Fußball-Musical "Der Spielmacher" Der Ball ist rund, das Leben nicht

In diesem Fußball-Musical fallen keine Tore, es geht um Geld, Liebe, Korruption - und die Blutgrätschen des Lebens. Maurice Summen und Patrick Wegenroth inszenieren in Berlin das weltweit erste "Fussical".

Gianmarco Bresadola

Lukas Podolski brachte es am besten auf den Punkt. "Es überwiegt eigentlich beides", entgegnete der Kölner vor einigen Jahren auf eine dieser hundsgemeinen Reporterfragen, die man eigentlich nur falsch beantworten kann. Ob er sich über sein Tor freue oder über das Unentschieden seiner Mannschaft ärgere? Ganz klar, die Sache sei unklar, meinte Podolski - und traf nebenbei die Ambivalenz, mit der man sich heute als Fußballfan arrangieren muss, ins Mark. Das Lieblingsspiel der Deutschen macht es einem dieser Tage nicht leicht, sich zu entscheiden.

Der einstige Sport der kleinen Leute ist zum gigantischen internationalen Geschäft geworden. Mit dem Geld ging der Skrupel und mit dem Skrupel die Unschuld. Zwar ist Fußball weiterhin integrative Kraft mit ganz eigener Magie, ein gesamtgesellschaftlicher Kitt auf rund 7000 Quadratmetern grüner Spielfläche. Doch der Putz bröckelt. Korruptions- und Schwarzgeldaffären kommen mit bedrückender Regelmäßigkeit ans Licht, die Fifa baut ihre Weltmeisterschaft in Katar etwa auf dem Rücken moderner Sklavenarbeiter auf. Dazu kommen archaisch wirkende Spielertransfers, eine ungesunde Gemengelage finanzieller Interessen und chronisch gewordene Intransparenz der verantwortlichen Institutionen. Die Liste guter Argumente gegen den Profifußball ist lang. Wenn das Spiel nur nicht so schön wäre!

Wie geht man mit diesem Spannungsfeld um? Und was macht es mit seinen Akteuren? Diesen Fragen spürt das von Maurice Summen von der Berliner Indieband Die Türen und Regisseur Patrick Wengenroth konzipierte "Fussical" "Der Spielmacher" nach, ein groteskes Hybrid aus Theater, Musical und Fußball, der am Freitagabend im Berliner Hebbel am Ufer Premiere feierte.

"Korruption ist mein Verein"

"Der Spielmacher" ist weder klassisches Musical, noch kümmert es sich um Fußball an sich. Auf einer Länge von zwei Halbzeiten plus Verlängerung gibt es weder Pomp noch Glamour. Auch Tore fallen keine. Stattdessen durchleuchtet Wengenroths Flutlicht mal amüsiert, mal melancholisch die Gefühlslage der Protagonisten des Drittligavereins Bussard Berlin - gänzlich neben dem Platz wohlgemerkt.

Die Bussarde stehen sensationell im Viertelfinale des DFB-Pokals und nicht, wie gewohnt, knietief im Abstiegskampf. Während die Spieler mit sich selbst und dem Gegner aus Eisenhüttenstadt ringen und der Dopingarzt (Ramin Bijan) "nicht an Wundern, sondern an Wundermitteln" feilt, ist für die Vereinsführung die Devise längst klar: Moral über Bord und fleißig bescheißen, denn "Erfolg hat immer Recht." Oder wie es der von Summen selbst gespielte Stadionsprecher ausdrückt: "Korruption ist mein Verein."

Da passt es gut, dass Shooting-Star Mehmet Müller (Eva Löbau) die Saison seines Lebens spielt und internationale Begehrlichkeiten weckt. Nach Abu Dhabi soll es gehen, ein Scheich ist bereit, Müller für 15 Millionen Euro zu kaufen - und den Verein aus kapitalgeschwängerter Kulanz gleich mit in die Wüste zu transferieren.

Während der Präsident (Vivien Mahler) schon die Koffer packt ("Der Kapitalismus wird schließlich keines natürlichen Todes sterben"), zerbricht Erfolgsgarant Müller zusehends an dem Druck und seinem Leben abseits des Rasens. Er hat sich nämlich in seinen dauerverletzten und dauerromantischen Mitspieler Andrea (Andreas Spechtl) verliebt und eine Affäre mit ihm begonnen. Oder so ähnlich.

Abgehalfterter Siebzigerjahre-Hartplatz-Schick

Denn Summen und Wengenroths Stück leidet, nimmt man den gestandenen Regisseur und die Bald-Tatort-Kommissarin Löbau einmal aus, am mangelnden Theaterhintergrund seiner Besetzung. Auf der Bühne fehlt es an Stringenz, einmal angerissene Handlungsstränge werden nur halbgar fortgeführt, Dialoge versteht man oft bestenfalls in Bruchstücken. Das Stück wirkt wie um seine Musik herum konstruiert. Wer hier großes Theater sucht, ist trotz einer lupenreinen Rondo-Struktur falsch.

Und kommt mit ebenso falschen Erwartungen. "Der Spielmacher" ist mehr audiovisuelles Konzeptalbum als klassisches Drama. Und will auch nichts anderes sein. Summen, nebenbei noch Chef des Berliner Kult-Plattenlabels Staatsakt, schafft es als musikalischer Leiter, eine drollig-depressive Mannschaft aus seinem halben Label-Kader auf den Theaterrasen zu stellen. Die kann wunderbar singen und mittelmäßig spielen. Egal, für die Botschaft reichts.

Im abgehalfterten Siebzigerjahre-Hartplatz-Schick inklusive Nackenwärmer-Frisur und von der örtlichen Brauerei geformter Plauze verhandeln neben den Türen auch der Sänger der deutsch-österreichischen Indieband Ja, Panik!, Andreas Spechtl, Pop-Tausendsassa Jens Friebe, Chris Imler und die als objektophiler Platzwart brillierende Christiane Rösinger die gerne verschwiegenen Kainsmale des Profisports. Hoch- und Popkultur werden dabei zu einem brüchigen Amalgam verrührt. Mehmet Müller etwa mit Rousseau: "Der Spieler ist frei geboren und liegt doch überall in Ketten."

Es geht um ein zermalmendes Leistungsprinzip nach turbokapitalistischen Grundregeln, um verbindliche Männlichkeit und die Unmöglichkeit von Homosexualität. "Der Fußball ist nicht unmenschlich geworden", beteuert der an einen Ex-Bayern-Primus erinnernde Vereinsboss medienwirksam. Und doch rafft die Knochenmühle am Ende alle dahin.

Fußball ist eine Miniatur des Lebens

Der Zeitpunkt der Premiere ist dabei natürlich Kalkulation. Während der Europameisterschaft ist die Aufmerksamkeit für Fußballthemen noch größer als ohnehin schon. Und der Effekt eines sezierenden Blicks auf die Hintergründe solcher Veranstaltungen am stärksten.

Denn wenn an diesem Sonntagabend wieder ein Tor fällt, der Schiedsrichter eine Tatsachenentscheidung vergeigt oder der Leistungsträger gefoult wird, rücken all die berechtigten Zweifel an diesem System in den Hintergrund. Ungleichheit, Korruption, Lizenz zum Gelddrucken? Für den Moment gemeinsam weggeschrien, -geweint oder -gelacht.

Vor diesem Hintergrund ist es eine willkommene Abwechslung, wenn sich Andreas Spechtl als menschliches Ersatzteillager Andrea durch das Tal seines eigenen Nicht-Stattfindens croont und Ramin Bijan als Dopingarzt unmissverständlich konstatiert: "Und immer, wenn du es hochkommen spürst/ Die Rebellion und Wut (...)/ Lass es bleiben."

Die wahre Stärke des Stücks liegt jedoch in seinem Blick auf die noch größere Bühne. Denn, frei nach Klaus Theweleit, in dieses Tor zur Welt namens Fußball passt wirklich alles hinein: die ganze menschliche Natur, sämtliche großen Blutgrätschen und kleinen Triumphe des Lebens. Fußball ist eine Miniatur des Lebens auf knapp hundert Metern Spielfläche, 22 Typen jagen Ball und Tor hinterher wie Sisyphos seinem Stein. Und alle machen mit. Das macht ihn zu dem schönen Spiel, das er trotz allem ist.

"Der Spielmacher" überträgt diese Miniatur humorvoll auf 30 Quadratmeter blauen Kunstrasen: Der Ball ist rund, das Leben jedoch nicht. Den ohnehin Gebeutelten trifft es noch härter, der Erfolgsverwöhnte stößt an seine Grenzen, und jeder versucht nach seinen Möglichkeiten, das Beste daraus zu machen. Am Ende entscheidet jedoch immer das Geld. Gar nicht so ungesund, aus diesem Malstrom auszubrechen, meint Spielmacher Mehmet Müller: "Denn meine Knie gehören mir. Das nächste Spiel ist das Leben." Das hätte auch Lukas Podolski nicht besser sagen können.


Der Spielmacher. Hebbel am Ufer Berlin. Nächste Vorstellungen am 27. und 28.6., Tel. 030 25900427. Das zugehörige Album ist bei Staatsakt erschienen.



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