S.P.O.N. - Der Kritiker Fußball, ein Ammenmärchen

Ein Weltmeistertitel würde Deutschland nicht verändern. Die Nationalelf sagt nichts über den Zustand dieses Landes aus. Der WM-Patriotismus täuscht über eine Leerstelle hinweg, die von Politik und Kultur besetzt werden müsste.

Eine Kolumne von


Ein Fußballspiel ist keine Politik - und wenn die deutsche Mannschaft am Sonntag Weltmeister wird, dann ist das verdient, weil sie insgesamt die besten Spieler des Turniers hatte: Es ist aber noch keine Aussage über den allgemeinen Zustand dieses Landes.

Denn ein Spiel ist ein Spiel ist ein Spiel - wozu also mal wieder diese gleichzeitig laut und gekränkt auftrumpfende deutsche Geschichtspolitik?

Ja: Deutschland wurde Weltmeister 1954, 1974, 1990. Nein: Es hatte nichts mit dem Wirtschaftswunder, der coolen BRD und der Wiedervereinigung zu tun.

Und auch, ja: der Titel am Sonntag wird Deutschland nicht verändern, wird kein anderes Deutschland zeigen, wird keine Aussage zulassen über Selbstbewusstsein, Weltoffenheit, Toleranz, Durchlässigkeit, Demokratiefähigkeit, Härte, Rassismus oder Arroganz dieses Landes.

Wo sind denn, nur zum Beispiel, die DAX-Vorstände, die Khedira oder Özil oder Boateng mit Nachnamen heißen?

Auch Frankreich hat es auch einmal versucht, diese fußballhistorische Umdeutung: 1998, als die Mannschaft um Zinédine Zidane Weltmeister wurde und auf einmal so viele nordafrikanische und schwarzafrikanische Gesichter auf dem Platz waren, als ob die Kolonien im Herzen des Landes angekommen wären.

Dabei zeigte sich dort nur, dass Fußball ein sehr spezifisches und ziemlich ausschließliches Aufstiegsvehikel in einer ansonsten weiterhin rassistisch strukturierten Gesellschaft war. Und wenig später brannten dann die französischen Vorstädte. Großartiges Integrationsmodell Fußball.

Heitere Entpolitisierung

Politik ist Politik und sollte nach ihren eigenen Maßstäben beurteilt werden - Fußball ist zwar vielleicht ein kollektives Erlebnis, es ist aber in erster Linie immer ein individuelles Ereignis.

Das Spiel gegen Brasilien hat ja gerade gezeigt, wie irre, absurd, unvorhersehbar und dadurch letztlich frei Fußball ist.

Das 7:1 ist nicht zu instrumentalisieren, es war verwirrend für die betretenen Sieger wie für die betenden Verlierer, und für die Zuschauer war es fast ein metaphysisches Desaster.

Wie kann man nach so einem Spiel weitermachen? Was kann danach noch kommen? Es war ein kosmisches Ereignis, es war aber auch ein Nullpunkt - zu fassen oder ansatzweise zu verstehen eher mit poetischen als mit politischen Mitteln.

Aber was soll man machen, wenn sogar der tollpatschig schwäbelnde "Tagesthemen"-Thomas Roth sagt, dass "wir Fans" dies und "wir Fans" das, und dabei so wirkt, als habe ihn jemand gezwungen, Euphorie in ein Land zu pusten, das schon von selbst ziemlich gute Laune hat.

ARD und ZDF haben sich bei der WM eh mal wieder als die Quotenhuren erwiesen, die sie sind, sie haben ihre Nachrichtensendungen unbedingt in die Halbzeitpausen pressen müssen und dann noch in der "heute"-Sendung als erste Meldung die eigene Rekordquote vom Vortag gemeldet.

Das passiert eben, wenn man Fußball politisiert oder instrumentalisiert: totale Entropie, heitere Entpolitisierung.

Das ganze Gerede vom positiven Patriotismus fußt dabei seit 2006 auf der Annahme, dass es vorher oder außerhalb dieses WM-Gefühls nichts Erhebendes gibt in diesem Land - eine Aussage, die nicht wahrer wird dadurch, dass man sie dauernd wiederholt.

Positive Identifikation

Es ist zum Beispiel ein antibundesrepublikanisches Ammenmärchen, dass dieses Land vor der Wende keine positive Identifikation ermöglicht hätte - als ob alle Menschen damals wie geknechtet von der Schuld des Nazi-Mordens herumgelaufen wären, gefangen im ewigen Selbsthass.

Aber wenn einem natürlich das Grundgesetz zu abstrakt ist und Heinrich Böll zu katholisch, wenn einem die Edition Suhrkamp zu bunt ist und Rainer Werner Fassbinder zu schwul, wenn einem das Braun-Design zu streng ist und Kraftwerk zu kühl - dann kann man natürlich 2014 sagen, dass es nichts Positives gab in der BRD.

Ähnlich kann man es für die DDR sagen, die sich für das bessere Deutschland hielt und aus diesem Selbstverständnis heraus auch lange lebte und anfangs einige der besseren Deutschen angezogen hat: Bertolt Brecht, Arnold Zweig, Hans Mayer - man muss diese DDR-Identität nicht mögen, wenn man bei Springer arbeitet, aber man kann sie wenigstens wahrnehmen.

Die Frage ist dagegen, was Deutschland nach 1989 außer der Freude über die Wiedervereinigung Neues hervorgebracht hat - und auch das ist ja etwas Altes, etwas nach hinten Gerichtetes.

Vielleicht ist das der Grund für den Fußball-Patriotismus, der eine Leerstelle besetzt, die man politisch, kulturell, gesellschaftlich füllen müsste.

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insgesamt 110 Beiträge
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Seite 1
yast2000 11.07.2014
1. Es geht um Normalität.
Beim Fußball geht es um Normalität, und zwar abseits der Geschichte, und diese unpolitische Normalität ist psychologisch ein Segen für dieses Schland. Erst nach dieser Erkenntnis wird völlig zu Recht weiter gebasht... ;-)
NervösesHemd 11.07.2014
2. Öhm...
Zitat von sysopEin Weltmeister-Titel würde Deutschland nicht verändern. Die Nationalelf sagt nichts über den Zustand dieses Landes aus. Der WM-Patriotismus täuscht über eine Leerstelle hinweg, die von Politik und Kultur besetzt werden müsste. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/fussball-wm-finale-deutsche-nationalelf-und-patriotismus-a-980499.html
was lese ich da in dem Artikel? Es gäbe keine DAX-Vorstände, die Khedira oder Özil heißen? Ich frage mal kurz Ansu Jain (Deutsche Bank), was er meint. Oder Francesco de Meco von Fresenius (auch im DAX). Frau Carreiro-Andree (Vorstand BMW) ist leider zu Tisch, usw. usw. Nun ja, an manchen zieht das Leben einfach vorbei. Und zu meinen, dass so eine WM ein Land nicht wirklich verändert, das ist doch... (aber nun wirklich) genau richtig. Kein Fußballfan erwartet das, wirklich niemand. Wir haben einfach nur Bock auf das Endspiel und leben gerne in Deutschland. Über Mesut und Sami freuen wir. So einfach ist und doch so viel.
etemenanki 11.07.2014
3.
Zitat von sysopEin Weltmeister-Titel würde Deutschland nicht verändern. Die Nationalelf sagt nichts über den Zustand dieses Landes aus. Der WM-Patriotismus täuscht über eine Leerstelle hinweg, die von Politik und Kultur besetzt werden müsste. http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/fussball-wm-finale-deutsche-nationalelf-und-patriotismus-a-980499.html
"Die Frage ist dagegen, was Deutschland nach 1989 außer der Freude über die Wiedervereinigung Neues hervorgebracht hat - und auch das ist ja etwas Altes, etwas nach hinten Gerichtetes. Vielleicht ist das der Grund für den Fussball-Patriotismus, der eine Leerstelle besetzt, die man politisch, kulturell, gesellschaftlich füllen müsste." Insgesamt ein schöner Kommentar. Ich würde "die Kraft des Fußballs" aber nicht unterschätzen - nicht das Spiel bzw. die Nationalmannschaft an sich, sondern die gesellschaftlichen Dynamiken, die sie hervorbringen kann. Nach dem traumhafte "Sommermärchen" 2006 ist unser Ansehen weltweit gestiegen, "Das Wunder von Bern" 1954 gilt oft als eigentliche Wiedergeburt Deutschlands. Man nehme jetzt die kollektive Trauer und Wut, das schwer gekränkte Selbstbild, in Brasilien nach der schweren Niederlage - durchaus möglich, ja sogar höchstwahrscheinlich, daß das Potential zu gesellschaftlichen Umbrüchen hat ( evtl. zerstörerischen: Unruhen, vielleicht auch positiven: kritische Hinterfragung der hysterischen Vergötzung des Fußballs als nahezu allein sinnstiftend.) - Was die "Leerstelle" betrifft, die bei uns gefüllt werden muß, und die Sie mit der Wiedervereinigung vergleichen - nun ja, es ist durchaus möglich, daß sich gerade ähnlich Historisches anbahnt, und wir auch unseren anderen Großen Bruder bitten werden zu gehen :-). Der Grundstein könnte jedenfalls gestern mit der Ausweisung des obersten US-Spions gelegt worden sein. ( Ich gehe davon aus, daß noch ganz andere Kaliber herauskommen werden. Wenn ja, hat ein vom Stolz auf den WM-Titel erfaßtes Land evtl. eher den Mut dazu.)
pechblende82 11.07.2014
4. Tugend und Untugend: auf das Verhältnis kommt es an
Ich finde , dass Jogi Löw in seiner ruhig-zurückhaltenden, klugen Ernsthaftigkeit (bei hoher Professionalität) sehr wohl Eigenschaften eines Teils unseres Landes vertritt. Und es ist nicht ganz Zufall, dass er aus dem Bundesland stammt, in dem nachdenkliches Tüfteln und Präzisionsarbeit die größten Erfolge deutscher Wirtschaft hervorgebracht haben. Als Gegenpart geringerer Tugend mag das Desaster vom Berliner Flughafen stehen, deren Geburtshelfer Selbstüberschätzung, mangelnde Kompetenz und Verantwortungsgefühl, Extrovertiertheit ohne substanziellen Kern und offenbar auch Korruption stehen. Beides ist in unserem Land zu Hause; die erst beschriebene Tugendseite aber glücklicherweise relativ stark.
telltaleheart 11.07.2014
5. Fußball-Kult
Dammich provokativ dieser Text, aber erfrischend und wahr. Fußball, oder besser dieser Hype um Fußball und ganz besonders diese WM, ist eine Flucht ins Virtuelle. Hohles Ritual. Dabei ist gegen Fußball gar nichts zu sagen. Aber dagegen was daraus gemacht wird schon. Denn wir reden hier über Männer die Ball spielen. Das kann man schön und spannend finden, muss man aber nicht. Denn schließlich ist das was die Männer dort tun letztlich unwichtig. Es ist Spiel und entscheidet keineswegs über das Schicksal unseres Universums, wie man manchmal denken könnte. Alles andere ist nur hinein interpretiert. Über unser Land sagt der Erfolg der deutschen Mannschaft allenfalls soviel, dass offenbar das Geld da ist einige der Männer aus aller Welt zu engagieren die dieses Spiel am besten können. Mehr ist da nicht.
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