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23. November 2011, 18:28 Uhr

Fünf Jahre Matussek

"Die Nacktszenen waren ein Problem"

Seit fünf Jahren ist Matthias Matussek mit seinem Video-Blog auf SPIEGEL ONLINE zu sehen - ursprünglich als reiner Nachrichten-Blog geplant, wurde im Laufe der Jahre muntere Videokunst daraus. Mal Volkshochschule, mal Anarcho-Kabarett. Zum Jubiläum gibt's Matussek XL in Wort und Bild.

Die Vorgabe war, einen nüchternen Vlog mit Kulturnachrichten unter dem SPIEGEL-Logo zu präsentieren, und das Wort Ich zu vermeiden. Deshalb hieß die Sache auch zunächst "Kulturtipp", als sie am 16. Oktober 2006 auf Sendung ging.

Doch schnell geriet die Netz-Veranstaltung außer Kontrolle, Matussek polemisierte und polarisierte und war radikal subjektiv, er sang, er rezitierte und schon in der zwölften Folge zog er sich aus. Der "Kress-Report" fand sich teilweise an den "Harald Schmidt der frühen Jahre" erinnert, die "FAS" sah "genialen Wahnsinn" am Werk.

Früh verließ Matussek den Schreibtisch und zog mit Online-Producer und Kameramann Jens Radü hinaus in die Welt, etwa in den Zoo Hagenbeck, um ein Tapir-Baby zum Gegen-Knut aufzubauen, oder nach Weimar, um mit Goethe als Kanzlerkandidaten in den Wahlkampf zu ziehen.

Im Laufe der Zeit entstanden eigene Mythologien, rätselhafte Mitspieler wie "Das Ding", das plötzlich während einer Wanderung auf dem Brocken aufgetaucht war und prompt wieder verschwand und dem Matussek über mehrere Folgen bis nach Tunis und nach Haifa hinterherjagte.

Auch Goethe wurde ein treuer Mitspieler – die Handpuppe dazu wurde über den SPIEGEL-ONLINE-Fanshop vertrieben, neben wichtigen Goethe-Werken wie dem "West-östlichen Divan". Die Elite machte mit. Matussek ließ Henry Kissinger sein liebstes Goethe-Gedicht rezitieren, Hans-Magnus Enzensberger gab einen Informanten, Alexander Kluge lernte von Matussek das Bloggen – und diskutierte mit ihm zum "Klassizismus von Goethes Iphigenie". Mit Peter Stein und Klaus-Maria Brandauer sprach Matussek über den "Wallenstein" – und war mit seiner Kamera bei der Premiere dabei, ebenso wie bei einem Essen mit Martin Walser und bei der Schlacht am Buffett beim Filmpreis.

Peter Zadek war oft zu sehen, mit seiner Frau Elisabeth Plessen, und dann ein trauriges letztes Mal im Schauspielhaus Hamburg, als seine Freunde nach seinem Tode von ihm Abschied nahmen. Die Blog-Kamera war mit dabei auf einer Motorradfahrt durch Mumbai in jenes Café, das nur wenige Wochen später von Terroristen gestürmt wurde, sie war mit Matussek in Tunis, in Harvard, in Carmel mit Clint Eastwood.

Bisweilen verführte Matussek andere zu Videogastspielen: Zur Fußball-Europameisterschaft 2008 gab es Beiträge von Leander Haußmann, Wolfgang Becker und Hark Bohm sowie Thomas Brussig zu sehen.

Mittlerweile ist es einsam um den alten Blogger geworden. Viele andere, jüngere, haben inzwischen das Handtuch geworfen, Begleiter der frühen Jahre, mit denen er sich in Abständen in Selbsterfahrungsgruppen traf, wie Kai Diekmann ("BILD"), Alan Posener ("Welt") oder Harald Martenstein ("Zeit"). Matussek ist geblieben. SPIEGEL ONLINE sprach mit dem Alten mitten in den Vorbereitungen zu einem neuen Blog.

SPIEGEL ONLINE: Eigentlich kommt das Jubiläumsblog ja einen Monat zu spät.

Matussek: Richtig, dafür ist er aber auch länger geworden. Es gab noch rechtliche Probleme zu lösen wegen der Nacktszene mit Angelina Jolie. Man sollte nie mit Superstars arbeiten. Oder mit Tieren. Geht meistens schief. Außer damals mit Poroto, dem Tapir-Baby bei Hagenbeck.

SPIEGEL ONLINE: Wir haben versucht, ihren Producer Jens Radü darüber zu befragen, aber er ist nicht ans Telefon gegangen.

Matussek (lacht bitter): Das tut er bei mir auch nie. Seit er den Goldenen Prometheus gewonnen hat, ist er für unsereins nicht mehr zu sprechen. Während ich mir die Knochen kaputtschufte... Plötzlich fährt er in diesem nagelneuen Nissan rum... Aber egal, was geht's mich an, was er mit unseren Werbegeldern macht.

SPIEGEL ONLINE: Für den "Methusalem des Vloggens" machen Sie noch einen recht rüstigen Eindruck.

Matussek: Ich merke es beim Mittags-Sprint in die Kantine, da sind die Jüngeren einfach schneller. Da meldet sich mein schlimmes Bein. Einige gehen schon drei Minuten VOR zwölf runter, aber das find ich nicht korrekt. Ich mach es auf meine Weise. Solang es eben geht.

SPIEGEL ONLINE: Wie ist es denn überhaupt mit dem Nachwuchs?

Matussek: Sie kriegen ja heutzutage keinen mehr für diesen Hungerlohn. Die Jungen wollen alle sofort schreiben, die Drecksarbeit will keiner machen. Wir arbeiten jetzt mit Jugendlichen aus einer Madrass aus Lahore. Die glühen noch. Ab und zu rufen sie "Allahu akbar", aber ich lass' sie, solange sie Überstunden machen. Und die hocken oft noch bis Mitternacht zusammen. Man muss sich natürlich an die Turbane und die Handgranaten gewöhnen, aber wir sind schließlich ein multikulturelles Unternehmen.

SPIEGEL ONLINE: Hat sich der Betrieb denn sonst erkenntlich gezeigt?

Matussek (lächelt gequält): Ach wissen Sie...Gut, sie haben jetzt kürzlich diese große Party gegeben, aber, na ja, egal...

SPIEGEL ONLINE: Was aber?

Matussek: Offen gesagt, ich fand es merkwürdig. Da hatten sie den Steinbrück als Gastredner engagiert, und der hat von Augstein gesprochen und von Willy Brandt und SPIEGEL hier, SPIEGEL da, aber mein Name ist kein einziges mal gefallen. Unter uns: Ich glaube, der wusste gar nicht, wozu er eingeladen war.

SPIEGEL ONLINE: Wie soll es denn nun weitergehen mit Matussek, dem Vlog?

Matussek: Wir wollen noch mehr auf Niveau setzen, gerade jetzt, wo die sogenannten Öffentlich-Rechtlichen so hirnlos auf Quotenjagd gehen. Ich kann mir vorstellen, zum Beispiel mit meinem Frisör darüber zu diskutieren, warum es dem Kapitalismus so schlecht geht. Oder dem HSV. Oder der Ferres. Oder warum nicht einfach mal den Adorno-Vortrag "Zum Klassizismus von Goethes Iphigenie" laufen lassen? Wir sind ein wenig flach geworden in letzter Zeit. Gegen meinen Willen übrigens.

SPIEGEL ONLINE: Und wer ist verantwortlich...?

Matussek: Fragen Sie Herrn Radü. Wenn Sie ihn erreichen. Viel Glück dabei (lacht höhnisch).

SPIEGEL ONLINE: Was machen Sie da eigentlich?

Matussek: Was? Ach das hier. Ich zähl' nach.

SPIEGEL ONLINE: Sie zählen Büroklammern?

Matussek: Nur die frischen Pakete. Einer muss es doch machen! Wissen Sie wie viel dem Betrieb verlorengeht durch Fehlbestände? Da steht zwar immer "1000" drauf, aber wenn Sie nachzählen... Und dann schickt man das halt wieder zurück. Dann kommt meistens ein gewundenes Entschuldigungsschreiben mit einem Gratispaket, und wir haben wieder gespart. Wenn es gutgeht. Manchmal mussten wir vor Gericht. Da haben wir im Beisein eines Sachverständigen vorgezählt. Sollen sie mich ruhig den alten Sturkopp nennen, am Ende haben wir immer recht bekommen. Noch Fragen? Ich muss jetzt wirklich weiterzählen...

SPIEGEL ONLINE: Ähm... eigentlich nicht. Herr Matussek, vielen Dank. Und viel Glück für die nächsten fünf Jahre.

Matussek: Ich will das Interview zur Autorisierung vorgelegt bekommen, ich hab schlechte Erfahrungen gemacht mit euch Brüdern.

SPIEGEL ONLINE: Selbstverständlich. Ehrensache. (Die Kollegen entfernen sich) Nee, wirklich. Wir melden uns dann. Nein lassen Sie, wir finden alleine raus. Tschühüss.

Das Interview führten zwei SPIEGEL-ONLINE-Redakteure, die auf keinen Fall namentlich genannt werden wollen

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