selbst davon so gut wie nichts versteht. Es gibt keine Dialoge, es gibt keine Handlung, und nichts ergibt einen Sinn.

Nun gut, wird der Berliner Taxifahrer sagen, das ist an der Volksbühne doch auch nicht anders, und am Friedrichpalast sehen die Künstler besser aus.

Nicht nur die Künstler, auch das Programmheft. Es glänzt und glitzert, und das Papier fühlt sich an wie Plastik, was natürlich ganz gut passt zum ästhetischen Konzept der Show und zum Vermarktungskonzept sowieso. Alles ist etwas dick aufgetragen. Die 10,6 Millionen Euro Produktionskosten, die höchsten in der Geschichte des Hauses, sollen auch wieder eingespielt werden. Zwei Jahre lang sollen die Massen dafür in die Show pilgern.

Als die jungen Menschen noch zukunftsverliebt waren

Es ist einfach, sich über diese Show lustig zu machen. Und es ist unsympathisch, weil es snobistisch ist und blasiert, hochnäsig und dünkelhaft. Andererseits: Nun waren wir einmal da, legen wir los.

"The Wyld" heiß die Show, Wyld mit Y wie Why. Und genau das schwebt zweieinhalb Stunden lang über der Show: ein großes Warum. Ein Fragezeichen.

Regie führt Thierry Mugler, 65, der Maschinenbauer unter den Modedesignern, der die Baupläne für die Roboterkörper der Achtzigerjahre zeichnete: schmale Taillen und breite Schultern, gekleidet in viel Lack und viel Leder, dazu Details wie metallische BHs. Inzwischen nennt er sich Manfred Thierry Mugler.

Die Zukunft jedoch scheint er sich immer noch so vorzustellen wie in den Achtzigern, als viel mehr junge Menschen als heute zukunftsverliebt waren, fortschrittsoptimistisch und technologiegläubig, als viel mehr junge Menschen davon träumten, dass in Zukunft alles schneller, greller, größer wird. Nicht nachhaltiger und näher an der Natur.

Ein junger Mann rollt mit einem BMX-Rad auf die Bühne, hüpft auf dem Hinterreifen herum, hüpft auf dem Vorderreifen herum, balanciert ein wenig über Lenker und Sattel, so wie viele Jungs es vor ihm getan haben, an den Kleinstadt-Buswenden dieser Republik, damals. Irritierend ist nur, dass er sich keine Baseballcap verkehrt herum auf den Kopf gesetzt hat.

Aber bleiben wir fair: An den Kleinstadt-Buswenden gab es keine Mädels in Hotpants, die um die BMX-Jungs herumtanzten. Das macht schon was her. Boxenluder für Fahrradfahrer. Und eine nachhaltige Idee ist es auch, irgendwie. So wie auch die Licht- und Lasershow was hermacht, wirklich.

Der Friedrichstadtpalast behauptet, das Berlin-Gefühl des 21. Jahrhunderts zu spiegeln, aber er wärmt nur den Futurismus der Achtziger auf. Das ist nicht modern und schon gar nicht futuristisch. Es ist nostalgisch. "The Wyld" ist eine Retro-Show.

Allein der Name. Denken wir uns das Y mal weg, das natürlich auch für die klassische Mugler-Silhouette steht, dann bleibt als Name für diese Berliner Show: "The Wild", die Wildnis, der Großstadtdschungel. Das ist abgeschmackt - erst recht, wenn dann durch diesen Großstadtdschungel ein Paradiesvogel stolziert: ein Mann mit Federschmuck am Helm. So hat man sich in Kleinkleckersdorf mal die Metropole vorgestellt, damals, in den Achtzigern. So exotisch und crazy. Mit y.

Durch riesige Lavalampen schwimmen zwei Damen

Es gibt eine Showeinlage mit Pudeln, beschnitten wie Buchsbäume, die durch Reifen springen. Und es gibt eine Showeinlage mit Damen, die in Reifen steigen. Gut dressiert, pardon: trainiert sind auch sie. In knappe Dessous gekleidet, lassen sie sich mit dem Reifen unter die Decke ziehen und verrenken sich dort aufs Schönste. Ihnen folgt eine Dame mit weißer Pelzstola (hoffentlich kein Pudel), ein Sektglas in der Hand, und schaut irgendwie mondän drein, so zwanzigerjahremäßig. Zu ihr gesellen sich ein Punkmädchen, eine Türkin mit Wasserpfeife und ein tütenbepacktes Luxus-Girl mit bügelglattem blondem Haar. Der Song dazu: "Ich bin ein Berliner". Schon ein Schmelztiegel, so eine Metropole.

Man muss sich einen Abend im Friedrichstadtpalast vorstellen wie ein Konzert von Lady Gaga, bloß ohne Lady Gaga. Dafür mit Zuschauern, denen exakt das gefällt; sie klatschen am Ende rhythmisch. Ja, das muss man sich mal vorstellen.

Wobei es nicht so ist, dass es gar keinen Grund zum Klatschen gibt, das nun auch wieder nicht: Die Luftakrobatik-Show des Duos Markov ist großartig. Wirklich. Ganz ironiefrei. Diese fünf Minuten sind sensationell. Und es sind nicht mal die einzigen fünf Minuten. Es gibt ein bombastisches Bild, für das eine doppelstöckige Dreh- und Hebebühne aus dem Boden hochfährt - und den Raum schafft für zwei riesige Lavalampen. Durch diese Lampen wabert kein Gel, durch diese Lampen schwimmen zwei Damen in silbernen Schwimmanzügen. Es ist eine Idee mit Wow-Effekt. Wahnsinn, dass da noch kein Inneneinrichter drauf gekommen ist.

Der größte Teil der Show aber ist nicht außerirdisch, er ist unterirdisch. Dazu gehört die sogenannte Girlreihe, die legendär ist, und die den Berliner Boulevard mit Zahlen wie dieser begeistert: Die Gesamtbeinlänge der 32 Damen der Girlreihe, also die Summe der Längen aller 64 Beine, beträgt 67,2 Meter. Es ist ein Wert, so nüchtern und technizistisch wie aus dem Zahlen-Daten-Fakten-Blatt einer Fabrik. Und exakt so, als wäre sie die Maschine in einer Fabrik, bewegt sich die Girlreihe auch über die Bühne. Im Gleichschritt. Perfekt. Ohne sichtbare Anstrengung: kein Schwitzen, kein Erröten, kein Zittern.

Der menschliche Körper als Maschine - auch das war so eine Vision der Achtziger.


"The Wyld - Nicht von dieser Welt". Inszenierung von Manfred Thierry Mugler und Roland Welke im Berliner Friedrichstadtpalast.



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Freundschafter 23.10.2014
1. Nörgel, Nörgel, Nörgel!
Mann findet immer was, oder? Tolle Show, und zeigen Sie mir mal irgend etwas vergleichbares in Europa!
chuckal 23.10.2014
2. Bild 8
Die Dame auf Bild 8 scheint ja wohl dem Otto Dix Gemälde von Anita Berber nachempfunden. So ganz zufällig und Wischi waschi wie in der Rezension beschrieben, scheint das Konzept also nicht zu sein. Wenn die Rezensentin diese Hommage nicht erkannt hat, vielleicht ja auch andere nicht? Bleibt das Bernstein-Wort: Die schärfsten Kritiker der Elche, waren früher selber welche.
ein-berliner 23.10.2014
3. Show?
Hüpfdohlen sind schon lange OUT. Die DDR ebenso, der Friedrichstadtpalast hat es wohl noch nicht realisiert.
arnohorb 23.10.2014
4.
Auf Sinnsuche ausgerechnet im Friedrichstadtpalast? Haha.
bfrie 23.10.2014
5. Ohne jeder Berührung
Der Palast, hat im Grunde genommen alles. Erstklassige Tänzer, erstklassige Künstler, erstklassige Musiker, erstklassige Bühnentechniker, wahrscheinlich auch erstkassige Bühnenbildner und Kulissenbauer (die aus meiner Sicht zu Unrecht immer mehr in den Hintergrund treten müssen). Und eben auch ein erstklassiges, historisch gewachsenes Haus im Zentrum von Berlin. Allerdings ist die eigentliche (frühere) Stärke: mit seiner inszenierten, guten Story und der Berührung seiner Zuschauer völlig unter die Räder seiner Drehbühne geraten. Und das nicht erst seit Wyld. Die Wyld-Geschichte von Berlin ist aber so schlapp, dass da nicht einmal mehr der Berliner Finanzhaushalt das Wasser reichen kann und gleichzeitig so herzenskühl, technokratisch und seelenleer wie eine Investmentbank auf dem Höhepunkt ihrer kapitalistischen Raubzüge bei der der Mensch im Wesentlichen nur stört, daherkommt. Es gibt auch keinerlei roten Faden. Stattdessen wieder mal nur ein Aneinanderreihen von technischen Effekten (z.B. wird sich bei Wyld ernsthaft gertraut die neue Showtreppe für 1 min - ohne jeden Tänzer zum Star zu machen, was für ein technikverliebter, inhaltsloser Quatsch - ganz zu schweigen von der Puffelnummer mit Buddy-Bär) mit andauernden homossexuellen Anspielungen (wie in den Stücken davor). Wir haben die Message verstanden, dass ihr im Palasat weltoffen und geschlechterverschwimmend sexuell liberal und Vorreiter seit. Ihr müsst dies nun aber nicht andauernd Jedem, mit Zwitterwesen, mit nacktem (Männer-)Hintern in Lederriemen ins Gesicht und in jedem zweiten Bühnenbild subtil vor Augen halten. Wir habens wirklich gecheckt! Bitte besinnt euch wieder auf das erstklassige Geschichtenerzählen mit allen technischen und künstlerischen Raffinessen, die euch als Haus mit den vielen kreativen Köpfen zur Verfügung stehen. Disktutiert gemeinsam offen und ehrlich, wo die Reise hingehen soll. Und vor allem wie das gehen kann. Ein Show andauernd damit zu vermarkten, dass sie die teuerste aller Zeiten ist, wird nicht nicht für die Zukunft reichen. Vielleicht in Las Vegas. Aber nicht für eine wahre Nummer 1. Die schafft es mit etwas mehr Bescheidenheit (wieder) Herzen zu berühren.
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