G-8-Kunstaktionismus Der Protest der Anderen

Mach Dich nackig! Am Rande des G-8-Gipfels kommt auch die Kunst nicht zu kurz: Hippies frönen beim "nackten Block" der Freikörperkultur, Künstler schicken meerseits von Heiligendamm der Kanzlerin Wasserspielzeug. Franziska Bossy war beim Protest-Segeln mit Lach-Yoga dabei.


Rostock - Am Wochenende noch tobte hier der Straßenkrieg. Am Tag des Gipfel-Beginns ist das Gelände am Rostocker Stadthafen gähnend leer. Die SS Catherina, die die Kunstaktion "G(ebt) 8(acht) – zum Segeln und Kegeln" beherbergt, liegt weit abseits des Anti-Globalisierungs-Hauptfeldes am blauen Lastenkran auf der Höhe der Kunstschule, in der zurzeit ein alternatives Medienzentrum eingerichtet wurde. Auf dem Dach des mehrstöckigen Gebäudes stimmt ein Trompetenspieler die "Internationale" an. An Bord der Catherina vertiefen sich die Künstler unterm Sonnensegel in ihre "taz"-Lektüre.

Echte Lachnummer

Die Initiatoren der Aktion, Gunnar Gerlach und Jörg Stange von der Hamburger "Gesellschaft für operative Kunst" , begrüßen die Teilnehmer des Segeltörns entlang der Seesperre rund um Heiligendamm. "Man muss nicht immer 'anti' sein, sondern dagegen, dabei und doch woanders", lautet ihre schmissige Selbstdefinition. Wenig später hat sich die Mannschaft zum "Lach-Yoga" auf dem Hafen-Vorfeld versammelt. Am schönsten ist die Übung "Das stumme Lachen". Den Mund weit aufgerissen und in lautlosem Lachen verzerrt, gestikulieren alle Anwesenden wild in der Gegend umher und fallen dann mit lautstarken Begrüßungsfloskeln einander in die Arme. Die Anweisung des Lach-Yoga-Trainers Thomas Rieck lautet wesensgemäß: Ihr fragt einander zum Beispiel "Wie geht’s?" Die Antwort muss dann natürlich positiv sein. Aus der Distanz wirkt die Gruppe aus Künstlern, Wissenschaftlern und Aktivisten wie ein Kindergarten.

Vom "Ringelpietz mit Anfassen" verschreckt, nutzt man die Zeit vor dem Ablegen für einen Besuch des viel beworbenen Kunst-Geländes "Art goes Heiligendamm" zwischen Silo und Holzhalbinsel. Alles hier wirkt viel kleiner als auf den Fotos im Programmheft. Die Satire des Gipfelhotels Kempinski, die "Silver Pearl", ist eine begehbare Styropor-Nachbildung des Luxusresorts auf Baugerüst-Elementen mit silbernen Alufolien-Fähnchen. Vom Balkon aus ist die "Sauna" der improvisierten Anlage zu sehen: Vor einem schrottigen Wohn-Bauwagen lungern ein paar junge Leute herum, einige in Bademänteln, einige nackt. Ein postpubertärer Saunagast räkelt genüsslich seinen wulstigen Körper auf einem Sessel, seine marmorfarbene Haut beginnt gerade, sich hummerrot zu verfärben. Im Techno-Rhythmus bollert eine billige Cover-Version von "The Final Countdown". Eine Schiefer-Tafel erklärt die Vision und fordert "Solidarität mit dem nackten Block."

Ein Anliegen war, "das freie Heiligendamm hier zu inszenieren", erklärt Adrienne Goehler, die Kuratorin des internationalen Künstler-Areals, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Nach der medialen Darstellung des G-8-Gipfels befragt, sagt sie: "Ich bin stinksauer." Viele Bilder der Gewalt wirkten wie vorab inszeniert, die Medien würden ihre Aufmerksamkeit zu sehr den Autonomen schenken. "Man könnte sie ja einfach ins Leere laufen lassen." Dabei gehe es darum, dem martialischen Bildmaterial etwas Leises und Poetisches entgegen zu setzen, und zwar nicht ausschließlich in der Thematisierung von Hunger und Ausbeutung. Es sei wichtig, "ein diverseres Bild von Globalisierung zu zeigen," fordert Frau Goehler. Es gäbe keine Künstler, die sagen "Ey, ich bin übrigens gegen Globalisierung!" Denn letztere eröffne auch Möglichkeiten, die Welt anders wahrzunehmen und "aus abgeschotteten Teilöffentlichkeiten herauszukommen".

Performance wider die 'Flachware'

Auch die Performances an Bord der SS Catherina richten sich gegen die Verwässerung unserer Wahrnehmung. Der Segeltörn soll veranschaulichen, "dass Horizonte immer nur künstlich sind," sagt Ideengeber Gunnar Gerlach. Wenn die Videoteams an Bord sich gegenseitig filmen, und eine dritte Digicam filmt, wie sie dabei fotografiert werden, dann wirkt der mediale Overkill nicht nur wie ein selbstverliebtes Zitat, sondern wie eine ironische Praxis der Kunstschaffenden. "Wir machen hier ja eine leicht 'autistische' Aktion", sagt Mitorganisatorin Silke Peters, "denn es gibt kaum direktes Publikum." Präsenz zu zeigen sei heute wichtiger, als das Kunstwerk an der Wand, sagt Gunnar Gerlach. "Wir wollen nicht nur so genannte 'Flachware' im Museum sein." Hinter ihm schwebt gerade sanft ein birnenförmiger, eidottergelber Ballon über die Reling in Richtung Heiligendamm.

Die Atemluft in den Luftballons gilt als Metapher für verhinderte Proteste, die auf diesem Umweg doch noch den Gipfel erreichen sollen. Auf weißblauen und rosaroten Rettungsringen, die gen Ufer zu Wasser gelassen werden, prangen Botschaften an die Regierungschefs - die Palette reicht von "No G8" bis "Solar Power hilft auf Dauer". Der Völkerrechtler Norman Paech, Mitglied des Bundestages für die Linkspartei, erklärt: "Das, was die da in Heiligendamm machen, hat eine hohe politische Ikonographie", und gleiche der Strahlkraft, die der Petersdom in Rom für den Vatikan hat. Heiligendamm sei "ihr Petersplatz". Die Stärke der Kunstperformances an Bord sei, dass sie "unkoordiniert, spontan und seitab sind und ohne Machtprätentionen" auskämen, sagt Paech, "das war für mich das Wesentliche."

Etwa 50 bis 100 Meter östlich des Sperrgebiets funkt der Küstenschutz, der das Segelschiff bisher nur umkreist und aus der Ferne beobachtet hatte, den holländischen Skipper Floris de Waard an und erkundigt sich, ob ihm die Ausmaße des verbotenen Areals bekannt seien. Als er bejaht, dreht das Polizeischiff wieder ab. Immer wieder nähern sich die Patrouillen der Catherina, spät in der Nacht zieht ein Polizei-Dinghi längsseits in unmittelbarer Nähe an dem Zweimast-Schooner vorbei, aber die Polizei-Präsenz wird an Bord nicht als bedrohlich empfunden. Vielleicht freuten sich die über die ungewöhnliche Ablenkung? Heute geht es auf den Gewässern vor Heiligendamm nicht mehr so beschaulich zu.

Höhepunkt der Kunstaktionen sind die nächtlichen Performances der Videojockeys "Fuss!". Der Berliner Timo Daun und der Madrilene Raúl Marco Padilla projizieren auf das Deckshaus und auf das Schooner-Segel. Eine ihrer live improvisierten Installationen trägt den Titel "Industrial". Die flimmernde Maschinencollage (Schlagbohrer, Bagger, Zahnräder) haben die VJs in ein nervenaufreibendes Klanggebäude eingelagert, das aus gestörten Funksequenzen und elektrischen Interferenzen besteht. Das Getriebe der Welt hat sich verselbständigt, der Matrix-Gedanke wird neu belebt.

Vom Heck aus betrachtet bildet der im Wind flatternde Lichterhagel farblich und gestalterisch einen Vexierspiegel zur Küste von Warnemünde, vor der die Catherina ankert. Das Aufblitzen des Leuchtturms und der nahen Fahrwassertonnen, der bedrohlich schimmernde Rauch des Kraftwerks und das erleuchtete Hochhaus des Hotels Neptun scheinen an Bord ihr verzerrtes Abbild zu finden. Hier, nahe dem Warnemünder Fahrwasser, beginnt das sieben mal zehn Seemeilen große Sperrgebiet der Polit-Technokraten. Am Ende eines langen Tages hat die Kunst den Gipfel erreicht.



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