Medienkunst Love, Sex, Techno, Abzocke

Was wird uns in der Zukunft anmachen? Verändert Online-Dating die Liebe? Eine Ausstellung in Basel entwirft Utopien über virtuellen Sex, frei gewählte Geschlechter und die zynische Abzocke einer großen Branche.

Olga Fedorova

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Sex ist Geschmackssache. Wir konsumieren und praktizieren, was gefällt. Allerdings nicht bei Ed Fornieles. Der britische Künstler bittet in seiner Installation "Truth Table" darum, in eine virtuelle Erotik-Welt einzutauchen, in der der Betrachter Sex mit verschiedenen Avataren hat - doch anders als in einem herkömmlichen virtuellen Sex-Spiel können Partner und Praktiken nicht frei gewählt werden. Der Computer bestimmt, per Zufallsgenerator.

Gadgets, Roboter, Virtual Reality - neue Technik hat unser Intimleben rasant verändert, sowohl unsere Gefühlsbeziehungen als auch unsere Sexualität. Wie sieht Begehren in der Zukunft aus, und was macht das mit der Liebe? Über diese Frage sinniert nun die Ausstellung "Future Love" im Haus der elektronischen Künste in Basel.

Es ist eine Schau, die sexuelle Aufgeschlossenheit voraussetzt, sonst wird's hier und da verstörend. Schließlich berühren die Utopien die Zukunft unsere intimsten Wünsche und Ängste. Ed Fornieles' Installation etwa kann "vielleicht auch schockierend oder ungewohnt sein", sagt Boris Magrini, Kurator von "Future Love". "Aber wir haben hier die Chance, etwas Neuem zu begegnen und konsumieren nicht nur, was wir bereits kennen."

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Ausstellung "Future Love": Technoliebe

Für den Kurator sind derartige Science-Fiction-Sexprodukte das offensichtlichste und kommerziellste Zeichen, wie sehr sich Liebe und Sex verändert haben, wie sehr Technologie in die Natur des Menschen Einzug gehalten hat. "Doch es geht gar nicht so sehr um Hightech-Toys, die kommen und gehen. In den Neunzigerjahren dachten noch viele, Teledildonics seien die Zukunft unserer Sexualität. Heute sind diese ferngesteuerten Sextoys wenig verbreitet. Was sich aber verändert hat, sind der Konsum und vor allem unsere Konzeption von Sexualität."

Pflanzen mit menschlichen Hormonen

In "Future Love" werden diese Veränderungen in Utopien erweitert. Zum Beispiel auf dem Gebiet der Pharmazie, die vielen Menschen die Möglichkeit gegeben hat, ihr Geschlecht zu verändern. Was wäre, wenn jedermann dies unabhängig von Ärzten und Pharmabranche tun könnte, fragt etwa die Videoarbeit "Housewives Making Drugs" von Mary Maggic, in der Transgender zu Hause Hormone herstellen. Die amerikanische Künstlerin Micha Cardenas programmierte eine Fitness-App für Transgender-Menschen, um die gängigen Normen von Gesundheit zu hinterfragen.

Weit von der Norm entfernt sind auch die Reproduktions-Experimente von Spela Petric. Die slowenische Künstlerin und promovierte Biologin hat Pflanzen gezüchtet, die sie mit ihren eigenen, aus ihrem Urin extrahierten Hormonen in Kontakt gebracht hat. In diesem reellen Experiment haben die Pflanzen auf Petrics Hormone reagiert und sich anders entwickelt als in der Natur. Kann man in die menschliche Sexualität, die lange an die Reproduktion des Menschen gekoppelt war, auch andere Teile der Natur mit einbeziehen? Wo sind ethische Grenzen?

Viele der Arbeiten bergen in sich die Frage nach Grenzen. Schließlich birgt das Neue eben auch neue Gefahren, unter anderem weil Sexualität zu einem Markt kapitalistischer Interessen geworden ist. Die Schweizer Mediengruppe Bitnik befasst sich etwa in ihrer Arbeit "Ashley Madison Angels" mit Fake-Profilen auf Dating-Webseiten. Sie lehnt sich an den realen Fall des Seitensprungportals Ashley Madison an: Hacker hatten die Nutzerdaten des kanadischen Portals im Jahr 2015 öffentlich gemacht - dabei kam heraus, dass offenbar kaum echte Frauen registriert waren. Elf Millionen Männer hatten kostenpflichtig mit Fake-Accounts gechattet. "Mit unserer Sexualität wird viel Geld generiert. Wenn wir uns mit diesen Themen auseinandersetzen, können wir vielleicht bewusster entscheiden, ob wir mitmachen oder nicht", sagt Kurator Magrini.

Auch das Sammeln von Bio-Daten durch uns stets begleitende Geräte ist ein Thema bei "Future Love". Können Maschinen durch unsere Bio-Daten eine eigene Sexualität entwickeln? Der Moskauer Medienkünstler Dmitry Morozov beim Sex seine eigenen Bio-Daten aufgezeichnet und an einen Roboter übertragen, der in der Ausstellung gesteuert werden kann.

Der britische Zukunftsforscher Ian Pearson glaubt daran, dass im Jahr 2050 Sex zwischen Menschen der Vergangenheit angehören wird, weil dann alle mit Maschinen schlafen. Roboter-Bordelle und Stripklubs mit computergesteuerten Tänzern gehören dann zur Normalität. Wenn man "Future Love" gesehen hat, erscheint das gar nicht so unrealistisch.


Ausstellung: Future Love. Begehren und Verbundenheit im Zeitalter geformter Natur, Haus der elektronischen Künste Basel, bis 15. April 2018

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