"FTD"-Gründungschef: "Wir haben viele Leute reich gemacht"
Das Ende der "Financial Times Deutschland" ist beschlossen, doch ihr Gründungschefredakteur Andrew Gowers gibt sich selbstbewusst: Konkurrent "Handelsblatt" sei noch lang nicht so gut. Auch hätte er ein Überleben der "FTD" als Digitalausgabe nicht so schnell abgetan, wie es Gruner + Jahr tat.
SPIEGEL: Herr Gowers, nach über zwölf Jahren und 250 Millionen Euro Verlust wird die "FTD" am 7. Dezember eingestellt. Das muss Sie besonders schmerzen.
Gowers: Natürlich, aber ich wäre wohl ein schlechter Wirtschaftsjournalist, wenn ich nicht an die Kräfte des Marktes glauben würde. Gruner + Jahr hat viel ausprobiert, um die Zeitung profitabel zu machen, aber die Geduld eines Verlags kann nun mal nicht grenzenlos sein. Im Moment habe ich aber vor allem irren Respekt für die ganze Truppe, die bis zum bitteren Ende eine gute Zeitung produzieren will.
SPIEGEL: Woran scheiterte die "FTD"?
Gowers: Wir waren die letzte Neugründung einer Bezahlzeitung in einem westlich-industrialisierten Land. Das sagt doch schon alles. Zeitungen sind eine niedergehende Industrie, das ist heute sehr viel klarer als Anfang 2000. Bei der britischen "Financial Times" lesen heute über 50 Prozent der Abonnenten das Blatt digital. Das schaffen die wenigsten Zeitungen, die "FTD" leider auch nicht.
SPIEGEL: Die "FTD" war auch schon vor dem Siegeszug des Internets ein kommerzieller Problemfall. Haben Sie die Zahl der Leser überschätzt, die sich für Wirtschaft interessieren?
Gowers: Möglicherweise, ja. Vor allem aber haben wir den Werbemarkt überschätzt, der bis dahin jedes Jahr kräftig wuchs. Und es gab und gibt in Deutschland eine Menge Zeitungen, die sich um Wirtschaft kümmern, das "Handelsblatt", die "Börsen-Zeitung", die "FAZ" - ich kenne keinen großen Markt in Europa, in dem es mehr als ein führendes Wirtschaftsblatt gibt. Aber wir waren nun einmal überzeugt, dass wir etwas Besseres produzieren. Die "FTD" war auch ein missionarisches Projekt.
SPIEGEL: Und ein Kind der New Economy.
Gowers: Nein, der Neue Markt krachte gleich nach unserem Erscheinen zusammen. Aber wir waren ein Kind des Wandels. Die Deutschland AG kam an ihr Ende, Vodafone übernahm Mannesmann, die Macht der Aktionäre wuchs. Und die deutsche Wirtschaftspresse war ein verschnarchter, konservativer Haufen. Interviews wurden hier in dem Stil geführt: "Verehrter Herr Konzernchef, können Sie uns mal in eigenen Worten schildern, warum Sie so toll sind?"
SPIEGEL: Der Zeitgeist hat sich gewandelt, die Idee des Shareholder Value hat durch die Finanzkrise an Attraktivität verloren. Ist die "FTD" aus der Zeit gefallen?
Gowers: Nein, die Deutschland AG ist ja nicht wieder auf dem Vormarsch. Globale Geldströme sind eher noch wichtiger geworden, Konzerne müssen international um Investoren kämpfen, die Finanzkrise und die Euro-Frage machen gute Wirtschaftsberichterstattung und Kommentare wie die der "FTD" notwendiger denn je. Andere Zeitungen haben aber einfach dazugelernt, der Stil der "FTD" - direkter, respektloser, ironischer - ist deshalb nicht mehr so ausgefallen, wie er das damals war.
SPIEGEL: Hat das "Handelsblatt" die "FTD" in der Hinsicht überholt?
Gowers: Ich finde, die sind noch lange nicht so gut wie die "FTD". Irgendwann habe ich nicht mehr mitgezählt, wieviele Relaunches das "Handelsblatt" gemacht hat, seit es die "FTD" gibt, aber natürlich machen die inzwischen vieles richtig.
SPIEGEL: "Handelsblatt"-Chefredakteur Gabor Steingart kondolierte vergangene Woche sogar auf der Titelseite. Nehmen Sie dem Konkurrenten die Trauer ab?
Gowers: Warum nicht? Wobei es auch seinem Blatt wirtschaftlich nicht besonders gut geht.
SPIEGEL: Geld schien bei der "FTD" anfangs keine Rolle zu spielen, es wurde mit vollen Händen ausgegeben.
Gowers: Geld spielte eine riesige Rolle. Wir haben viele Leute ziemlich reich gemacht in der Branche - einige, die wir teuer abwarben, andere, die mit unserer Hilfe ihr Gehalt woanders hochpokerten. Aber im Ernst, natürlich gab es ein Budget, das wir einzuhalten hatten.
SPIEGEL: An den eigenen Prognosen schoss die "FTD" dennoch mit großer Lässigkeit regelmäßig vorbei. Hatten Sie nie Angst, dass die Eigner den Stecker ziehen?
Gowers: Doch, die Frage, wann wir Gewinn machen, kam schon in meiner Zeit häufiger und härter. Deswegen gab es ja auch mehr als eine Sparrunde.
SPIEGEL: Die Zeitung galt verlagsintern immer als arm, aber sexy. Hat das coole Image die "FTD" lange Zeit vor der Einstellung bewahrt?
Gowers: Für G+J waren wir natürlich ein Aushängeschild des Nachrichtenjournalismus, aber heute ist der ökonomische Faktor wichtiger geworden. G+J hat viele Baustellen und bekommt Druck von seinem eigenen Gesellschafter, Bertelsmann.
SPIEGEL: Auf der "FTD"-Homepage schreiben viele Leser, sie wären bereit, für eine Digitalausgabe zu zahlen. Hat der Verlag womöglich doch zu früh aufgegeben?
Gowers: Ich glaube schon, dass die digitalen Anstrengungen des Verlags doch zu zaghaft waren.
SPIEGEL: Was bleibt von der "FTD"?
Gowers: Ich will nicht übertreiben, aber ich glaube, wir haben die Kultur des deutschen Wirtschaftsjournalismus verändert. Wir waren Vorbild für vieles, was heute selbstverständlich ist. Trotz allem, was jetzt passiert, bin ich stolz darauf, wieviele wirklich exzellente Journalisten an Bord kamen und blieben. Und für alle, die an dem Experiment beteiligt waren, war es sicher eine der besten Zeiten ihres Lebens.
Das Interview führte Isabell Hülsen
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