Fußball-WM Rudelgucken, bitte nicht!

Gemeinschaftliches Fußballschauen, womöglich noch in der Öffentlichkeit? Der Horror, findet unsere Autorin. Sie genießt die Spiele lieber alleine - auch aus Furcht vor dem unterschätzten Tintenfisch-Effekt.

Public Viewing in Berlin
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Public Viewing in Berlin

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Das Gürteltier hatte mich aufgehalten, so ein Ärger. Eigentlich wollte ich meinen Keramikkurs gestern früher verlassen, um rechtzeitig zum Spiel Tunesien gegen England zu Hause zu sein, aber dann knetete ich doch so lange an meinem neuen Projekt, dem Gürteltier eben, herum, dass die zweite Halbzeit schon begonnen hatte, als ich nach Hause lief.

Ich tat das in einem aufwendigen Zickzackmuster, von oben sah mein Weg eventuell so aus, als würde ich wirre Geheimbotschaften auf Google Maps ergehen wollen, tatsächlich wich ich nur allen Kneipen, Dönerbuden und Shisha-Etablissements mit WM-Außenfernseher aus, als wären sie tödliche Pilzwesen aus dem Computerspiel und ich eine schnurrbartlose Mario-Schwester, denn ich wollte auf keinen Fall ein Zwischenergebnis sehen. Andererseits wäre das Spiel vermutlich schon vorbei, bis ich endlich zu Hause wäre, es wäre schlau gewesen, mich einfach irgendwo auf eine Bierbank dazuzusetzen, um zumindest noch die Hälfte mitzukriegen.

Ging aber nicht, denn ich hasse Fußball in Gesellschaft.

Öffentliches, gemeinschaftliches Fußballschauen ist für mich so schrecklich, wie das Wort "Rudelgucken" klingt. Private Glotzgemeinschaften finde ich allerdings auch problematisch, da mache ich keinen Unterschied. Ich will mich nicht bei irgendwelchen Bekannten noch mit auf die Sofakante quetschen, nicht im knallvollen Biergarten in die "Hou!!- und "Zzzschh!"-Chancenvermeldungschöre einstimmen, ich will keinen Nudelsalat mitbringen und meinen Kopf nicht schildkrötig einziehen müssen, damit die hinter mir auch etwas sehen. Ich will die WM für mich haben.

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Der 5. WM-Tag 2018: Das Fußball-Fest

Natürlich sind da zuerst die offensichtlichen, praktischen Gründe, die dafür sprechen, Fußballspiele alleine anzuschauen, idealerweise zu Hause in der eigenen Festung: Man hat immer den gemütlichsten Platz, stets freie Sicht auf den Fernseher, unbegrenzten, warteschlangenfreien Zugriff auf Getränke, Snacks und sanitäre Anlagen. Man kann wirklich das Spiel sehen statt irgendwelcher Hinterköpfe, man kann sich über den Kommentator aufregen, weil er nicht durch Trottelkommentare übertönt wird. Und man verpasst keine entscheidenden Szenen, weil einem ein ungeschickter Vorbeidrängler versehentlich sein Getränk in den Kragen schüttet oder unsachgemäß mit seiner Klatschwurst hantiert.

Pochadrige Umhalsungsknäuel

Mein heimlicher Hauptgrund gegen Geselligkeitsguckerei: Wenn ich eingegruppt Fußball schauen muss, fühle ich mich immer wie ein Tintenfisch. Diese Tiere leben im ständigen Austausch mit ihrer Umgebung. Nicht, weil sie das so wollen, sie haben keine Wahl, das Prinzip der Osmose zwingt sie dazu, weil ihre Haut eine halbdurchlässige Trennwand nach außen bildet. Genauso geht es mir beim Public Viewing, statt Wasser strömt die Stimmung um mich herum in mich, ob ich will oder nicht, und gleicht meine private Stimmung der Massenstimmung an. Ich lasse mich mitreißen, beim Pöbeln und beim Jubeln, und wahrscheinlich widerstrebt das einfach meinem inneren Gefühlskontroletti. So schnell lässt man sich ja heute von irgendwem zu irgendwas aufstacheln, da ist es wirklich wohltuend, gelegentlich mal ganz bei sich zu bleiben.

Natürlich, ganz alleine ist manchmal auch fad, ein bisschen menschliches Grundrauschen ist mitunter ja ganz schön. Beim Deutschlandspiel am Sonntag hatte ich meinen persönlichen Idealzustand erreicht, ich schaute daheim auf meinem Sofa, als einzige Gesellschaft meine faszinierend fußball-desinteressierte Schwester. Sie kam ins Wohnzimmer, warf einen Blick auf den Fernseher, in dem gerade der vielgeliebte ZDF-Jungexperte Christoph Kramer irgendwas erklärte, und sagte: "Ach, der hat bei ,Deutschland sucht den Superstar' mitgemacht, gell?" Dann fragte sie nach, ob bei Deutschland immer noch "der Neuner" im Tor steht, "irgendwas war da doch mit dem", und ob es heute "gegen Italien" ginge, und ich wusste sofort wieder, warum ich am allerliebsten mit ihr Fußball schaue: In ihrer Gesellschaft war ich nicht einsam, beim Zuschauen aber doch alleine.

Zwar erkundigte sie sich etwa in Minute 20 noch schläfrig, warum eigentlich "der eine" nicht mehr mitspielte, der "nach jedem Tor immer einen Purzelbaum" gemacht hatte, dann war sie auch schon eingeschlafen und gab dem Restspiel einen angenehmen Low-Energy-Rahmen. Selbst ein deutscher Sieg hätte in unserer leidenschaftslosen Enklave keine Euphorieausbrüche entfacht, so mag ich es.

Ich will ganz sicher niemandem seine überschäumende Freuden-Eskalation verbieten, von mir aus kann sich jeder vor Behagen gerne in einen pochadrigen Schreihals verwandeln, wenn ihn seine Glücksgefühle dazu zwingen, gerne sollen sich Freunde und Fremde zu seligen Umhalsungsknäueln ballen, so lange ich mich daran nicht beteiligen muss. Als ich letztens meinen Hund aus der Tierpension abholte, berichteten mir die Pflegerinnen, er habe - für sie wegen seines sonstigen Lämmchengemüts überraschend - eine englische Bulldogge attackiert, als die von ihrem Herrchen abgeholt wurde und darüber völlig aus dem Häuschen geriet. "Er hat sie gemaßregelt, weil sie sich zu sehr freute", erklärte die Hundesitterin. Das liebe Tier ist mir womöglich doch ähnlicher, als ich dachte.

Es liegt nicht an euch, es liegt an mir: I'd rather walk alone.

insgesamt 63 Beiträge
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Seite 1
dolfi 19.06.2018
1. geht mir genau so
Ich schaue kein Fussball und das am liebsten allein. Alles andere ist mir zu blöd.
Christoph 19.06.2018
2.
Fußballdesinteressierte Schwester? Sagen Sie das nicht zu laut, erst recht nicht - obwohl es jeder weiß - dass es viel mehr fußballdesinteressierte Schwestern als Brüder gibt, denn diese offensichtliche Tatsache humorvoll aufzugreifen und bestimmte Fußballbegriffe anhand von eher frauentypischen Verhaltensweisen zu erklären, ist ja ganz tief sexistisch, wie man in einem anderen Spon-Artikel nachlesen kann.
mariomeyer 19.06.2018
3. Yo!
Seelen-Striptease. Das kann weg.
(t)Rommel 19.06.2018
4. Gääähn
Ist bei Spiegel Online zufällig noch eine Stelle frei? Die würde ich gern nehmen, dann könnte ich auch meine völlig belanglose Meinung und Persönlichkeitsdarstellung niederkritzeln und würde auch noch dafür bezahlt werden ;-) ….
struebind 19.06.2018
5. Köstlich!
Anja Rützel, verwandelt jede mediale Steilvorlage mit unbestechlicher und kaltblütiger Treffsicherheit. Gnadenlos gut und immer ein Schlag ins Kontor des realen Wahnsinns! Chapeau, Madame - Sie haben alle meine Sympathien!
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