Fünfziger-Jahre- Revival: Auf Stöckelschuhen zurück an den Herd

Von Wiebke Brauer

Schöne alte Welt: In der Mode regieren wieder die fünfziger Jahre. Doch nicht nur Stöckelschuhe und Hawaii-Hemden erleben ein Revival. Die grenzenlose Internetgeneration sehnt sich nach den klaren Konventionen und Werten der goldenen Nachkriegszeit.

Verschwunden sind die Siebziger, jetzt werden die Fifties zitiert: Frühjahrsmode von H&M

Verschwunden sind die Siebziger, jetzt werden die Fifties zitiert: Frühjahrsmode von H&M

Die Mode ist ein seltsames Spiel. Stelzten doch noch vor kurzem alle Frauen auf Plateausohlen daher, zwängen sie auf einmal ihre weißbesockten Füße in Stöckelschuhe und schnallen sich breite Gürtel um die hoffentlich wespenähnliche Taille. Verschwunden sind die Siebziger, jetzt werden die Fifties zitiert. Plötzlich wippt pferdeschwanzgleich der Mythos von Optimismus und heiler Welt durch pinkfarbene Boutiquen. Passend dazu proklamiert man hier zu Lande alte Tugenden und in Amerika den Rückzug zu Heim und Herd.

Dabei fing alles so harmlos an. Im Kino lief "Der talentierte Mr. Ripley", Menschen kauften dunkle Jeans und krempelten sie unten um. Parallel dazu rutschen die Hosensäume der weiblichen Bevölkerung himmelwärts. Spätestens mit der rosigfarbenen und kleinkarierten Flut von Textilien wurde klar: Die Fünfziger sind wieder Mode. Auch die Pumps ließen nicht lange auf sich warten. Spitz müssen sie sein, mit einem Pfennigabsatz, der genau zwischen Pflastersteine und in Rolltreppenrillen passt, auf dass man sich flott den Hals bricht - wie schon vor 50 Jahren.

Nostalgie verkauft sich bestens: Schauspielerin Kate Beckinsale in "Pearl Harbor"
AP

Nostalgie verkauft sich bestens: Schauspielerin Kate Beckinsale in "Pearl Harbor"

Dazu schwappt eine neue Südsee-Welle auf den Markt. Hawaii-Hemden, Hula-Kurse und Blumenketten-Parties erobern Deutschland. Strandsehnsucht ist angesagt. Und die Hula-Mädchen-Lampe mit den schwingenden Hüften aus dem bald anlaufenden Film "Pearl Harbor" wird bestimmt genau so ein Verkaufsschlager wie der Wackel-Elvis aus dem aktuellen Audi-Werbespot. Nostalgie verkauft sich bestens.

So schön, schön war die Zeit. Mit dem neuen Modezitat wird die Nachkriegszeit zum Mythos erhoben. Die fünfziger Jahre, eine Ära des vergangenheitslosen Nach-Vorne-Schauens und der ungetrübten Konsumlust - Das perfekte Märchen über eine Gesellschaft, die an eine offene Zukunft glaubt, in der alles geht - wenn auch nach strengen Regeln. Auch heute geht alles. Wie damals sind wir von technischen Innovationen umgeben, allein das Regelwerk fehlt.

Voll im Trend: Julia Roberts im Fünfziger-Look bei der Oscar-Verleihung
REUTERS

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In einer Gesellschaft, in der jeder so frei ist, dass es einem freien Fall nahe kommt, heißt es, nach Halt und neuen Horizonten zu suchen. Elke Drengwitz, Professorin für Modesoziologie in Hamburg, bestätigt den Gegentrend zur absoluten Optionsgesellschaft: "Jetzt kommt dieses neue Regulativ zurück, und damit auch die Werte der Fünfziger." Wie praktisch, dass der Horizont der Fifties so schön eng und übersichtlich war. Kleinkarierte Konventionen versprechen ein sicheres Terrain.

Über 30 Jahre hat man sich gegen die Bourgeoisie und deren Ideale aufgelehnt, nun werden die bürgerlichen Werte als praktische Lebenshilfe wieder entdeckt. Entsprechend äußerte Kanzlergattin Doris Schröder-Köpf unlängst in einem Interview: "Wenn ich manchmal nicht weiß, ob ich etwas machen soll oder nicht, dann denke ich: Was würde beispielsweise Tante Hilde jetzt sagen. Die hatte eine klare Vorstellung von dem, was geht und was nicht. Was anständig ist."

Frühjahrsmode von Moschino: Bürgerliche Werte als praktische Lebenshilfe

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Als ob Tante Hildes Leitkultur nicht schon genug sei, erschien in den USA das Buch "Einfach schlau sein - einfach Frau sein. Erobern Sie Ihn - mit weiblichen Waffen" von Laura Doyle. Die Kurzbeschreibung lautet wie folgt: "Wer einen Mann haben und halten und von ihm begehrt werden will, darf ihn nicht analysieren, kritisieren, unter Druck setzen, sondern soll ihn respektieren, bestärken und bewundern." Emanzipierte Frauen raufen sich angesichts dieser Lektüre die Haare. Elke Drengwitz verneint: "Vielleicht gar nicht so sehr, es ist ja auch ein Eingehen auf die Realität". Also guckt man doch lieber eine "Wie angel' ich mir einen Ehemann"-Klamotte im Fernsehen, als sich in der fiesen Realität der Man's World durchzuboxen.

Und während sich noch Else Buschheuer in der "Max" über eine Rückkehr in die Steinzeit echauffiert, schwellen die Oberweiten in deutschen Landen wieder. Der Unterschied zu damals: Früher stopfte man sich Schaumstoff-Einlagen in den Büstenhalter, heute wird das Silikon direkt in den Busen gepfropft. Manche Zustände bleiben sich jedoch treu: So ruinieren sich modebewusste Frauen wieder Füße und Rückgrat mit spitzen Schuhen und quietschengen Hosen. Modemacher Thierry Mugler weiß, wie Frauenherzen schlagen: "Wer denkt schon an Bequemlichkeit, wenn man die Gelegenheit zur Grandezza hat." Eben. Wer schön sein will, muss leiden. Hat bestimmt schon Tante Hilde gesagt.

Wer denkt schon an Bequemlichkeit: Stöckelschuh-Mode und kurze Röcke bei H&M

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Absolute Gleichberechtigung und der Kampf darum, die schwer erkämpften Hosen anzubehalten - wie anstrengend! Modedesigner André Courrèges sagte einmal: "Ich kämpfe für Hosen, verfluche Korsetts, verdamme die Stöckel, weil ich weiß: Nur durch Stiefel mit flachen Absätzen bleibt man in Kontakt mit der Erde und der Wirklichkeit." Aber wer will das schon...

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