Demo nach "FTD"-Aus Aufmarsch der Ausradierten

Wenn Wirtschaftsexperten gegen einen Großverlag kämpfen: Kaum war die letzte Ausgabe der "Financial Times Deutschland" erschienen, gingen deren Ex-Mitarbeiter auf die Straße. "Einfach ausradiert" habe sie Gruner + Jahr. Nun fordern sie eine klare Abwicklung - und "großzügige" Abfindungen.

"Wir haben zwölf Jahre lang geliefert": Mitarbeiter der eingestellen "FTD"
SPIEGEL ONLINE

"Wir haben zwölf Jahre lang geliefert": Mitarbeiter der eingestellen "FTD"

Von


Hamburg - Die Empörung ist natürlich rosa, lachsrosa. Ob in Schleifenform auf dunklen Anzügen, auf Plakaten oder einem großen Demonstrationsbanner - überall vor dem Eingangsbereich von Gruner + Jahr erstrahlt die Erkennungsfarbe der "Financial Times Deutschland". Bisher sollte dieser Farbton das Markenzeichen für einen neuen Wirtschaftsjournalismus in Deutschland sein, der "international, wachstumsoptimistisch" geprägt war, wie die Zeitung selbst im Leitartikel der letzten Ausgabe an diesem Freitag verlauten ließ. Jetzt ist er Symbol des Protestes. Denn die Redakteure ziehen auf die Straße.

Wütend, sauer, enttäuscht - mit Trillerpfeifen und Plakaten verleihen die mehr als 300 Demonstranten ihren Gefühlen der vergangenen Tage Ausdruck. Der Groll richtet sich vor allem gegen das eigene Hamburger Verlagshaus, das vor zwei Wochen das Ende der Zeitung bekannt gegeben hatte.

Von einer "miserablen Kommunikation" spricht Maike Rademaker. Die Betriebsrätin bezieht sich dabei nicht nur auf den Umstand, dass die Angestellten aus "FAZ" und "Hamburger Abendblatt" vom Ende der "FTD" erfahren mussten. Auch jetzt wüssten viele Mitarbeiter nicht, wie es weitergehe. "Hier hat der Vorstand eine Zeitung zugemacht, ohne zu überlegen, wie so etwas geht", sagt Rademaker.

Noch seien viele Fragen offen, erklärt auch Georg Dahm. "Am Montag treten wir zwar alle geschlossen zur Arbeit an", sagt der ehemalige Redakteur des Agenda-Ressorts, "wo und wie wir eingesetzt werden, sagt uns aber keiner." Gruner + Jahr plane, die Angestellten bis zum Monatsende auf andere Redaktionen des Verlags zu verteilen, die Bedarf anmelden.

Kampfparolen und Tätärä

Seiner Unzufriedenheit verleiht Dahm während der Demo mit einem Gedicht Ausdruck. Unter dem weihnachtlichen Titel "Auf rosa Socken" erzählt er in Parabelform, wie seine Kollegen und er immer mehr leisten mussten, ohne für ihre Mühen belohnt zu werden. Auch Maike Rademaker erinnert an die Opfer der Belegschaft: unbezahlte Überstunden, Sonntagsschichten ohne Zuschlag, Einsatz von Freien und Pauschalisten zu Niedriglöhnen, ständig befristete Arbeitsverträge. "Dennoch ist es uns gelungen, eine hochwertige Zeitung auf die Beine zu stellen und mehr als 90 Preise zu gewinnen", ruft Rademaker in den Lautsprecher und erntet heftigen Beifall.

"Wir haben zwölf Jahre lang geliefert", heißt es auf einem Banner, das die Angestellten ausrollen, "jetzt ist Gruner + Jahr dran." Die Forderungen werden von Rademaker wie folgt zusammengefasst: Die Mitarbeiter sollen für die Arbeitssuche freigestellt werden. Der Vorstand soll transparent machen, wie die Entlassungen abgewickelt werden, etwa mithilfe eines Zeitplans. Außerdem erwarten die Angestellten großzügige Abfindungen. "Und was großzügig bedeutet, entscheidet nicht der Verlag allein." Notfalls würde man dafür kämpfen, betont die Betriebsrätin. "Es ist nicht vorbei", stimmt Rademaker die Kollegen auf die anstehenden Verhandlungen ein, "es fängt erst an."

Die Kampfparolen erfreuen Steffen Klusmann. Der jetzige Ex-Chefredakteur der "Financial Times Deutschland" skandiert mit seinen ehemaligen Kollegen "Jetzt ist Gruner dran". Doch schnelle Lösungen erwartet auch er nicht. "Solche Gespräche können sich über Monate hinziehen."

Klusmann lobt das hohe Engagement der Belegschaft. Vor allem die letzte "FTD" sei eine "Granatenausgabe" geworden, für die jeder Mitarbeiter noch einmal alles gegeben hätte. Die Zeitung war laut Nachrichtenagentur afp bereits nach wenigen Stunden vergriffen. 30.000 Exemplare sollen deshalb nachgedruckt werden. "Besser kann man nicht untergehen", sagt Klusmann.

Deshalb nutzen die Angestellten die Demonstration auch als Einstieg auf die abendliche Abschiedsfeier, eine Art fröhlicher Leichenschmaus. Stadionatmosphäre macht sich breit, man skandiert gemeinsam ein "Humta Tätärä".

Und wird doch immer wieder ernst. Etwa wenn es um die Internet-Seite der "FTD" geht. Die Online-Präsenz, derzeit eingefroren, soll am Wochenende abgestellt werden, erklärt ein Mitarbeiter. "Einfach ausradiert", meint der langjährige Redakteur. "Erst dann werden wir verstehen, dass es wirklich zu Ende ist."



insgesamt 31 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
servicereference 07.12.2012
1. interessant...
interessant, wenn diejenigen, die jahrelang Massenentlassungen, Konkurse, Abwicklungen sowie Betriebsfusionen mit Mitarbeiterentlassungen begrüsst und (in Wort) unterstützt haben, plötzlich mit dem Ernst des Lebens und eben solchen Realitäten konfrontiert werden. Ob ihnen auffällt, dass sie für die falsche Seite geschrieben haben? Dass sie den Abbau von Mitarbeiterrechten und den kalten Kapitalismus mitgefördert haben? Bitte nicht falsch verstehen, ich betrachte das, was in den Printmedien geschieht als katastrophal für Deutschland und seine demokratische und freie Berichterstattung, zudem sind die Entlassungen menschliche Tragödien, ähnlich Schlecker und beim Handwerker nebenan. Aber für neoliberale Wirtschaftspolitik zu sein und sich über die eigene Entlassung zu ereifern passt überhaupt nicht zusammen.
akmsu74 07.12.2012
2. Musterschüler
Gruner und Jahr tun nur das, was in der Wirtschaft üblich und von der Wirtschaftspresse (INSBESONDERE von der "seligen" FTD!) gut geheißen und gefordert wird - sie schließen unprofitable Firmenzweige. Nicht mehr und nicht weniger! Jetzt erleben die gut bezahlten "Wirtschafts-Profis" mal selbst, wie es den Kollegen bei Schlecker, Nokia oder BenQ ging. Welcome to reality!
großwolke 07.12.2012
3.
Wenn ich das so lese frage ich mich nicht mehr, wieso es mit der Qualität des Journalismus so rasend bergab geht... wenn diese Pfeifen sich mal eine halbe Stunde Zeit genommen hätten, die relevanten Paragraphen im Arbeitsrecht zum Thema Kündigung bzw. Auslaufen von Zeitverträgen (eher wahrscheinlich nach Aussage des Artikels) nachzuschlagen, hätten sie nicht demonstrieren brauchen: für Vorstellungsgespräche muss man so oder so freigestellt werden wenn das Vertragsende dräut, und Arbeitssuche ist Privatsache, erfolgt also in der Freizeit. Und wo sie in ihrer Demonstriererei das Druckmittel sehen, ist mir auch nicht so ganz klar. Der Verlag braucht da jetzt nur eins zu tun: Gar nichts. Das Problem wird sich in kürzester Zeit von selbst lösen. -
thomas_b. 07.12.2012
4. Woran liegt's?
Wer, wenn nicht die Redaktion muss letztlich dafür sorgen, dass die Leser kommen und bleiben? Bedauerliches Ende, aber irgend etwas hat das Handelsblatt wohl besser gemacht.
der-denker 08.12.2012
5. Schadenfreude -
- ist fies. Aber dass Leute, die zu denen gehörten die den freien Markt preisen, die Hofschreiber des Kapitals, nun mal spüren wie es ist "ausradiert" zu werden, das hat schon was. Plötzlich ist da die persönliche Erfahrung - wow, das System kennt keinen Respekt! Eigentlich ist es verfassungswidrig so gegen die Menschenwürde zu verstoßen wie das ständig geschieht, aber die Lobbyisten und Schreiberlinge erzählen uns das sei alternativlos. Bis es sie selbst trifft.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.