Von Simon Broll
Hamburg - Die Empörung ist natürlich rosa, lachsrosa. Ob in Schleifenform auf dunklen Anzügen, auf Plakaten oder einem großen Demonstrationsbanner - überall vor dem Eingangsbereich von Gruner + Jahr erstrahlt die Erkennungsfarbe der "Financial Times Deutschland". Bisher sollte dieser Farbton das Markenzeichen für einen neuen Wirtschaftsjournalismus in Deutschland sein, der "international, wachstumsoptimistisch" geprägt war, wie die Zeitung selbst im Leitartikel der letzten Ausgabe an diesem Freitag verlauten ließ. Jetzt ist er Symbol des Protestes. Denn die Redakteure ziehen auf die Straße.
Wütend, sauer, enttäuscht - mit Trillerpfeifen und Plakaten verleihen die mehr als 300 Demonstranten ihren Gefühlen der vergangenen Tage Ausdruck. Der Groll richtet sich vor allem gegen das eigene Hamburger Verlagshaus, das vor zwei Wochen das Ende der Zeitung bekannt gegeben hatte.
Von einer "miserablen Kommunikation" spricht Maike Rademaker. Die Betriebsrätin bezieht sich dabei nicht nur auf den Umstand, dass die Angestellten aus "FAZ" und "Hamburger Abendblatt" vom Ende der "FTD" erfahren mussten. Auch jetzt wüssten viele Mitarbeiter nicht, wie es weitergehe. "Hier hat der Vorstand eine Zeitung zugemacht, ohne zu überlegen, wie so etwas geht", sagt Rademaker.
Noch seien viele Fragen offen, erklärt auch Georg Dahm. "Am Montag treten wir zwar alle geschlossen zur Arbeit an", sagt der ehemalige Redakteur des Agenda-Ressorts, "wo und wie wir eingesetzt werden, sagt uns aber keiner." Gruner + Jahr plane, die Angestellten bis zum Monatsende auf andere Redaktionen des Verlags zu verteilen, die Bedarf anmelden.
Kampfparolen und Tätärä
Seiner Unzufriedenheit verleiht Dahm während der Demo mit einem Gedicht Ausdruck. Unter dem weihnachtlichen Titel "Auf rosa Socken" erzählt er in Parabelform, wie seine Kollegen und er immer mehr leisten mussten, ohne für ihre Mühen belohnt zu werden. Auch Maike Rademaker erinnert an die Opfer der Belegschaft: unbezahlte Überstunden, Sonntagsschichten ohne Zuschlag, Einsatz von Freien und Pauschalisten zu Niedriglöhnen, ständig befristete Arbeitsverträge. "Dennoch ist es uns gelungen, eine hochwertige Zeitung auf die Beine zu stellen und mehr als 90 Preise zu gewinnen", ruft Rademaker in den Lautsprecher und erntet heftigen Beifall.
"Wir haben zwölf Jahre lang geliefert", heißt es auf einem Banner, das die Angestellten ausrollen, "jetzt ist Gruner + Jahr dran." Die Forderungen werden von Rademaker wie folgt zusammengefasst: Die Mitarbeiter sollen für die Arbeitssuche freigestellt werden. Der Vorstand soll transparent machen, wie die Entlassungen abgewickelt werden, etwa mithilfe eines Zeitplans. Außerdem erwarten die Angestellten großzügige Abfindungen. "Und was großzügig bedeutet, entscheidet nicht der Verlag allein." Notfalls würde man dafür kämpfen, betont die Betriebsrätin. "Es ist nicht vorbei", stimmt Rademaker die Kollegen auf die anstehenden Verhandlungen ein, "es fängt erst an."
Die Kampfparolen erfreuen Steffen Klusmann. Der jetzige Ex-Chefredakteur der "Financial Times Deutschland" skandiert mit seinen ehemaligen Kollegen "Jetzt ist Gruner dran". Doch schnelle Lösungen erwartet auch er nicht. "Solche Gespräche können sich über Monate hinziehen."
Klusmann lobt das hohe Engagement der Belegschaft. Vor allem die letzte "FTD" sei eine "Granatenausgabe" geworden, für die jeder Mitarbeiter noch einmal alles gegeben hätte. Die Zeitung war laut Nachrichtenagentur afp bereits nach wenigen Stunden vergriffen. 30.000 Exemplare sollen deshalb nachgedruckt werden. "Besser kann man nicht untergehen", sagt Klusmann.
Deshalb nutzen die Angestellten die Demonstration auch als Einstieg auf die abendliche Abschiedsfeier, eine Art fröhlicher Leichenschmaus. Stadionatmosphäre macht sich breit, man skandiert gemeinsam ein "Humta Tätärä".
Und wird doch immer wieder ernst. Etwa wenn es um die Internet-Seite der "FTD" geht. Die Online-Präsenz, derzeit eingefroren, soll am Wochenende abgestellt werden, erklärt ein Mitarbeiter. "Einfach ausradiert", meint der langjährige Redakteur. "Erst dann werden wir verstehen, dass es wirklich zu Ende ist."
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