SPIEGEL ONLINE: Herr Fuss, es ist Samstagabend, zwischen Bayern und Chelsea steht es unentschieden, es läuft die 90. Minute, da drischt Gomez den Ball in den Torwinkel, das Stadion bebt. Welchen Spruch hauen Sie raus?
Fuss: Woher soll ich das wissen? Ich lege mir ja keine Sprüche zurecht. Ich lasse mich immer ganz von der Emotion treiben und von dem Eindruck, den das Spiel auf mich gemacht hat. Ich mache den Job so authentisch wie möglich.
SPIEGEL ONLINE: Andererseits gelten Sie als akribischer Vorbereiter, arbeiten vor jedem Spiel dicke Dossiers durch. Ihr Kommentatoren-Platz soll geradezu strotzen vor gelben Klebezetteln - und dann bereiten Sie ausgerechnet Ihr Markenzeichen nicht vor?
Fuss: Ich habe tatsächlich den Anspruch, alles zu wissen, was man wissen kann. Nur so kann ich im richtigen Moment das Richtige sagen. Wenn es ein Elfmeterschießen gibt, weiß ich, wer beim letzten Mal getroffen hat und wer besonders schlecht ausgesehen hat. Das gehört zu einer professionellen Vorbereitung selbstverständlich dazu. Aber: Welche Sprüche mir in den Sinn kommen, wenn das Spiel läuft, ergibt sich spontan, dann bin ich vollständig fixiert auf das, was auf dem Platz da unten und bei den 70.000 Zuschauern um mich herum passiert.
SPIEGEL ONLINE: "Hier wird das Stadion auf links gezogen", "Bei Ribery hat der Figaro nach Gehör geschnitten": Auch wegen solcher Sprüche lieben Sie viele Fans. Andere schalten aber genau deswegen den Ton ab - und gründen eine Anti-Fuss-Gruppe bei Facebook. Trifft Sie das?
Fuss: Wer meine Art nicht mag, hat sicher gute Gründe. Schließlich bin ich eine Art ungeladener Partygast. Die Leute sitzen zu Hause und wollen das Spiel sehen - und schalten nicht wegen des Kommentators ein. Der eine freut sich dann über meine Begleitung, der andere erinnert sich an den letzten Abend, den ich ihm versaut habe. Darauf habe ich keinen Einfluss. Ich kann meinen Job nur so machen, wie ich eben gebaut bin. Das macht ja auch den Reiz aus. Die Reporterlegende Ernst Huberty hat mir mal gesagt: "Wenn du 50 Prozent der Leute hinter dir hast, machst du einen vernünftigen Job."
SPIEGEL ONLINE: Unstrittig ist, dass Sie selten Geld ins Phrasenschwein werfen müssen. Wie vermeiden Sie die typischen Fußballplattitüden?
Fuss: Ich schule manchmal junge Reporter und wundere mich, dass einige meinen, auch heute noch müsse "der Schalter umgelegt" oder "der Bock umgestoßen" werden, oder beim Eckstoß "gehen die langen Kerls mit nach vorne", damit es "im Strafraum lichterloh brennt". Meine Güte, da liegt ja schon meterdick Staub drauf! Das Wichtigste für einen Sportreporter ist, sich artikulieren zu können, die Dinge auch einmal anders zu beschreiben als sonst. Idealerweise auch spontan. Und dazu muss man sich, finde ich, literarisch "ein bisschen breiter aufstellen".
SPIEGEL ONLINE: Das Finale ist das letzte Champions-League-Spiel auf Sat.1, dann übernimmt das ZDF. Und Liga Total darf nur noch eine Saison lang die Bundesliga zeigen - in den letzten Rechte-Runden ist es für Ihre Sender also nicht gerade gut gelaufen. Angst vor der Arbeitslosigkeit?
Fuss: Ich bin da relativ entspannt. So eine Situation habe ich nun schon ein paarmal miterlebt: Nach einigen Jahren endet eine Sache, dafür öffnet sich woanders eine Tür.
SPIEGEL ONLINE: Was war Ihr absolutes Highlight-Spiel in diesen Jahren?
Fuss: Das kommt doch erst noch - an diesem Samstag! Allerdings: Etwas Dramatischeres als dieses unglaubliche letzte Spiel der Bayern in Madrid kann ich mir kaum ausdenken. Aber auch das 5:2 von Schalke bei Inter im vergangenen Jahr war sensationell, selbstverständlich auch die Bayern vor zwei Jahren im Viertelfinale in Manchester und ihr Einzug ins Finale. Das kann nur noch das Höchste toppen, was man in meinem Berufsstand erreichen kann: mit einer deutschen Mannschaft einen internationalen Titel zu holen.
SPIEGEL ONLINE: Klappt es damit schon an diesem Samstag?
Fuss: Ich glaube, die Bayern machen's! Ich habe mich auf ein 2:1 festgelegt - allerdings erst nach 120 Minuten. Die Bayern sind hauchzart im Vorteil, weil sie in ihrem Wohnzimmer spielen. In der ganzen Stadt herrscht totale Vorfreude, auch bei mir, ich wohne ja in München und kann das Stadion förmlich riechen. Jeder einzelne Spieler will sich hier unbedingt verewigen, und das wird letztlich den Ausschlag geben. Dieser Wille prägte schon ihre gesamte Champions-League-Saison, die schlichtweg grandios war: Manchester City zu Hause souverän geschlagen, gegen Neapel nicht verloren. Und ich frage mich, wie das Halbfinale gegen Real Madrid noch zu toppen sein soll.
SPIEGEL ONLINE: Trotzdem ist Ihr Tipp ziemlich vorsichtig. Bei den Buchmachern jedenfalls ist Bayern der glasklare Favorit - schon nach 90 Minuten.
Fuss: Achtung, das ist mir zu siegessicher! Es wird jedenfalls knapp. Es würde zu Chelsea passen, wenn sie ausgerechnet jetzt zuschlagen, wenn sie schon alle Welt weit über ihrem Zenit wähnt. Außerdem: Wenn ein Team in den letzten sieben Jahren Champions League wirklich Pech gehabt hat, dann ist es Chelsea. Andererseits haben sie das ganze Glück, das ihnen nun verdientermaßen zusteht, bereits im Halbfinale gegen Barcelona verbraucht.
Das Interview führte Florian Diekmann
"ran Spezial - Das Champions-League-Finale", Samstag, 19.5., ab 11.30 Uhr, "ran - UEFA Champions League", Samstag, 19.5., 20.05 Uhr, jeweils Sat.1
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