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Fußball-Doku "Gefahr von Rechtsaußen": Rote Karte für Neonazis

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Hakenkreuze, "Heil!"-Rufe, Nazi-Fahnen - in vielen deutschen Fußballstadien verbreiten Neonazis unverhohlen ihre braunen Überzeugungen. Die SWR-Dokumentation "Gefahr von Rechtsaußen" dokumentiert akribisch, wie erschreckend alltäglich rechtsextremes Gedankengut beim Fußball geworden ist.

Gibt es heute mehr rechtsextreme Fußballfans als noch vor fünf Jahren? Es gibt nicht viele, die das bejahen würden. Und auch der Autor Stefan Keber bleibt mit seiner Einschätzung im Vagen. Dankenswerterweise verzichtet er in seiner 45-minütigen Dokumentation "Gefahr von Rechtsaußen - Neonazis im Fußball" weitgehend auf Alarmismus. Er braucht ihn auch gar nicht. Der Alltag in deutschen Stadien, den Keber akribisch dokumentiert, ist mancherorts schließlich schon erschreckend genug. Wobei die skandalösesten Vorfälle - das lebende Hakenkreuz in Leipzig, die "Juden Jena"-Rufe in Halle, die verfremdete NSDAP-Fahne im Chemnitzer Block - nicht neu recherchiert, wohl aber genau dokumentiert sind.

Cottbuser Fanblock im Dresdner Rudolf-Harbig-Stadion (Archivbild): Skandalöse Neonazi-Propaganda
DPA

Cottbuser Fanblock im Dresdner Rudolf-Harbig-Stadion (Archivbild): Skandalöse Neonazi-Propaganda

Dass beim Spiel von Türkiyemspor gegen den für seine problematischen Fans bekannten BFC Dynamo ebenso nichts passiert wie beim Spiel von Aue auf St. Pauli, ist Künstlerpech für die Dokumentationsfilmer, die sich die Spiele zur Untermauerung ihrer These herausgesucht haben. Bei beiden Spielen waren die Autoren vor Ort und mussten sich mit Stimmen und O-Tönen aus dem Off behelfen. Alles andere wäre auch überraschend. Denn so dämlich, sich vor laufender Kamera offen zu produzieren, ist in der rechten Szene kaum noch jemand. Schon gar nicht, wenn - wie offenbar beim BFC geschehen - die Klientel vorher über die nahenden Journalisten informiert wurde.

Dass im Film dann dennoch Sätze fallen wie "Es gab schon Jugendmannschaften, die mit 'Sieg Heil' grüßten", wirft Fragen auf. Zum Beispiel die, warum diese Teams nicht genannt werden. Auch die NPD geistert merkwürdig phantomhaft durch den Film. Dabei zeigen die Autoren den Laster mit dem riesigen Rudolf-Hess-Konterfei ("Mord verjährt nicht"), mit dem rechte Kader anlässlich des 20. Todestages des Hitler-Stellvertreters durch die Republik gefahren sind. Ein Fahrer dieses Wagens, Fan von Lok Leipzig, hat eine Vergangenheit als Mitarbeiter der sächsischen NPD-Landtagsfraktion. In deren Landesverband findet sich mit Olaf Rose ein Parteiprominenter, dessen Lieblingsthema der angebliche "Mord" an Rudolf Hess ist. Gut möglich, dass mit einem Anruf bei der sächsischen NPD mehr als nur inhaltliche Verbindungen zwischen NPD und rechtsextremen Fußballfans dokumentiert hätten werden können.

In der Sequenz über Werder Bremen - im vergangenen Jahr überfielen hier rechte Werder-Hooligans eine Feier des Fanprojekts, das ihnen als zu links galt - bekamen die Autoren allerdings drei vermummte Fans vor die Kamera, darunter einen ausgemachten Rassisten. Der erzählt dann auch treudoof, dass Werder ein "norddeutscher Verein" bleiben müsse, mit "ausschließlich weißen Spielern".

Stark ist der Film in der Breite der Darstellung. Keber hat mit den richtigen Leuten gesprochen, mit Fans, die jedes Wochenende im Stadion sind und ihre Erkenntnisse nicht aus Seminararbeiten beziehen. Er hat mit Martin Endemann aus Berlin gesprochen, der als Sprecher des "Bündnisses aktiver Fußball-Fans" (BAFF) seit Jahren rechte Vorfälle in der Szene dokumentiert und kompetent einordnet.

Gegen Unterwanderung von rechts

Dem Gros der Zuschauer dürften neonazistische Symbole wie die "Schwarze Sonne" oder die Triskele nicht geläufig sein. Antifa-Aktivisten sind ja schon froh, wenn wenigstens hin und wieder mal ein Jugendlicher mitbekommen hat, dass die in der Szene beliebte Kleidermarke Thor Steinar bei vielen Profi-Vereinen als Verstoß gegen die Stadionordnung gilt. Dass Kameradschaftsaktivisten bei der Stadioneröffnung in Magdeburg eine halbe Stunde lang ein Transparent mit dem Slogan "Jedes System kann man abschalten - nationaler Sozialismus jetzt" hochhalten durften, ist da schon verwunderlicher.

Keber hat sich auch mit Matthias Stein unterhalten, einem Exponenten der Bundesarbeitsgemeinschaft der Fanprojekte. Deren Anspruch ist es, mit geschultem Personal auf rechte Jugendliche einzuwirken - ein sinnvoller und nicht selten erfolgreicher Ansatz, der vielerorts öffentlich gefördert wird. So auch in Jena, wo Stein das örtliche Fanprojekt leitet. Sein Verein, der Drittligist FC Carl Zeiss, hat kein Problem mit rechten Fans - die Ultragruppierungen setzten sich in der Vergangenheit erfolgreich gegen eine Unterwanderung zur Wehr. Anderswo, wo die rechte Szene sich ungestört produziert, "müssen sich die Fanprojekte mit einer halben Planstelle begnügen - bei uns sind es derer zwei".

Erschütternd ist, dass Tuvia Schlesinger, Präsident von Makkabi Berlin, des bekanntesten jüdischen Fußballvereins, sagt: "Ich habe mittlerweile das Gefühl, verschiedene Funktionäre wären froh, wenn wir nicht Fußball spielen würden." Auch die Makkabi-Spieler berichten anschaulich, darüber, dass sie mit Klischees und Anfeindungen konfrontiert werden, von denen man gehofft hatte, dass sie seit 1945 allenfalls noch in dunklen Kellern oder Gefängniszellen ausgesprochen werden.

Gut die Hälfte des Films widmen die Autoren dem Schicksal des jüdischen Fußballspielers Julius Hirsch vom Karlsruher FV und zeichnen dessen Weg vom gefeierten Helden und Weltkriegssoldaten bis zu seiner Ermordung 1943 in Auschwitz nach. Sie sind der Meinung, dass die heutigen Jugendlichen zu wenig über den Holocaust wüssten. Vielleicht stimmt das.

"Ich denke, dass man in allen Stadien in Deutschland solche Leute findet", sagt Steffen Kubald, Präsident von Lok Leipzig, über antisemitische und rechtsextreme Fans. Das stimmt sogar mit Sicherheit - doch diese Feststellung gilt bedauerlicherweise für Fußballstadien nicht in höherem Maße als für andere gesellschaftliche Räume. Wer in einer x-beliebigen deutschen Großstadt am Wochenende ausgeht, hört das Wort "Jude" heute weitaus öfter als Schimpfwort als noch vor fünf Jahren - nicht selten von Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Wenn am heutigen Montag "Gefahr von Rechtsaußen - Neonazis im Fußball" ausgestrahlt wird, dürfte kaum einer von ihnen zuschauen. Der SWR hat beschlossen, den Film um 0.15 Uhr zu senden.


"Gefahr von Rechtsaußen - Neonazis im Fußball", 29. September, 0.15 Uhr, SWR

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